Meine liebsten dunklen Bands

In Leipzig hat das Wave-Gotik-Treffen hat begonnen – zum 25. Mal. Das erste habe ich 1992 gerade verpasst; denn ich bin erst im Sommer nach Leipzig gezogen. Von da an war ich aber auf immer wieder unterschiedliche Art mit der VILLA und dem WERK II verbunden, die ja zu den Keimzellen des WGT gehören.

Ich bin niemals ein Gruft im klassischen Sinn gewesen, hatte aber Gruft-Freunde. Und ich interessiere mich für Fantasy und klassischen Horror. Das ist auch wieder ein Berührungspunkt. Zur Feier des 25. WGT möchte ich mein CD-Regal durchgehen und eine Top-Five-Liste meiner liebsten dunklen Bands präsentieren, inklusive Anspieltipp. Natürlich wieder ohne Anspruch auf Vollständigkeit und völlig undogmatisch und in zufälliger Reihenfolge.

  1. Nick Cave & the Bad Seeds – Auf Nick Cave bin ich in meinen letzten zwei Schuljahren gestoßen. Der Ship Song war gerade als Single erschienen. Die Entwicklungen der letzten Jahre habe ich nicht mehr so verfolgt. Aber rückwärts bis zu seinen Anfängen ist er für mich interessant geblieben. Anspieltipp: People ain’t no good
  2. The Cure – Ich weiß tatsächlich überhaupt nicht, was Robert Smith in den letzten 10 bis 15 Jahren gemacht hat. Die Bloodflowers hatte ich noch einmal gehört, aber die haben mich nicht überzeugt. Die frühen „punkigen“ Cure sind auf jeden Fall die besseren. Die erste Single: Killing an Arab
  3. In the Nursery – Sie tauchten recht früh als eine der vielen Gruftbands auf Mixtapes auf. Dann hatte ich sie aus den Augen verloren. Jahre später sind sie mir mit Filmmusik zu klassischen Stummfilmen wieder begegnet. Der Anspieltipp ist daher auch gleich ein Filmtipp: Man with a Movie Camera
  4. Joy Division – Eigentlich war das gar nicht meine Musik. Und trotzdem hat sie mich bis heute nicht mehr losgelassen. Wie viel Frust kann man in ein Lied packen? Joy Division haben da Maßstäbe gesetzt. Anspieltipp: Iceage
  5. The Sisters of Mercy – Ich habe sie immer als die Popstars der Gruftszene empfunden. Mir gefielen die Anspielungen auf Leonard-Cohen-Texte. Ich habe sie lange nicht gehört. Gerade bin ich erstmal zu Wikipedia gegangen, um zu checken, ob es Andrew Eldritch überhaupt noch gibt. Anspieltipp: Something Fast

10 Jahre Blindgänger – Das Doppelkonzert im Bandhaus Leipzig

Wenn sich 16-Jährige zu einer Band formieren, mögen sie glauben, einen Bund fürs Leben geschlossen zu haben. Doch oft ist dann schon die nächste Freundin wichtiger als die Bandproben, und spätestens der Schulabschluss, die Ausbildung oder der neue Job bedeutet das Aus für das ehrgeizige Projekt. Welche Band überlebt auch nur fünf Jahre?

Mit den Blindgängern stand am Freitag und wieder am Sonnabend eine Gruppe von Musikern vor den jeweils rund 150 Zuschauern, die ihre Ideen nun schon seit zehn Jahren mit Überzeugung, Verve und der nötigen Chuzpe vertreten – und mit geradlinigem Rock ’n’ Roll unterschiedlicher Subgenres.

Zehn Jahre Blindgänger. Darauf kann man schon stolz sein. Doch es verleitet die Fünf nicht zur Hybris. Deshalb nutzten sie ihr Doppelkonzert zum Bandgeburtstag nicht zur ausgelassenen Selbstbeweihräucherung, sondern vielmehr, um sich in der Musiklandschaft der härteren Töne zu verorten. Das Bandhaus der Bandcommunity Leipzig ist dafür genau der richtige Ort. Beide Abende liefen nach der gleichen Dramaturgie: ein Anheizer zu Beginn, dann die immer noch jugendlichen Jubilare und schließlich jeweils ein Headliner, der deutlich macht, dass sich die Blindgänger ganz und gar nicht überschätzen.

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Am Freitag eröffnen Störfall das Feierwochenende mit solidem Metal-Punk und die Crushing Caspars aus Rostock lassen bis Mitternacht mit dem von ihnen geprägten Baltic Sea Hardcore das Bandhaus wackeln. Zum Sonnabend machen die Stoner Shotgun Valium aus Erfurt den Anfang. In tiefster Nacht geben sich zum Abschluss die Nitrogods die Ehre: Harter Rock mit Anklängen von Bluesrock und Psychobilly. An beiden Abenden spielen die Blindgänger an zweiter Stelle. Und an beiden Abenden haben sie völlig unterschiedliche Setlists. Da zeigt sich die umfangreiche Bandgeschichte. Sie sind die zehn Jahre eben alles andere als untätig gewesen.

Nur ein Lied wiederholt sich: „Da faucht der Aal“ von dem im Herbst 2012 erschienenen Album „Antrieb“. Würde dieser Teil der Musikszene in Singleauskopplungen denken, wäre das wohl ihr Top-Seller. Der Titel kommt von einer Äußerung des Techniker-Titan und Anker Urgestein Flori, der die Blindgänger beim Courage Jugendfestival 2011 ins Herz geschlossen hatte. Flori starb 2014 völlig überraschend. Hier war ihm schon zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt.

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Die Spielfreude ist den fünf jungen Männern immer anzumerken. Im Hintergrund sitzt Das Uhrwerk und gibt den Takt vor. Bereits nach wenigen Liedern spielt er mit freiem Oberkörper. Der Bass wird in vielen Bands vom ruhigsten und trockensten Typen gespielt. Nicht so bei den Blindgängern. Marv Vader zeigt in jedem Augenblick, wie Hardrock der späten 70er und frühen 80er gespielt werden muss. Nach dem Konzert habe ich selbst einmal versucht, so breitbeinig zu stehen und headbangend einen imaginären Bass zwischen meinen Beinen baumelnd zu spielen. Es ist schier unmöglich, so den Takt zu halten, aber Marv gelingt das spielend. The Holy Matze und Mr. Longneck an den Gitarren geben dem Sound der Band, was er für heutigen Rock braucht – die Mischung aus ständigem und harten Schlag und aufjaulenden Spitzen. Schließlich El Rich, der als Sänger eine echte Rampensau von großem Format ist. Zwischen den Songs gibt er noch ein paar Sprüche, widmet die Hälfte des Konzerts dem jüngst verstorbenen Lemmy, und zwischen den Schlucken aus der Bierflasche spuckt er auch mal ins Publikum. Ein paar Tropfen landeten auch auf meinem Gesicht. Nun bin ich ein Gesegneter des Punkrock.

Ich denke gern in Systematiken: Hard Rock, Heavy Metal, Punk, Hardcore. Nach der genauen Musikrichtung der Band gefragt, antwortet mir El Rich nach dem Auftritt: „Mir ist egal, in welche Schublade wir gesteckt werden. Hauptsache die Schublade ist in der Nähe des CD-Players.“ – Das muss ich wohl so hinnehmen.

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Seit zehn Jahren gibt es diese Band. Seit zehn Jahren beobachte ich ihre Entwicklung, mal näher dran, mal weiter weg. Aber was ich an diesem Wochenende gehört habe, überzeugt mich. Sie haben einen weiten Weg zurückgelegt, von den ersten Songs im Proberaum des Soziokulturellen Zentrums „Die VILLA“ über den Sieg beim Bandwettbewerb zum Courage Jugendfesttival bis zum heutigen Jubiläum. Und jetzt möchte ich die Blindgänger auf den großen Festivalbühnen sehen. Wir würden alle gewinnen!

Todestag fünf völlig verschiedener Menschen

Selbstverständlich sind schon an jedem Tag, den der Kalender für uns bereithält, Tausende gestorben. Ich interessiere mich dann für bestimmte Häufungen. Diese müssen in keiner Weise wissenschaftlichen Untersuchungen standhalten. Ich gehe mal davon aus, dass gemeinsame Todestage über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg Zufall sind, wenn sie nicht durch Anschläge,Selbst- oder Ritualmorde bewusst herbeigeführt wurden. Aber ich schweife ab.

Tatsächlich kommt mir die Liste antiker und mittelalterlicher Persönlichkeiten für diesen Tag ein wenig dünn vor. Heute möchte ich in einer (wieder nur zeitlich sortierten) Top-Five-Liste fünf [sic!] Personen ehren, die aus unterschiedlichen Gebieten kommen und doch jeder für sich eine nachhaltige Wirkung auf uns haben.

  1. Ferdinand Magellan (1480–1521) – Er gilt als der erste Weltumsegler, obwohl er sie nicht abgeschlossen hat. Er wurde auf der philippinischen Insel Mactan getötet. Seine Matrosen, die das großartige Projekt ohne Magellan beendeten, wurden die ersten Weltumsegler, allen voran Enrique Melaka, der Sklave und Dolmetscher Magellans. Er stammte von den philippinischen Inseln und kam im April 1521 von seiner Weltumrundung wieder in der Heimat an.
  2. Ferdinand Reich (1799–1882) – Der aus Bernburg stammende Chemiker und Physiker wirkte vor allem an der Bergakademie in Freiberg. Bei spektralanalytischen Untersuchungen der schwarzen Zinkblende entdeckte und benannte er das chemische Element Indium, das uns heute in Flachbildschirmen und Touchscreens begegnet.
  3. Montgomery Rufus Karl Siegfried Straube (1873–1950) – Der Thomaskantor und 11. Bachnachfolger ist meist nur als Karl Straube bekannt. Den Lebensdaten entnimmt man bereits eine zeitliche Nähe zum Faschismus. 1926 trat er das erste Mal der NSDAP bei. Unter seiner Leitung trat der Thomanerchor in HJ-Uniformen auf. Nun kann man natürlich sagen, dass das Amt des Thomaskantors sich nicht für den Widerstand eignet. Doch als ein moralischer Kompass sollte uns sein Leben wohl nicht dienen. Technisch brach unter ihm aber eine wirklich neue Zeit an. Von 1931 bis 1937 führte er nicht nur sämtliche Bachkantaten zu den Sonntagen auf, es wurde auch der erste im Rundfunk übertragene Kantatenzyklus.
  4. Ruth Handler (1916–2002) – Sie machte aus einer Mannequin-Puppe ein Kinderspielzeug für ihre Tochter Barbara. Der Name der Tochter ist im Diminutiv heute der ganzen Welt bekannt: Barbie. Die unrealistischen Maße werden häufig kritisiert, da sie den Kindern ein falsches Bild vermittelten. Man kann dem entgegenhalten, dass aus den Prinzessinnen der Kinderspiele auch äußerst selten reale Königinnen werden. Ruth Handler erkrankte in den 70er Jahren an Brustkrebs. Das nahm die Unternehmerin zum Anlass, neben Mattel die Firma Nearly Me zu gründen, um Brustkrebspatientinnen mithilfe von Brustprothesen ein neues Selbstwertgefühl zu geben. Beide Unternehmen gibt es heute noch.
  5. Dorothee Sölle (1929–2003) – Den Namen kennen viele aus dem Religionsunterricht. Sie steht für eine diesseitige Theologie, inklusive Emanzipation und Ökologie, wie kaum eine andere. Sie sagt: „Theologisches Nachdenken ohne politische Konsequenzen kommt einer Heuchelei gleich. Jeder theologische Satz muss auch ein politischer sein.“ Mit diesen Gedanken verknüpft ist auch die Theologie nach dem Tode Gottes.

Spendenrallye der VILLA 2016

Am letzten Sonntag hat das Soziokulturelle Zentrum Die VILLA ihre diesjährige Spendenrallye eröffnet. Zehn verschiedene Projekte, die unter dem Dach der VILLA entstehen sollen, werden kurz vorgestellt und werben um finanzielle Unterstützung. In vier Etappen schaut der Förderverein, welches Projekt:

a) die größte Spendensumme,
b) die höchste Einzelspende,
c) die meisten Spenden

erhalten hat. Diese Projekte werden dann jeweils mit noch einmal 150 EUR belohnt. Ich finde selbstverständlich alle aufgelisteten Projekte unterstützenswert. Aber mein Herz schlägt besonders für die Neuanschaffung zweier Gitarren für die OpenStage, die jeden Montag im Keller der VILLA stattfindet.

Es darf gespendet werden: http://villa-leipzig.de/spendenrallye/

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Leipziger Buchmesse 2016

Die Buchmesse in Leipzig hat heute begonnen. Ich war mit meiner Kollegin und guten Freundin Kathleen Stemmler unterwegs. Meine Erzählung Lucias Aufbrüche ist eine der vielen Neuerscheinungen, die auf der Messe 2016 vorgestellt werden. Ein anderes ist die Masterarbeit von Robert Steinmüller, die ich zu lektorieren die Ehre hatte. Ein weiteres Bild zeigt mich im Gespräch mit Schülern des Paulsen Gymnasiums in Berlin-Steglitz. Ich bin gespannt auf ihren Beitrag von der Buchmesse.

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Die Fotos wurden von Kathleen gemacht. Vielen Dank!
Morgen geht es wieder auf das Messegelände.

Links
leipziger-buchmesse.de
kathleenstemmler.de
robertsteinmueller.de
paulsengymnasium.de

VISIONALE 2015 in Leipzig (Rückschau)

Morgen vor einer Woche fand im Schauspiel Leipzig die VISIONALE 2015 statt. Der Arbeitskreis Medienpädagogik der Stadt Leipzig präsentierte unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters Burkhard Jung die Nominierten und Sieger aus der Menge von 81 Medienproduktionen aus ganz Sachsen gezeigt. Als Moderator führte August Geyler durch das Programm. Ich wurde als Teil der Foto-Jury auch auf die Bühne gebeten, um kurz zu umreißen, warum die zwei Preisträger in unserer Kategorie den Sieg davontrugen. Ich muss gestehen, dass ich schon ein wenig aufgeregt war, auf der Bühne des Schauspiels zu sein.

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Die Fotografien habe ich von der offiziellen Website der VISIONALE. Den Urheber kenne ich leider nicht.Da ich auf diesen Bildern aber selbst dargestellt bin, erlaube ich mir einfach die Übernahme.

Links (Berichterstattung)
visionale-leipzig.de
info-tv-leipzig.de
mephisto976.de

die bessere hälfte – Kunsthalle der Sparkasse Leipzig

Im Jahr 1998 waren laut Statistik der KSK 43,4 % der professionell als Bildende Künstler arbeitende Menschen in Deutschland Frauen. An den deutschen Kunsthochschulen studieren zu 60 % Frauen. Doch mit den Jahren verschwinden diese Künstlerinnen aus den den Galerien und Statistiken, um als Muse an der Seite eines männlichen Künstlers wieder aufzutauchen oder ganz in Familie und Haushalt aufzugehen. Nun kratzen 43,4 % deutlich stärker an den 50,9 % (Frauenanteil in Deutschland 2010 nach dem Statistischen Bundesamt) als z.B. die 23,4 % Frauen in der Gruppe der professionellen Musiker; trotzdem liegt auch hier noch ein Weg vor uns.

Und wenn man aufgefordert wird, drei bedeutende Bildende Künstler zu nennen, fallen den meisten nur männliche Künstler ein, wie z.B. Vincent van Gogh, der heute vor 125 Jahren starb, und keine einzige Künstlerin. Direkt nach bedeutenden Frauen in der Bildenden Kunst gefragt, bleibt es bei vielen erstmal still. Natürlich gibt es weltberühmte Künstlerinnen. Doch das scheinen vereinzelte Leuchttürme – das Bild ist wohl zu phallisch – oder Oasen in der männlich dominierten Kunstwüste zu sein. Das ist eine vielleicht milde aber subtile und daher umso weiter verbreitete Form des Sexismus, der auch ich mich zeihen lassen muss.

Die Kunsthalle der Sparkasse Leipzig stellt dieser Haltung eine Ausstellung entgegen: die bessere hälfte – malerinnen aus leipzig. Die konsequente Kleinschreibung lässt offen, ob es denn schlicht die Ehefrauen von Leipziger Malern sind, die auchmal zum Pinsel griffen, oder die qualitativ Besseren innerhalb eines Künstlerduos.  Das möchte auch ich hier nicht zu klären versuchen, aber einen Besuch der Ausstellung empfehlen. Sie läuft noch bis Ende August. Für Kunden der Sparkasse Leipzig ist der Eintritt frei. Die Kunsthalle fühlt sich vor allem der Leipziger Schule und der Neuen Leipziger Schule verpflichtet.

Aus der Reihe von Künstlerinnen möchte ich jetzt nur eine namentlich erwähnen: Gudrun Brüne. Ich kannte sie vor dieser Ausstellung nicht. Das qualifiziert mich sicher nicht als großen Kenner der Leipziger Schule. Brüne wurde 1941 in Berlin geboren. 1961 studierte sie an der HGB unter Bernhard Heisig, den sie 1991 heiratete. Bis 1999 lehrte sie an der Burg Giebichenstein in Halle (Saale). Heute lebt sie in Strohdehne im Havelland.

Zwei Bilder von ihr hängen hier – unabhängig voneinander: Selbst mit Vorbildern (1982) zeigt Gudrun Brüne selbst, nachdenklich, fast schmollend vor einem Landschaftsbild. Rechts und Links von ihr sind zwei Bilder, auf denen eine junge Paula Modersohn-Becker und eine Rosa Luxemburg zu erkennen sind. Während Rosa Luxemburg ein schlichtes Bild ist, sieht man auf den zweiten Blick, dass die Malerin Paula Modersohn-Becker persönlich mit am Tisch neben Gudrun Brüne sitzt. Der Rahmen gehört zu ihrem Selbstporträt von 1906, das Brüne hier zitiert.

Das zweite Bild heißt Modellpuppe im roten Kleid (1994). Zu sehen ist eine Gliederpuppe in menschlicher bis leicht übermenschlicher Größe, quasi erschöpft auf einem Stuhl sitzend mit schwarzer Strumpfhose, blonder Perücke und (sic!) rotem Kleid. Das Bild stammt aus einer ganzen Schaffensperiode der Nachwendezeit. Geschichtlicher Wandel und künstlerische Entwicklung einer Malerin lassen sich hier wunderbar erkennen.

Der Katalog zur Ausstellung zeigt für 10 EUR leider nur das erste Bild. An der Kasse ist aber auch der Bildband Traum und Wirklichkeit von Gudrun Brüne zu erhalten, der mit 15 EUR geradezu unverschämt preiswert ist. Hier sieht man weitere Gliederpuppen und das Opus magnum Und immer wieder Guernica (2011) mit deutlichem Picasso-Bezug und weiteren Puppen, diesmal allerdings aus der Sphäre des Kinderspielzeugs.

Auch hier ist die Modellpuppe im roten Kleid leider nicht vertreten. Deshalb zitiere ich jetzt das Bild von der Gudrun Brünes Website, um meinen geschätzten Lesern einen Eindruck zu vermitteln.

Modellpuppe im roten Kleid (1994) von Gudrun Brüne

 

Links
kulturrat.de – Studie: Frauen in Kunst und Kultur II (1995–2000)
kunsthalle-sparkasse.de – Die Kunsthalle der Sparkasse Leipzig
gudrunbrüne.de – Website der Bildenden Künstlerin Gudrun Brüne

Nach dem CSD in Leipzig

Der Christopher Street Day in Leipzig und die gesamte vorangegangene Aktionswoche ist mit der gestrigen Parade, dem Straßenfest auf dem Marktplatz und dem Pride Ball im Täubchental glamourös zu Ende gegangen. Ich persönlich habe nur das Straßenfest besucht mit Ständen von Vertretern verschiedener queerer Interessensgruppen und Showprogramm auf einer Bühne, unterbrochen von einigen Grußworten. Es war wohl ein erfolgreicher CSD.

Ich selbst sehe die CSD-Feiern mit gemischten Gefühlen. Einerseits haben wir in Deutschland heute nicht die Probleme, welche die Homosexuellen und anderen Minderheiten der New Yorker Christopher Street der späten 60er hatten, was aus einer heutigen Feier immer mehr ausgelassenen Klamauk werden lässt. Andererseits habe ich das Gefühl, dass wir selbst eine solche scheinbar unpolitische Party den sexuellen Minderheiten schuldig sind, die in anderen Ländern – selbst noch auf dem europäischen Kontinent – verfolgt werden.

Wir haben ja auch noch nicht alles erreicht. Von einer allgemein akzeptierten und gesetzlich garantierten Gleichstellung trennt uns noch der eine oder andere Paragraph. Solches wird aber nicht auf dem Marktpatz ausgehandelt. Dafür muss man durch die Institutionen marschieren. Die Stimmung am nach der Mitte lechzenden rechten Rand in Deutschland und anderen Ländern lässt mich allerdings fürchten, dass selbst bereits Erreichtes immer wieder auf dem Spiel stehen kann.

In meinen dunkelsten Augenblicken frage ich mich, ob die Ehe-für-alle nicht schon fast ein Pyrrhussieg wäre. Dieser Tage diskutieren wir über eine Karte bei Google Maps, auf der geplante und errichtete Asylantenheime in ganz Deutschland verzeichnet sind. Und andere lassen sich im Standesamt freiwillig als verpartnert aber damit auch als offiziell homosexuell registrieren. Da müssen die Faschisten ja keine eigenen Schwarzen Listen mehr führen. Aber wie gesagt, das sind die düsteren Momente.

Besonders betroffen von den Schikanen der New Yorker Polizei war übrigens die afro- und lateinamerikanische Bevölkerung. Denn die Sexarbeiter und GoGo-Tänzer in den Schwulenclubs wie dem berühmt-berüchtigten Stonewall waren überwiegend Schwarze oder Latinos. Wie viel (oder eben wenig) sich für sie seit den Stonewall Riots geändert hat, sehen wir ja fast täglich in den Nachrichten, wenn weiße Polizisten mal wieder einen schwarzen Jugendlichen töten.

Um in einer solchen Gemütsverfassung dennoch Mut zu schöpfen, höre ich gern Scott Matthew, der für den absolut genialen Kinofilm Shortbus von John Cameron Mitchell 2006 einige Lieder schrieb. Matthew tritt auch im Film selbst auf. Das letzte Lied des Film heißt – wie originell – In the End. Ich poste es an dieser gleich zwei Mal:

Namenstag von Nathan Söderblom

Heute mögen nicht mehr viele Nathan Söderblom kennen, aber der evangelisch-lutherische Bischof von Uppsala bekam 1930 den Friedensnobelpreis für sein Engagement in der Ökumene. Ein knappes Jahr später, nämlich am 12. Juli 1931 verstarb Söderblom im Nachgang einer Operation mit 65 Jahren.

Söderblom hat auch eine besondere Beziehung zu Leipzig. 1912 wurde in Leipzig das deutschlandweit erste Institut für Religionswissenschaften gegründet. Von der Gründung an bis 1914 hatte Söderblom den Lehrstuhl inne, nachdem er 1901 an der Sorbonne über den Zarathustrismus promoviert hatte und im gleichen Jahr noch eine Porfessur für Religionsgeschichte in Uppsala angetreten hatte. Leipzig verließ er nur, um Erzbischof von Uppsala und somit Oberhaupt der evangelisch-lutherischen Kirche zu werden, die bis 2000 noch schwedische Staatskirche war.

Neben seiner Arbeit als Religionswissenschaftler und staatstragender Theologe fand er auch die Zeit, Kirchenlieder zu dichten. Im schwedischen Gesangbuch sind immer noch einige Texte von ihm zu finden. Ich slebst kenne keinen Text von ihm. Aber einen Satz kennen die deutschen Kirchenmusikliebhaber von Söderblom, selbst ohne sich über die Autorenschaft im Klaren zu sein. Er nannte die Kantaten Johann Sebastian Bachs ein fünftes Evangelium und erhob den Thomaskantor selbst somit zum fünten Evangelisten.

Der deutsche Organist und Komponist Wilhelm Kempff hat dies aus einem Gespräch mit Söderblom 1918 nach Deutschland getragen. Nachzulesen ist dies in seinen 1951 erschienenen Lebenserinnerungen Unter dem Zimbelstern – Das Werden eines Musikers. Manche schreiben dieses Wort auch Albert Schweitzer zu. Das ist natürlich möglich. Mit ihm war Nathan Söderblom übrigens freundschaftlich verbunden. Aber über das Rätseln hätte Schweitzer wohl gesagt, was er ein andermal über Bach gesagt hatte: Hören, spielen, lieben, verehren und das Maul halten!