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Über Fabian Williges

Ich wurde 1973 als zweiter Sohn eines Pastors und einer Lehrerin geboren. Aufgewachsen bin ich in dörflicher Idylle, in Vöhrum bei Peine. Als ich acht Jahre alt war, zogen wir um nach Hämelerwald, wo ich weiterhin die Grundschule, Orientierungsstufe und in Lehrte das Gymnasium besuchte. Seit der sechsten Klasse spiele ich Gitarre. 1987 zogen wir nach Peine. Ich besuchte das Gymnasium am Silberkamp. Zu Weihnachten 1988 bekam ich meine erste Spiegelreflexkamera geschenkt. Im April 1991 hatte ich meinen ersten Auftritt als Singer & Songwriter. Nach meinem Abitur hielt mich nichts mehr in der niedersächsischen Provinz. Ich zog nach Leipzig, um das Großstadtleben, den Osten Deutschlands und das Studentendasein kennen zu lernen. Das habe ich in vollen Zügen aber nicht bis zum akademischen Grad genossen. Dazu kamen Ausstellungen, Konzerte, Lesungen. Von Mai 2004 bis April 2005 war ich Geschäftsführer des Werk II in Krankheitsvertretung. Seit Frühjahr 2005 bin ich ausschließlich freiberuflich tätig, wobei nun endlich die Kunst im Mittelpunkt steht. 2011 bin ich dem Verein Mensa in Deutschland beigetreten, welcher sich der Förderung der Intelligenzforschung verschrieben hat und hochbegabte Menschen miteinander in Kontakt bringen möchte. Von 2012 bis 2018 war ich der Ansprechpartner des Vereins für die Region um Leipzig, der sogenannte Local Secretary. Seit 2014 bin ich im Vorstand des VILLA e.V., dem Dach- und Förderverein des gleichnamigen Soziokulturellen Zentrums.

Namenstag von Nathan Söderblom

Heute mögen nicht mehr viele Nathan Söderblom kennen, aber der evangelisch-lutherische Bischof von Uppsala bekam 1930 den Friedensnobelpreis für sein Engagement in der Ökumene. Ein knappes Jahr später, nämlich am 12. Juli 1931 verstarb Söderblom im Nachgang einer Operation mit 65 Jahren.

Söderblom hat auch eine besondere Beziehung zu Leipzig. 1912 wurde in Leipzig das deutschlandweit erste Institut für Religionswissenschaften gegründet. Von der Gründung an bis 1914 hatte Söderblom den Lehrstuhl inne, nachdem er 1901 an der Sorbonne über den Zarathustrismus promoviert hatte und im gleichen Jahr noch eine Porfessur für Religionsgeschichte in Uppsala angetreten hatte. Leipzig verließ er nur, um Erzbischof von Uppsala und somit Oberhaupt der evangelisch-lutherischen Kirche zu werden, die bis 2000 noch schwedische Staatskirche war.

Neben seiner Arbeit als Religionswissenschaftler und staatstragender Theologe fand er auch die Zeit, Kirchenlieder zu dichten. Im schwedischen Gesangbuch sind immer noch einige Texte von ihm zu finden. Ich slebst kenne keinen Text von ihm. Aber einen Satz kennen die deutschen Kirchenmusikliebhaber von Söderblom, selbst ohne sich über die Autorenschaft im Klaren zu sein. Er nannte die Kantaten Johann Sebastian Bachs ein fünftes Evangelium und erhob den Thomaskantor selbst somit zum fünten Evangelisten.

Der deutsche Organist und Komponist Wilhelm Kempff hat dies aus einem Gespräch mit Söderblom 1918 nach Deutschland getragen. Nachzulesen ist dies in seinen 1951 erschienenen Lebenserinnerungen Unter dem Zimbelstern – Das Werden eines Musikers. Manche schreiben dieses Wort auch Albert Schweitzer zu. Das ist natürlich möglich. Mit ihm war Nathan Söderblom übrigens freundschaftlich verbunden. Aber über das Rätseln hätte Schweitzer wohl gesagt, was er ein andermal über Bach gesagt hatte: Hören, spielen, lieben, verehren und das Maul halten!

Aktuelle Euphemismen

Um es kurz zu machen: Mich widert die ganze rechte Scheiße in Sachsen dermaßen an, dass ich auch sprachlich die Contenance verliere, wenn ich auch nur einen Augenblick über die Lage in Orten wie Freital nachdenke. Wenn es nur ein paar kahlgeschorene und fehlgeleitete Dorftrottel wären, die mal ein wenig rumbrüllen wollen, um sich Brüllen zu hören, könnte ich das einfach ignorieren. Aber dass in den Asylantenheimen Flüchtlinge auf einen rechten Mob schauen müssen, von dem sie nicht sagen können, ob er sie letztendlich am Leben ließe, erschreckt mich so sehr, dass ich mich schnell auf einen Nebenschauplatz flüchten muss, um nicht vollständig handlungsunfähig zu werden.

Der damalige Gouverneur von Kalifornien Hiram Warren Johnson sprach 1914 den seitdem oft zitierten Satz: das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Und die Wahrheit hat ein so zartes Wesen, dass es nicht einmal Stiefel braucht, um sie zu zertreten. Es reichen allein schon Worte, falsche Worte. Das wussten auch die Nazis, die mit Goebbels an der Spitze einen Propaganda-Apparat schufen, welcher die Kunst des Euphemismus auf seine bisherige Spitze trieb. Victor Klemperer hat die Sprache der Nationalsozialisten einer äußerst luziden Studie unterzogen, die bereits 1947 unter dem Titel LTI – Notizbuch eines Philologen erschien. Die Abkürzung LTI steht dabei für den Terminus Lingua Tertii Imperii und karikiert damit bereits einen Aspekt der Nazisprache – den AF (=Abkürzungsfimmel), der einen ersten Schritt der Verschleierung darstellt.

Dem Geist Klemperers folgend möchte ich meine Top-Five-Liste den aus meiner Sicht schlimmsten Euphemismen der neuen deutschen Rechten widmen:

  1. PEGIDA und LEGIDA etc. pp.
    Als ich das erste Mal von PEGIDA hörte, musste ich des Klanges wegen an Paddington Bear denken, der mit seinem „Things are always happening to me. I’m that sort of bear.“ zumindest auch in die Kategorie Problembär fällt. Doch das war bestimmt nicht beabsichtigt. Dennoch haftet all diesen Abkürzungen der Demonstrationsinitiativen etwas gewollt Harmloses, ja, fast Albernes an. NPD klingt ja so historisch nah nach NSDAP, aber LEGIDA scheint eher ein neuer Hit von Ricky Martin zu sein, gleich nach Living la Vida Loca. Vielleicht wurden sie deshalb auch so lange (bis heute) in ihrer Gefährlichkeit unterschätzt.
  2. besorgte Bürger und Patrioten
    Man muss sich nur einige der geifernden Kläffer vor dem Asylbewerberheim in Freital in den Nachrichten anschauen, und man weiß, dass dies keine besorgten Bürger sind, die ihrer Sorgen wegen ein paar Fragen stellen möchten, um Klärung und Erleichterung zu erfahren. Mich erinnern diese leider eher an das gesunde Volksempfinden, welches 1938 in der Reichskristallnacht in einen spontanen Volkszorn ausbrach.
    Ich weiß, dass der Begriff des Patrioten in weiten Kreisen Deutschlands einen sehr schlechten Ruf genießt. Pegida und Konsorten helfen da bestimmt nicht. Ich möchte das Wort einmal probehalber auf mich anwenden: Ich bin froh, in einem wohlhabenden Rechtsstaat hineingeboren worden zu sein. Ich kann mich mit vielen Kulturschaffenden der deutschen Geschichte identifizieren. Ich liebe die deutsche Sprache (gerne auch mal ohne sächsische Einfärbung). Ich schaue die beiden Fußballweltmeisterschaften und wünsche jeweils „meiner“ Nationalmannschaft den Erfolg des Sieges. Ich denke, man kann mich einen Patrioten nennen. Ich habe in meinem Freundeskreis Menschen aus Belgien, England, Frankreich, Indien, Italien, Kanada, Kongo, Niederlande, Polen, Schweden und den USA. Das stößt sich in keiner Weise damit.
  3. Asylgegner
    Das Wort transportiert nebenbei die Ansicht, man könne ein Gegner des Asylrechts sein. Das Asylrecht ist mit dem Artikel 16a aber ein Teil der unantastbaren Grundrechte (siehe Artikel 19, 2). Nach Artikel 17 hat jedermann das Recht, sich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen zu wenden. Vielleicht sollten das die besorgten Bürger eher machen, als den Asylbewerbern zu drohen.
  4. echte Flüchtlinge vs. Wirtschaftsflüchtlinge
    Es seien keine echten Flüchtlinge, weil es nur junge Männer wären, aus Ländern, wo Deutsche Urlaub machen. Nun möchte ich nicht an dieser Stelle über die Urlaubsgewohnheiten mancher Deutscher urteilen. Der Begriff des Flüchtlings ist in der Genfer Flüchtlingskonvention geklärt. In Deutschland entscheidet darüber nicht ein Mob sondern das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bzw. ggf. das zuständige Gericht. Wenn im deutschen Verfahren die Flüchtlingseigenschaft festgestellt wird, ist dies übrigens lediglich ein deklaratorischer Akt; denn Flüchtling war man schon vorher.
    Tatsächlich ist die Flucht nach Naturkatastrophen in der Genfer Flüchtlingskonvention nicht vorgesehen. Das spricht meines Erachtens nicht gegen die Flüchtlinge, sondern gegen die Konvention. Selbstverständlich muss ich aber fair bleiben und die aktuelle Rechtslage bedenken. Interessant ist aber doch, dass gerade in einem Bundesland wie Sachsen, das nach der bankrotten DDR jetzt der prosperierenden Bundesrepublik angehören darf und bei den Elbehochwassern nicht nur die Solidarität dieser gesamten Bundesrepublik, sondern auch die 350 Mio. EUR schwere Hilfe der EU für zukünftigen Hochwasserschutz zu spüren bekam, nun so kleinlich reagieren möchte. 2002 mussten des Hochwassers wegen ganze Ortschaften in der Sächsischen Schweiz evakuiert werden. Wenn sich die Zeitgenossen des Weißeritz-Hochwassers in Freital erinnern mögen, haben sie sich 2002 auch wie Flüchtlinge gefühlt. Wie gefühlskalt müssen die FRIGIDA-Demonstranten sein?
  5. Wir sind das Volk
    Dieser Satz wird wohl noch in Jahrhunderten zitiert und diskutiert werden, ganz wie Soldaten sind Mörder und dann sollen sie Kuchen essen. Und wie diese anderen Sätze auch, entfernt er sich nicht nur von seinem historischen Ursprung, sondern mit gleichem Tempo von seinem Wahrheitsgehalt. Als am 7. Mai 1989 bei den Kommunalwahlen der DDR die Einheitsliste der Nationalen Front mit 98,85 Prozent bestätigt worden sein wollte, konnte mit Unterstützung kirchlicher Gruppen in einigen Wahlkreisen die offensichtlich und dreiste Wahlfälschung nachgewiesen werden. Die Montagsdemonstranten erinnerten die Mächtigen des Landes, das 1949 als Volksdemokratie gestartet ist, dass das Volk nicht auf gefälschten Wahlzetteln, sondern auf der Straße zu finden sei.
    Am 9. Oktober 1989 rief ein Leipziger Flugblatt dann den Einsatzkräften zu: Wir sind ein Volk! Gewalt unter uns hinterläßt ewig blutende Wunden! Für die entstandene ernste Situation müssen vor allem Partei und Regierung verantwortlich gemacht werden. Im November schon markierte dieser leicht veränderte Satz den Willen zur sogenannten Wiedervereinigung.
    Wenn heute die Demonstranten aus dem PEGIDA-Dunstkreis die Parole skandieren, schließen sie nicht andere ein, wie etwa die Sicherheitskräfte am Rande der Züge, sondern sie schließen alle aus, die nicht in ihre Definition von Volk passen. Sie maßen sich damit eine ungeheure und grundgesetzwidrige Deutungshoheit an, verstecken dies aber in einem allgemein positiv konnotierten Satz.

Lügenpresse, das Unwort des Jahres 2014, hat hier keinen Eingang gefunden, weil es eben kein Euphemismus ist. Es gehört aber selbstverständlich in die Reihe von Wortschöpfungen, -entlehnungen und Zitaten, die Victor Klemperer mit Argwohn betrachtete.

Namenstag von Jan Hus

Martin Luther (1483–1546) war nicht der erste, der unter großer persönlicher Gefahr das anprangerte, was seiner Überzeugung nach in der katholischen Kirche des Mittelalters in die Irre lief. John Wyclif (1330–1384) predigte bereits 150 Jahre vor Luther gegen die Reliquienverehrung und übersetzte die Bibel ins Englische. Allerdings war die Grundlage seiner Übersetzung nicht wie bei Luther der hebräische bzw. griechische Originaltext, sondern die lateinische Vulgata. Auf dem Konzil von Konstanz (1414–1418) wurde Wyclif posthum zum Ketzer erklärt. Im Jahre 1428 ließ der Bischof von Lincoln Richard Fleming, der selbst auch am Konzil teilgenommen hatte, die Gebeine Wyclifs exhumieren und verbrennen.

Unter anderem von den Schriften Wyclifs inspiriert, stritt der tschechische Theologe Jan Hus (1372–1415) gegen die zunehmende Verweltlichung der Amtskirche und für die Gewissensfreiheit. Außerdem setzte er sich für Gottesdienste in der jeweiligen Landessprache ein. Heute vor genau 600 Jahren wurde er auf dem Konzil von Konstanz als Ketzer verbrannt, nachdem ihm vom König und späteren Kaiser Sigismund freies Geleit zugesichert worden war.

Besonders bekannt ist ein Satz, den Hus kurz vor seiner Hinrichtung gesagt haben soll: Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen. Im Deutschland der Reformation deutete man diesen Satz auf Luther, weshalb auf evangelisch-lutherischen Kirchen oft statt eines Wetterhahns ein Schwan zu sehen ist.

Luther selbst bekannte 1520 in einem Brief an seinen Freund und Beichtvater Friedrichs des Weisen Georg Spalatin: Ich habe bisher unbewusst den ganzen Hus gelehrt und gehalten. Und etwas später schreibt er noch: Wir sind alle unbewust Hussiten. Ja, Paulus und Augustin sind aufs Wort Hussiten.

Alle drei hier im Artikel genannten Reformer und Reformatoren sprachen sich übrigens gegen die Heiligenverehrung aus. Aber auf dieser Website gedenken wir ja nur ihrer und bitten sie nicht um Beistand am Throne Gottes. Dann ist es wohl auch weiter in Ordnung so.

Ein Wochenende im Sommer

Der Sommer ist über Deutschland hereingebrochen. Und ich wollte dieses Wochenende besonders begehen. Ich möchte es nun nicht gleich einen Kurzurlaub nennen. Aber einiges ist schon gewesen, was nicht zu jedem Wochenende passiert.

Der Freitag begann mit einer Autotour nach Potsdam; denn dort besuchte ich die Hauptversammlung der Studio Babelsberg AG. Ich bin alles andere als ein Großaktionär, aber ich erwerbe gern einzelne Aktien von interessanten Unternehmen aus der Umgebung, um an deren Hauptversammlungen teilzunehmen und über wirtschaftliche Entwicklungen auf dem Laufenden zu sein. Mehr mag ich jetzt nicht dazu schreiben. Nach vier Stunden in einem klimatisierten Kino hat mich das Nachmittagswetter schier erschlagen.

Ich fuhr mit weit geöffneten Fenster über Land nach Coswig in Anhalt. Bisher kannte ich nur den Namen und war noch nie dort gewesen. Sofort fiel mir die St.-Nicolai-Kirche auf, die ich dann auch aufsuchte, schon allein um Kühlung zu erfahren. St. Nicolai ist 1272 als Nonnenkloster erbaut worden und wird nach der Auflösung des Klosters im Zuge der Reformation seit 1527 als Stadtkirche genutzt. Sie ist das älteste Bauwerk in Coswig. Sofort fällt dem Besucher das barocke Gestühl inklusive Doppelemporen im Chor ins Auge. Der besondere Schatz von St. Nicolai sind aber zwei Werke Lucas Cranachs des Jüngeren sowie ein Abendmahlsbild aus der Cranach-Werkstatt (s.u.).

Abendmahl von einem Cranach-SchülerWährend ich die Kirche besichtigte, arbeitete noch eine Restauratorin am Epitaph für Ritter von Pogk aus dem Jahre 1577, der in seiner Üppigkeit durchaus eine Bseonderheit im reformatorischen Kirchenschmuck darstellt, wie mir die Restauratorin in einer kleinen Pause erklärte. Leider kann ich die Details gar nicht mehr wiedergeben.

Epitaph für Otto von Pogk (1578) von Lucas Cranach dem JüngerenIn Vorbereitung auf das große Reformationsjubiläum 2017 ist die Landesausstellung Sachsen-Anhalts in diesem Jahr Cranach dem Jüngeren gewidmet. Die Region um die Lutherstadt Wittenberg hat viele sogenannter Cranach-Kirchen. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.

2002 kürte die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler St. Nicolai zur Kirche des Jahres. St. Nicolai ist außerdem eine der Radwegekirchen, über die ich vor kurzem geschrieben habe. Die Radwanderroute 12 – Flämingtour beginnt in Coswig. Die 32 km lange Strecke auf der Mitteldeutschen Kirchenstraße wollte ich aber ungeübt und bei diesen Temperaturen nicht auf mich nehmen. Coswig liegt außerdem am Lutherweg, der in den Bundesländern Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen alle wichtigen Stätten reformatorischen Schaffens und Lebensstationen Luthers verbindet.

 St. Nicolai in Coswig (Anhalt) St. Nicolai in Coswig (Anhalt) St. Nicolai in Coswig (Anhalt)
  Blick auf St. Nicolai Blick auf das Schloss in Coswig Gierfähre auf der Elbe

Das Schloss, das Rathaus und den Marktplatz von Coswig ließ ich links liegen und fuhr an die Elbe hinab zur Fähre. Für 3,50 EUR brachte der Fährmann mein Auto und mich auf das gegenüberliegende Ufer, wo ich auf der Elbterasse Wörlitzer Winkel ein Eis mit heißen Kirschen und dazu einen Eiskaffee genoss. Doch ich überstürze mich. Zunächst war ich noch von der Fähre ganz beeindruckt, die ich von der Terasse aus auch weiter beobachten konnte. Sie ist eine sogenannte Gierfähre. Eine Gierfähre ist an einem Seil fixiert und wird durch Schrägstellung im Fluss allein von der Strömung auf die andere Seite getrieben. So einfach wie genial. Ich frage mich, warum es überhaupt noch Fähren an Flüssen gibt, die mit Diesel betrieben werden.

Den Abschluss des Freitags bildete ein Spaziergang durch Teile des Parks in Wörlitz. Da blieb ich aber nicht mehr so lang. Ich wollte in die heimischen Vier Wände, um mich von der Last der Hitze zu befreien. Da ahnte ich noch nicht, dass mir der folgende Sonnabend – immerhin der Unabhängigkeitstag der USA – zeigen sollte, wie wenig unabhänig ich von so etwas Banalem wie dem Wetter wirklich bin. Ich war nämlich am Sonnabend zu jeder Tat absolut unfähig.

Erst in der Nacht, als es allmählich kühler wurde und sich unsere Fußballnationalmannschaft der Frauen die Niederlage bereits eingestehen musste, ging ich mit einem guten Freund in Die VILLA zu einer schönen Tanzveranstalltung mit düsterer Musik aus den 80er Jahren. In den Grüften soll es ja auch recht kühl sein.

Am Sonntag schaute ich den Film Zimt & Koriander, der das Schicksal einer griechischen Familie aus Istanbul während der Hochphase des Zypernkonflikts beleuchtet. Ich dachte, einen griechischen Film zu gucken, könnte irgendwas bewirken, aber das Ergebniss des Referendums in Griechenland belehrt mich eines Besseren.

Links
cranach2015.de – Landesausstellung Sachsen-Anhalt
mitteldeutsche-kirchenstrasse.de
lutherweg.de
kirchedesjahres.de
kirchenkreis-zerbst.de

Namenstag von Hendrik Vos und Johannes van Esschen

Gestern erst war der Gedenktag der Ersten Märtyrer von Rom. Heute ist der Gedenktag der ersten Märtyrer der Reformation. Allerdings ist dieses Datum nicht willkürlich gesetzt, sondern historischen Ursprungs. Denn am 1. Juli 1523 wurden die Augustinermönche Hendrik Vos und Johannes van Esschen in Brüssel auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil sie den Glaubensgrundsätzen der Reformation nicht abschwören wollten.

Martin Luther schrieb am gleichen Tag noch Ein neues Lied wir heben an, welches ich hier im originalen Frühneuhochdeutschen Luthers widergeben möchte:

Eyn newes lied wir heben an
des wald Gott vnser herre.
Zu syngen was got hat gethan
zu seynem lob vnd ehre.
Zu brussel yn dem nidderland
wol durch zwen yunge knaben
Hatt er seyn wunder macht bekant
die er mit seynen gaben.
So reichlich hat getzyret.

Der erst recht wol Johannes heyst
so reych an Gottes hulden.
Seynn bruder Henrich nach dem geyst
eyn rechter Christ on schulden.
Vonn dyßer welt gescheyden synd
sye hand die kron erworben.
Recht wie die frumen gottes kind
fur seyn wort synd gestorben.
seyn Mertrer synd sye worden.

Der alte feynd sye fangen ließ
erschreckt sye lang mit drewen.
Das wort Gotts er sye leucken hieß
mit list auch wolt sye tewben.
Von Löuen der Sophisten viel
mit yhrer kunst verloren.
Versamlet er zu dysem spiel
der geyst sye macht zu thoren.
Sie kundten nichts gewinnen

Sye sungen suß sye sungen sawr
versuchten manche lysten
die knaben stunden wie eyn mawr
verachten die Sophisten.
Den alten feynd das seer verdroß
das er war vberwunden.
Vonn solchen yungen er so groß
er wart vol zorn von stunden.
gedacht sye zuuerbrennen.

Sie raubten yhn das kloster kleyd
die weyh sye yhn auch namen.
Die knaben waren des bereit
sie sprachen frölich Amen.
Sie danckten yhrem vater Got
das sye loß solten werden
des teuffels laruen spiel vnd spot
daryn durch falsche berden.
die welt er gar betrenget.

Das schickt Got durch seyn gnadt also
das sye recht priester worden.
Sich selbs yhm musten opffern do
vnd gehen ym Christen orden.
Der welt gantz abgestorben seyn
die huchley ablegen.
Zu hymel komen frey vnd reyn
die muncherey außfegen.
Vnd menschen thandt hie lassen.

Man schreib yhn fur ein brieflein kleyn
das hies man sye selbst lesen.
Die stuck sye zeychten alle drein
was yhr glaub war gewesen
der hochst yrhtumb dyser war
Man mus allein got glauben
der mensch leugt vnd treugt ymer dar
dez soll man nichts vertrawen
des musten sye verbrennen

Zwey grosse fewr sye zundten an
die knaben sie her brachten.
Es nam groß wunder yderman
das sye solch peyn verachten.
Mit frewden sye sych gaben dreyn
mit Gottes lob vnnd syngen
der muet wart den Sophisten klein
fur dysen newen dyngen
da sych Gott ließ so mercken.

Noch lassen sy yr lugen nicht
den grossen mort zu schmucken.
Sie geben fur eyn falsch geticht
yhr gewissen thut sye drucken
die heylgen Gotts auch nach dem todt
von yhn gelestert werden.
Sie sagen yn der letzten not
die knaben noch auff erden
sych sollen han vmbkeret.

Die laß man liegen ymer hyn
sie habens kleinen fromen.
Wir sollen dancken Got daryn
seyn wort yst widderkommen
der Sommer yst hart fur der thur
der winter yst vergangen
die zarten blumen gehn erfur
der das hat angefangen.
der wirt es wol volenden.

Ich lese zur Zeit Der abenteuerliche Simplicissimus von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen und weiß nicht erst seitdem, dass Vos und van Esschen nicht die letzten Märtyrer der Reformation blieben. Und wenn ich die Nachrichten der heutigen Tage lese, wird mir angst und bange; denn das Morden hat noch lange nicht aufgehört. Es wird wohl erst mit dem letzten Menschen auch der Krieg ein Ende haben.

In den sozialen Netzwerken verfolge ich viele Diskussionen um Religionskriege. Häufig gibt es dann einen scheinbar aufgeklärten Konsens, dass die irrationalen Religionen zum Morden auffordern. Und ich denke, ihr Kleingläubigen, wenn es keine Religionen gäbe, fände der Mensch genug andere Gründe, sich gegenseitig zu ermorden. Lasst uns vielmehr nach den Chancen von Religiosität schauen. Bonhoeffer war schließlich auch ein religiöser Mensch – und außerdem friedfertig.

Tag der Ersten Märtyrer von Rom

Heute ist für die evangelische wie die katholische Kirche der Gedenktag der Ersten Märtyrer von Rom. Gemeint sind damit die frühen Christen, die unter Nero verfolgt und oft bestialisch gefoltert und gemordet wurden. Tacitus berichtet von Massenkreuzigungen und von Zirkusspielen, bei denen Christen in Tierhäute gebunden wilden Tieren vorgeworfen wurden. Aber besonders schrecklich ist wohl, dass der Kaiser Nero in seinen Parkanlagen zur Dämmerung Christen als lebende Fakeln aufstellen ließ.

Die lebenden Fackeln des Nero (1876 von Henryk Siemiradzki)
Die lebenden Fackeln des Nero (Henryk Siemiradzki, 1876)

Der polnische Salonmaler Henryk Siemiradzki schuf 1876 selbst in Rom lebend das Gemälde Die lebenden Fackeln des Nero, das keine 20 Jahre später sogar in Theodor Fontanes Roman Die Poggenpuhls Eingang gefunden hat. Unser heutiges Nero-Bild ist jedoch von einem anderen Polen nachhaltig geprägt. Zeitgleich mit der Buchveröffentlichung der Poggenpuhls erschien der Roman Quo Vadis? des Literaturnobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz. Ist der Roman auch schon 1898 auf Deutsch erschienen, kennen heute doch die meisten nur aus dem Kreise der Verfilmungen jene des Regisseurs Mervyn LeRoy aus dem Jahre 1951. Sir Peter Ustinov stellte Nero so raumgreifend und überzeugend dar, dass seine Verkörperung lange Zeit jedes historische Zeugnis verdrängte.

Mittlerweile wird der historische Nero deutlich nüchterner betrachtet. Manche Historiker sehen im Seneca-Schüler einen erst hoffnungsvollen Reformer, der Opfer seines wohl schwachen und ausschweifenden Chrakters und seiner eigentlichen Fehlbesetzung auf dem Kaiserthron wurde. Nero sah sich sein Leben lang als Künstler. Dass in seiner Regierungszeit Christen verfolgt wurden, bleibt aber unbestritten. Um auch ein filmisches Gegenstück zur Ustinov-Variante zu nennen, empfehle ich den Fernsehfilm aus dem Jahre 2004 Imperium: Nero (im Deutschen noch mit dem Untertitel Die dunkle Seite der Macht). Hans Matheson spielt unter dem britischen Regisseur Paul Marcus die Figur des Kaisers so ganz anders aus, dass ich fast schon Mitleid mit diesem visionären aber orientierungslosen Potentaten fühlen möchte.


Ein solcher Tag nun scheint mir angemessen, auf ein Video der Katholischen Kirche in Deutschland aufmerksam zu machen. Flüchtlinge in Deutschland lesen Twitter-Nachrichten von Deutschen über Flüchtlinge. Die Nachrichten sind echt und die Flüchtlinge auch.

Wir sitzen so warm, satt, sicher und über die Maßen selbstgefällig vor unseren Bildschirmen und urteilen leichtfertig über Menschen, die oft nur knapp einem der Ersten Märtyrer von Rom ähnlichen Schicksal entkommen sind. Die Pegida-Demonstrationen, die Brandanschläge auf Asylbewerberheime, die hier verlesenen Tweets – das alles erfüllt mich mit Scham. Sollten wir nicht langsam bessere Menschen geworden sein?

Link
katholisch.de/fluechtlinge

Demetri Martin gegen den Ernst der Welt

Ich habe seit dem frühen Morgen darüber nachgedacht, worüber ich heute schreibe. Ich dachte an den thüringischen Pädagogen Friedrich Fröbel, der heute vor 175 Jahren den ersten Kindergarten gründete. Ihm ist es zu verdanken, dass das Wort Kindergarten in den internationalen Sprachgebrauch übergegangen ist.

Dann dachte ich an einen besonders pingeligen Eintrag über den Sankt-Veits-Tag, der ja eigentlich am 15. Juni ist. Vor 626 Jahren fand die Schlacht auf dem Amselfeld am Sankt-Veits-Tag statt. Das ist ein Kapitel der europäischen Geschichte, das heute wieder intensiver studiert werden sollte. Es geht um die Zugehörigkeit des Balkan, den Islam und die panslawische Idee. Wie dem auch sei, nach der gregorianischen Kalenderreform rutschte der Gedenktag auf den 28. Juni, aber das möchte ich heute mal nicht weiter ausführen.

Dafür möchte ich einen griechischstämmigen amerikanischen Komiker vorstellen. Demetri Martin ist ein mittlerweile 42-jähriger Studienabbrecher, der in New York als Stand-Up-Comedian wirkt. Dem Kinopublikum wurde Martin erst 2009 mit dem Ang-Lee-Film Taking Woodstock vorgestellt, in dem er die Hauptrolle des LGBT-Aktivisten Elliot Tiber spielt. Ich wurde vor einiger Zeit bei einem Chat auf Demetri Martin aufmerksam gemacht. Auf YouTube sind ein paar seiner Shows zu finden. Zwei, die ich gestern Abend angeschaut bzw. angehört habe, sind diese:

https://www.youtube.com/watch?v=eU3vqkPFJi8

Erste Schülertagung der jDPG in Leipzig

Gestern fand die bundesweit erste Schülertagung der jungen Deutschen Physikalischen Gesellschaft (kurz: jDPG) in Leipzig statt. An die 50 Schülerinnen und Schüler aus acht Bundesländern trafen sich im Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften, um gemeinsam Vorträge aus den verschiedenen Bereichen der Physik zu hören und auch eben selbst zu halten.

Ich war in meiner Funktion als Local Secretary von Mensa in Deutschland e.V. als Kooperationspartner mit in die Organisation eingebunden. In einer Vortragslücke konnte ich auch meinen Verein vorstellen und mit den Teilnehmern kurz über die Messbarkeit von Intelligenz diskutieren.

Ich maß mir nicht an, die einzelnen Vorträge zu bewerten. Da bin ich nicht qualifiziert genug. Mir blieb aber ein Beitrag in Erinnerung, der sich mit den Möglichkeiten des mikrobiellen Abbaus von Plastik im Meer beschäftigte. Robin Hertel und Finn Sombrutzki aus Neumünster gewannen mit ihren Forschungen den dritten Platz des Bundeswettbewerbs Jugend Forscht.

Hannes Vogel, Regionalgruppensprecher der jDPG, konnte für die Schülertagung auch zwei renomierte Wissenschaftler gewinnen, welche mit ihren Vorträgen die anderen Beiträge umrahmten. Zu Beginn sprach Fatihcan Atay vom MPI über dynamische Systeme. In einer Stunde führte er die Zuhörer von einfachsten Funktionen zu den Überlegungen der Chaostheorie. Zum Abschluss der Tagung gab Wolfhard Janke vom Institut für Theoretische Physik der Universität Leipzig einen Überblick zur Forschung mithilfe von Computersimulationen.

Das Gruppenfoto zeigt den Großteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser erfolgreichen Schülertagung.

Teilnehmer der SchülertagungLinks
dpg-physik.de/dpg/gliederung/junge/rg/leipzig/2015schuelertagung
jugend-forscht.de/wettbewerbe/bundeswettbewerb-2014
mis.mpg.de
physik.uni-leipzig.de
mensa.de

„Gefälschte“ Statistik

Ich bin auf einen sehr interessanten Artikel bei National Geographic gestoßen, der sich mit typischen aber nicht minder schwerwiegenden Fehlern bei der grafischen Darstellung statistischer Erkenntnisse beschäftigt.

http://news.nationalgeographic.com/2015/06/150619-data-points-five-ways-to-lie-with-charts

Über einige dieser fünf Punkte rede ich auch in meinen Excel-Kursen, z.B. an der Volkshochschule Leipzig. In dem gleichen Zusammenhang nenne ich dann auch gern das berühmt-berüchtigte Zitat:

Ich traue keiner Statistik,
die ich nicht selbst gefälscht habe.

Das Wort wird oft Winston Churchill zugeschrieben, stammt aber sehr wahrscheinlich von Joseph Goebbels, der Churchill mit dieser Zsuchreibung diskreditieren wollte. Wer hat nun gewonnen? – Goebbels, weil wir heute tatsächlich glauben, dass Churchill das gesagt habe, oder Churchill, weil wir ihn alle für sein vermeintliches und feinsinniges Bonmot bewundern.

Radwegekirchen

Es ist schon einige Zeit her, dass ich auf einem Fahrrad saß, geschweige denn regelmäßig auf zwei Rädern von Muskelkraft getrieben den Weg zwischen einem A und einem B überbrückte. Aber Richtung Sommeranfang ist zumindest die Vorstellung einer Radtour relativ verlockend.

Bei der Lektüre des aktuellen ZEIT-Magazins bin ich auf die Deutschlandkarte mit den Radwegekirchen gestoßen. Sie liegen an ausgewiesenen Radwanderwegen und sind geöffnet für kurze Andachten. Außerdem haben sie Toiletten und manchmal sogar Fahrradflickzeug. Besonders stark verbreitet ist die Idee der Radwegekirchen in Sachsen-Anhalt. Und in dem Bundesland liegt auch die Straße der Romanik. So ist zum Beispiel der Dom in Merseburg auch eine Radwegekirche.

Wenn es auch an diesem Wochenende des Sommeranfangs nicht ganz so freundlich aussieht, irgendwann in diesem Jahr sollte ich doch auch einmal wieder eine Radtour wagen. Interessierte Mitreisewillige dürfen sich gern melden.

Link
radwegekirchen.de