Archiv der Kategorie: Veröffentlichung

Wanda – Musik aus Wien und Amore in Bologna

Ich bin, was aktuelle musikalische Strömungen und Erscheinungen angeht, nicht der Schnellste. Wanda waren bereits im Februar letzten Jahres im Werk II in Leipzig zu sehen. Aber damals kannte ich sie ja noch nicht. Vor knapp zwei Wochen habe ich beim Aufräumen den Deutschlandfunk gehört und da gab es einen Beitrag zu der 2012 in Wien gegründeten Band.

Die Lieder haben mich sofort in ihren Bann gezogen: Auseinandergehen ist schwer, Stehengelassene Weinflaschen, Meine beiden Schwestern – direkt nach der Sendung bin ich online gegangen und habe die zwei CDs Amore (2014) und Bussi (2015) bestellt. Jetzt gehen mir ihre Lieder als Ohrwürmer durch den Gehörgang. Die Texte changieren auf eine Art zwischen Belanglosigkeit und Philosophie, wie ich sie auch selbst gern praktiziere.

Genauso wie die Flaschen von Gestern,
meine beiden Schwestern,
ich schau dich gern von rechts an.
Hin und wieder stehen wir uns nah.

Aber das darf man nicht nur lesen; das muss man hören:

Ein anderes Zitat, diesmal vom ersten Album, ist aus dem Song Bologna:

Wenn jemand fragt wohin du gehst, sag nach Bologna!
Wenn jemand fragt wofür du stehst, sag für Amore, Amore!

Tante Ceccarelli hat in Bologna Amore gemacht! Amore, meine Stadt
Tante Ceccarelli einmal in Bologna Amore gehabt! Bologna, meine Stadt

Auch hier möchte ich das Video gleich nachreichen:

Für alles weitere bleiben noch die Links:
http://wandamusik.com/
https://problembaer.bandcamp.com/album/wanda-amore

Todrick Hall – Straight Outta Oz

Die Zahl von Castingshows in dieser Welt ist Legion. Die Qualität der Beiträge sowie die Nachhaltigkeit der versprochenen Karrieren bleibt dagegen übersichtlich. Der Semifinalist der neunten Season von Amrican Idol stellt für mich – gemeinsamen mit seinem Dunstkreis – eine positive Ausnahme dar: Todrick Hall.

Der 31-jährige Afroamerikaner, der sich selbst als queer bezeichnet, ist heute wohl vor allem als YouTuber bekannt. Das meint in diesem Fall aber voll aus-produzierte Videos, die den Vergleich mit den Großen nicht zu scheuen brauchen. Am 23. Juni 2016 hat Todrick Hall auf YouTube ein visual album veröffentlicht unter dem Titel Straight Outta Oz.

Der Titel spielt auf die zwei Themen seines Lebens an. Straight Outta Compton war der Titel eines 1988 von den Niggaz Wit Attitudes veröffentlichten Albums. Zu dern N.W.A. gehörte so große Namen wie Ice Cube, Eazy-E und Dr. Dre. Sie gehören zu den wichtigsten Vertretern des Gangster Rap, dem einige Gewaltverherrlichung vorwerfen. Andere sehen darin nur eine drastische Darstellung der Situation der Farbigen in den immer noch weiß dominierten USA. 2015 wurde unter dem gleichen Titel die Geschichte der N.W.A. verfilmt. Und die Schüsse von und auf Polizisten im Zusammenhang mit rassistischen Ressentiments der letzten Tage zeigt uns erneut die Aktualität.

Das andere Thema ist der Wizzard of Oz, das Märchenmusical, das in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts die amerikanischen Wunden der Great Depression heilen konnte. Internationale Bekanntheits-Rekorde  bricht Judy Garland mit Somewhere over the Rainbow, gleich neben Elvis Presley, Coca Cola und Muhammad Ali. Heute gilt – nicht zuletzt durch Elton Johns Yellow Brick Road – der Wizzard of Oz als eine schwule Utopie. Dass diese noch lange nicht erreicht ist, trotz vieler Erfolge der Ehe für alle, zeigt die jüngste Bluttat in Orlando.

Schwarze Schwule haben es doppelt schwer. James Baldwin hat daraus Romane werden lassen. Todrick Hall glitzert im Stile Hollywoods und doch mit ausreichend Tiefgang. Bevor ich jetzt noch akademisch werde, schaut es euch einfach mal an. Es ist ja kostenlos auf seinem YouTube-Kanal veröffentlicht:

https://www.youtube.com/watch?v=O1YEYOTUxcg

Ebenfalls sehenswert sind die drei Disney-Dudes-Videos von 2014 mit der gecasteten Boyband IM5. Auch da könnte man über die ironische Brechung der Rollenklischees aus den Disney-Filmen sinnieren, wenn die Jungs von IM5 die Prinzen und die Prinzessinnen gleichzeitig spielen. Man kann es aber auch einfach nur lustig finden. So oder so fällt auf, welch breite Bildung Todrick Hall im Bereich Showtunes, Musical und Hollywood-Produktionen hat. Bei Straight Outta Oz musste ich immer mal wieder an den Ideenreichtum von Moulin Rouge! von 2001 denken. Aber damit lobe ich ihn vielleicht doch ein wenig zu hoch.

Todestag von Klaus Mann

Heute ist der Todestag eines meiner absoluten Lieblingsschriftsteller: Klaus Mann. An meinem Schreibtisch sitzend habe ich immer seine Werke im Regal gegenüber im Blick. Ich habe sie demütig unter die Werke seines Vaters und Nobelpreisträgers Thomas und seines Onkels Heinrich gestellt. Das sagt schon viel über seine schwierige Position.

Geboren wurde Klaus Mann am 18. November 1906 in München als zweites Kind von Thomas und Katia Mann. Sein vollständiger Name lautet Klaus Heinrich Thomas Mann. Das ist so platt wie beschreibend. Drei äußerst schwierige Startbedingungen prägen sein Literarisches Schaffen wie sein selbst verkürztes Leben: Der berühmte Vater, die zur vollständigen Auslebung drängende Homosexualität und sein Kampf gegen den Faschismus und für ein geeintes Europa. Am 21. Mai 1949 nahm sich Klaus Mann in Cannes das Leben.

Klaus Mann hätte sicherlich einen ganz langen und ausführlichen Artikel verdient. Aber ich fühle mich heute nicht danach. Aber ein paar Empfehlungen möchte ich aussprechen in Form einer Top-Five-Liste der für mich wichtigsten Bücher von Klaus Mann.

  1. Mephisto (1936) – Viele kennen von ihm nur dieses Werk. Und es ist auf jeden Fall eines seiner besten Bücher. Überdeckt wird es immer wieder von der einfachen Gleichung: Hendrik Höfgen im Roman = Gustaf Gründgens im Leben. Doch Klaus selbst wies immer wieder darauf hin, dass Mephisto nicht als Schlüsselroman zu lesen sei. Wir machen es uns mit dieser Lesart auch wirklich zu einfach; denn solche Typen wie Hendrik Höfgen gibt es viele. Die sind nicht alle mit Gründgens gestorben.
  2. Alexander. Roman einer Utopie (1929) – Die Geschichte Alexander des Großen. Mir kommt es vor, als hätte Klaus sich hier ein wenig am Verständnis eines Stefan Zweig orientiert. Natürlich ist aus dem Autor nicht schnell ein fundierter Historiker geworden. Trotzdem ist dieses Buch für an der griechischen Antike Interessierten wie auch träumenden Weltbürgern immer noch lesenswert.
  3. Symphonie Pathétique (1935) – Es geht um Tschaikowsky, wie er seine 6. Symphonie komponiert und die unglückliche Liebe zu seinem Neffen Wladimir. Klaus setzt diesem großen Komponisten aus dem Reigen homosexueller Künstler eine sehr empfindsames Denkmal.
  4. Der fromme Tanz. Das Abenteuerbuch einer Jugend (1926) – Mit 19 Jahren schrieb Klaus Mann das Buch, was einer (wenn nicht der) der erste Homosexuellen-Romane in deutscher Sprache. Davon ausgenommen sind wilhelminische Schoßbüchlein und andere Schundliteratur. Hier wurde das Thema Homosexualität auf die Agenda des Feuilletons gehoben. Schon dafür gebührt Klaus Ruhm und Ehre.
  5. Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht (1942, 1952) – Bereits 1932 als 26-Jähriger veröffentlichte Klaus Mann eine Autobiografie heraus. Das brachte ihm viel Häme ein, er litte doch wohl entschieden an Selbstüberschätzung. Heute liefern seine drei Autobiografien – The Turning Point erschien 1942 in den USA, Der Wendepunkt, von ihm überarbeitet, postum 1952 – ein gutes Bild das Lebens eines denkenden und fühlenden deutschen junge Mannes zu Zeiten der Weimarer Republik, des Faschismus und der frühes Nachkriegszeit.

Geburtstag von Jakob van Hoddis

Mit dem Namen Jakob van Hoddis verbindet sich deutschunterrichtswirksam die Geburtsstunde des literarischen Expressionismus. Sein Gedicht Weltende traf den Puls seiner Zeit und hat, das wollen wir gleich durch die Wiedergabe des Textes zeigen, in unserer internetgestützten Nachrichtenwelt nicht an Aktualität verloren:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Am 16. Mai 1887 wurde Jakob van Hoddis in Berlin als Hans Davidsohn geboren. 1911 erschien Weltende erstmalig in der Berliner Zeitschrift Der Demokrat. Seit 1912 ist sein Lebensweg geprägt durch seelische Krisen bis hin zur geistigen Umnachtung. In einem anderen Gedicht von 1911 schreibt er prophetisch: All meine Pfade rangen mit der Nacht. Nach vielen Klinikaufenthalten und Vormundschaft kam er 1933 in die Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten in Bendorf-Sayn. 1942 wurden die Patienten mit dem Pflegepersonal verschleppt und ermordet. Wahrscheinlich starb van Hoddis im Vernichtungslager Sobibor an der heutigen polnisch-ukrainischen Grenze. Er wurde 55 Jahre alt.

55 Jahre nach der Veröffentlichung von Weltende und genau am Geburtstag dieses ersten Expressionisten erschien mit Pet Sounds nicht nur das wohl beste Album der Beach Boys sondern ein unverrückbarer Meilenstein der Rock- und Popmusik. Ewiger Konkurrent Paul McCartney sagte über das Album: Ich glaube, niemand weiß wirklich was über Musik, solange er dieses Album nicht gehört hat. Die Frustration über die folgende Beatles-Veröffentlichung (Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band), der steigende Drogenkonsum, Probleme bei der Kommunikation seiner Vision gegenüber seinen Mitmusikern und nicht zuletzt eine psychische Erkrankung verhinderten die weitere Karriere des Brian Wilson. Was wir bis heute von ihm hören, ist ein Wundenlecken. Auch darin ist er noch groß, aber nicht mehr olympisch.

Todestag von Magnus Hirschfeld

Heute ist der Geburts- und Todestag von Magnus Hirschfeld (1868–1935), dem Arzt und Sexualforscher, dem die heutige LGBT-Bewegung viel zu verdanken hat. Es bemühte sich, die Sexualwissenschaften zu einer eigenständigen Wissenschaft im Netz von Medizin und Psycholgie werden zu lassen. Sein in Berlin privat gegründetes Institut für Sexualwissenschaft wurde von den Nazis geschlossen.

Von ihm stammt der Begriff Drittes Geschlecht, den er später zugunsten des Begriffs der Zwischenstufen aufgab. Diese Aufhebung der geschlechtlichen Dualität ist einer der erste Schritte zu den Queer- und Genderstudies der letzten Jahre. Er prägte außerdem den Begriff Transvestit.

Auf seinem Grabstein in Nizza steht sein Lebensmotto: Per Scientiam ad Justitiam (Durch die Wissenschaft zur Gerechtigkeit). Er kämpfte darum, die Homosexualität aus dem Bereich des Strafgesetzbuches herauszuhalten. Aber er ging dabei einen vorsichtigen, besonnenen Weg, den manche Kritiker auch für einen Pakt mit den teuflischen Mächten hielten. So war er als Sachverständiger zu Fragen der Homosexualität auch immer wieder vor Gericht tätig, u.a. während der Harden-Eulenburg-Affäre vor dem ersten Weltkrieg, in der Hirschfeld beurteilen sollte, ob das Verleihen einen Stofftaschentuches Ausdruck von inniger aber heterosexueller Freundschaft sei oder Zeichen einer homosexuellen Beziehung. Der Kabarettist Otto Reutter (1870–1931) dichtete dazu das Couplet Der Hrischfeld kommt:

Herr Dr. Magnus Hirschfeld ist ein Sachverständiger,
ja dieser Herr ist in Berlin jetzt riesig populär.
Der Hirschfeld hat, das geb ich zu, in manchen Punkten recht,
jedoch mir scheint beinah, er glaubt, die ganze Welt sei schlecht.
Er wittert überall Skandal.
Er hält fast keinen für normal.
Drum sieht man täglich in Berlin
Herrn Hirschfeld durch die Straßen ziehn.

Und jeder kriegt ’nen Schreck,
kommt Hirschfeld um die Eck!
Der Hirschfeld kommt!
Der Hirschfeld kommt!
Dann rücken alle aus.
Er holt aus allen Dingen sich noch was Verdecktes raus.
Der Hirschfeld sagt, selbst die Natur blamiert sich kolossal,
denkt an den letzten Sommer nur: Auch der war nicht normal!

Zur Köchin geht der Grenadier mit traurigem Gesicht.
Sie sagt zu ihm: Was ist mit dir? Du isst ja heute nicht!
Er sagt: Es schimpfen manche jetzt auf unser deutsches Heer.
So schlimm stehts doch noch lange nicht mit unserm Militär.
Das stimmt, sagt sie da inniglich,
für dich da garantiere ich!
Sei wieder froh, gib mir ’nen Kuß!
Heut nicht, sagt er da voll Verdruß.

In dem Moment, oh Schreck,
kommt Hirschfeld um die Eck.
Der Hirschfeld kommt!
Der Hirschfeld kommt!
Nun schwindet sein Verdruß.
Er geht auf seine Köchin los und gibt ihr einen Kuß.
Zum Hirschfeld sagt er ich bewies: Ich bin noch ganz normal!
Und Sie sagt Fritz, er zweifelt noch, beweis es schnell noch mal.

Wer heut nicht jedes Mädchen küsst, der kommt gleich in Verdacht,
bleibt heut ’ne Ehe kinderlos, dann wird er ausgelacht,
wer einen Buckel heutzutag, wer etwas lang und schmal
oder wer so dick ist als wie ich, der ist schon nicht normal.
Meinen kleinen Neffen Friederich,
den traf ich heut, dem schenkte ich,
’ne Zuckertüte, welche Pracht.
Doch grad, als er sie aufgemacht,

in dem Moment, oh Schreck,
kommt Hirschfeld um die Eck.
Der Hirschfeld kommt!
Der Hirschfeld kommt!
Steck schnell die Tüte ein!
Das Süße in der Tüte könnte sehr verdächtig sein.
Friß ganze Zuckertüten auf, das ist dem Mann egal,
aber pust nicht in die Tüte, sonst biste nicht normal.

’ne alte Jungfer sitzt vergnügt auf einer Bank im Freien,
hat auf dem Schoß ihren Mops, der schaut phlegmatisch drein,
er ist gesättigt und gepflegt, das Asthma plagt ihn sehr,
was sonst ein Hundeherz bewegt, das rührt ihn gar nicht mehr.
Zwei Hunde stelln sich zu ihm ran,
doch er schaut nur die Herrin an,
als wollte sagen er zu ihr:
Sei unbesorgt, ich bleib bei dir!

In dem Moment, oh Schreck,
kommt Hirschfeld um die Eck.
Der Hirschfeld kommt!
Der Hirschfeld kommt!
Nun springt der Mops vom Schoß,
jetzt läuft er wie der Deibel gleich auf beide Hunde los.
Den einen, den erwischt er noch, an ’nem Laternenpfahl.
Sonst schreibt ihn Hirschfeld auf und sagt: Der Mops ist nicht normal.

Ich hab mal früher nen Freund gehabt, jetzt sehn wir uns fast nie.
Wir haben früher „Du“ gesagt, jetzt sagen wir wieder „Sie“.
Wir gingen als Freunde Hand in Hand, das tun wir jetzt nicht mehr.
Nur kürzlich, an nem Regentag, kam er mir in die Quer.
Er war verschnupft und sprach:
Ich such vergebens nach ’nem Taschentuch!
Ich sprach: Nimm meins! Du tust mir leid.
Nimms schnell, es wird die höchste Zeit.

In dem Moment, oh Schreck,
kommt Hirschfeld um die Eck.
Der Hirschfeld kommt!
Der Hirschfeld kommt!
Das Tuch schnell wieder her!
Denn so ein Taschentuch vom Freund, das ist verdächtig sehr.
Das Taschentuch wird nicht benutzt, laß loofen, ’s ist egal,
wenn du dir jetzt die Neese putzt, dann biste nicht normal!

Meine liebsten dunklen Bands

In Leipzig hat das Wave-Gotik-Treffen hat begonnen – zum 25. Mal. Das erste habe ich 1992 gerade verpasst; denn ich bin erst im Sommer nach Leipzig gezogen. Von da an war ich aber auf immer wieder unterschiedliche Art mit der VILLA und dem WERK II verbunden, die ja zu den Keimzellen des WGT gehören.

Ich bin niemals ein Gruft im klassischen Sinn gewesen, hatte aber Gruft-Freunde. Und ich interessiere mich für Fantasy und klassischen Horror. Das ist auch wieder ein Berührungspunkt. Zur Feier des 25. WGT möchte ich mein CD-Regal durchgehen und eine Top-Five-Liste meiner liebsten dunklen Bands präsentieren, inklusive Anspieltipp. Natürlich wieder ohne Anspruch auf Vollständigkeit und völlig undogmatisch und in zufälliger Reihenfolge.

  1. Nick Cave & the Bad Seeds – Auf Nick Cave bin ich in meinen letzten zwei Schuljahren gestoßen. Der Ship Song war gerade als Single erschienen. Die Entwicklungen der letzten Jahre habe ich nicht mehr so verfolgt. Aber rückwärts bis zu seinen Anfängen ist er für mich interessant geblieben. Anspieltipp: People ain’t no good
  2. The Cure – Ich weiß tatsächlich überhaupt nicht, was Robert Smith in den letzten 10 bis 15 Jahren gemacht hat. Die Bloodflowers hatte ich noch einmal gehört, aber die haben mich nicht überzeugt. Die frühen „punkigen“ Cure sind auf jeden Fall die besseren. Die erste Single: Killing an Arab
  3. In the Nursery – Sie tauchten recht früh als eine der vielen Gruftbands auf Mixtapes auf. Dann hatte ich sie aus den Augen verloren. Jahre später sind sie mir mit Filmmusik zu klassischen Stummfilmen wieder begegnet. Der Anspieltipp ist daher auch gleich ein Filmtipp: Man with a Movie Camera
  4. Joy Division – Eigentlich war das gar nicht meine Musik. Und trotzdem hat sie mich bis heute nicht mehr losgelassen. Wie viel Frust kann man in ein Lied packen? Joy Division haben da Maßstäbe gesetzt. Anspieltipp: Iceage
  5. The Sisters of Mercy – Ich habe sie immer als die Popstars der Gruftszene empfunden. Mir gefielen die Anspielungen auf Leonard-Cohen-Texte. Ich habe sie lange nicht gehört. Gerade bin ich erstmal zu Wikipedia gegangen, um zu checken, ob es Andrew Eldritch überhaupt noch gibt. Anspieltipp: Something Fast

Pfingsten vorbereiten – Geist für alle

Am kommenden Wochenende ist Pfingsten, das WGT in Leipzig, der ESC in Stockholm usw. usf.

Das christliche Fest geht ein wenig unter; zumal es in seinem Inhalt auch viel zu abstrakt daherkommt. Das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes. Was soll das sein? – Es ist vor allem das, was man in Stoßgebeten gerne mal Richtung Himmel schickt: Oh, Herr, lass Hirn regnen!

Um in diesem Bild zu bleiben: Ich habe eine witzige Website gefunden, die man als säkulare künstliche Bewässerung verstehen kann. Philosophische Thesen in Comicform. Absolute Leseempfehlung!!!

existentialcomics.com

John Stuart Mill und die Freiheit

Am 8. Mai 1873 starb der liberale Ökonom und Philosoph John Stuart Mill. Er war ein früher Verfechter der Emanzipation der Frau, überzeugter Anhänger des Utilitarismus und Schöpfer des Wortes Dsytopie zur Bezeichnung einer negativen Utopie.

Heute, am Tag der Befreiung, der, wie Richard von Weizsäcker 1984 sagte, auch ein Tag der Befreiung für Deutschland vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft war, möchte ich einen wichtigen Satz von Mill herausheben. Er ist aus seinem Werk On Liberty (1859):

That the only purpose for which power can be rightfully exercised over any member of a civilized community, against his will, is to prevent harm to others.

J. S. Mill nennt dies ein wirklich einfaches Prinzip (one very simple principle). Doch heute reiben wir uns die Schläfen wund, wann und wie denn nun die Freiheit eines Individuums eingeschränkt werden kann, bzw. wann auf offiziellem Weg ermittelt werden darf, ob ein solcher Fall eingetreten sei.

Ich spiele selbstverständlich auf Jan Böhmermann an, dessen Interview in der Wochenzeitung „Die Zeit“ gerade in aller Munde ist. Dem manchmal geistreichen Unterhaltungskünstler hat die große Öffentlichkeit nicht gut getan. Er versteigt sich zu einer Merkel-Kritik, die nur zeigt, dass er – wie viele – den eigentlichen Kern der Sache nicht verstanden hat. Von großen Teilen der Bevölkerung erwarte ich ja nichts anderes. Aber Böhmermann hätte die letzten Tage zum Nachdenken nutzen können.

Filetiert habe die Kanzlerin den Moderator und einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert. Na, das klingt jetzt aber dramatisch. Frau Merkel bekannte, dass das eigentliche Schmähgedicht für sie bewusst verletzend sei. Sie sagte dies dem Präsidenten der Türkei, aber sie sprach doch nicht ex cathedra. Ein solcher Satz hat, auch aus dem Munde der Bundeskanzlerin, keine konstituierende Wirkung. Und dass die Regierung letztendlich ein Verfahren zur Prüfung zulässt, so wie es in geltenden Gesetzen vorgesehen ist, lässt sich in meinen Augen schwer zu einem haltbaren Vorwurf nutzen.

Einen deutschen Ai Weiwei habe Angela Merkel aus ihm gemacht, sagt Böhmermann weiter. Da kann ich ihn beruhigen. Es gibt wohl nichts, was die Kanzlerin machen oder sagen könnte, um Böhmermanns Niveau zu heben, schon gar nicht auf das des großen Ai Weiwei. Selbstverständlich ist eine Voruntersuchung und ein letztendliches Strafverfahren keine angenehme Sache. Und über die menschliche Not Böhmermanns möchte ich mich nicht erheben. Ich glaube aber, Ai Weiwei wäre deutlich glücklicher, wenn er all seine gegen ihn gerichteten Ermittlungen und Verfahren in Deutschland und nach deutschem Recht erdulden müsste. Das sollten wir nicht vergessen.

Wir leben nicht in einer Welt der unbegrenzten Freiheit, die persönliche Freiheit ist genau so beschränkt wie die Presse- und die Kunstfreiheit. Und das ist gut so. Denn die Freiheit, die wir haben, soll für alle gelten.

Eins möchte ich noch sagen: Ich hoffe, dass Jan Böhmermann freigesprochen wird. Ich denke, dass er diese Nummer mit dem Schmähgedicht recht geschickt eingefädelt hat. Ihm liegt – und da muss ich eine Polemik zum Niveau Böhmermanns leicht revidieren – fast etwas Faustisches inne. Wir erinnern uns an der Tragödie zweiten Teil. In seinem letzten Monolog sagt Faust:

Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!

Diese letzten Worte lassen Mephisto an den Sieg der Wette glauben. Doch der Teufel hat nicht genau hingehört; Faust hat im Konjunktiv gesprochen. Ähnlich verhält es sich mit dem Schmähgedicht. Natürlich kann man nicht unter der Überschrift „Ich zeige euch mal, was man nicht machen darf“ ungestraft einen Mord begehen. Aber auf der verbalen Ebene ist ein solches Verfahren statthaft. Sonst befinden wir uns in einer von Monty Python beschriebenen Szene: „Es ist verboten, Jehova zu sagen!“ – Na, wer hat jetzt „Jehova“ gesagt?

Aber das gerichtlich untersuchen zu lassen, muss erlaubt bleiben. Wir leben in einem Rechtsstaat. Der wirkt manchmal etwas schwerfällig. Der Lynchmob ist da deutlich agiler. Möchte jemand tauschen?

Die Freiheit jedes Einzelnen zu bewahren und vor ausufernden Handlungen anderer zu schützen, ist ein fortwährender Aushandlungsprozess. Jan Böhmermann ist dieser Tage zu einem prominenten Beispiel geworden, einen tragischen Helden macht ihn das aber noch lange nicht. Der, nämlich Faust, sagte kurz vor den oben zitierten Worten noch den Satz, mit dem ich meinen Eintrag abschließen möchte:

Das ist der Weisheit letzter Schluss:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muss.

Kämpfen am 1. Mai

Als Freiberufler über die Rechte der Arbeitnehmer zu schwadronieren, ist wohl doch eher unpassend. Nun soll aber der 1. Mai ein Kampftag sein. Wäre heute nicht Sonntag, hätten wir ja trotzdem frei. Wofür kann man kämpfen? Da fallen mir sofort die LGBT-Rechte ein. Der US-amerikanische Singer/Songwriter Tom Goss kämpft ganz charmant für die Gleichstellung Homosexueller. Und seine Lieder kann man sich auch noch gut anhören.

Das Lied Son of a preacher man hat ja schon seit der Aufnahme von Dusty Springfield etwas Schlüpfriges. Nun wird es – meines Wissens erstmalig – in einem schwulen Kontext verwendet. War eigentlich schon länger fällig. Toll! Vielen Dank, Tom Goss!

Macha, ein Alphabet und die Selbstwirksamkeit

Seit Jahren und Jahrzehnten bin ich im Internet. Gehöre ich auch nicht zu der Generation der digital natives, habe ich als Student wichtige Phasen der Computerisierung und der Geburt des Internet mitverfolgen können. Ich habe auch schon seit zwei Jahrzehnten eigene Websites, die ersten noch voller Hochachtung mit fremder Hilfe, die späteren bis heute selbst erstellt.

Ich muss gestehen, ein wenig unzufrieden bin ich mit der Wirksamkeit meiner Aktivitäten. Man schreibt und rackert, aber häufig hat man den Eindruck, es interessiere praktisch niemanden. Doch dann passieren so besondere Dinge, die einen wieder mit dem eigenen Schicksal versöhnen.

Auf der Suche nach einer englischen Übersetzung des Gedichts Mai vom tschechischen Romantiker Karel Hynek Mácha stieß ich auf einen deutschen Blogeintrag aus dem Jahre 2012, in dem ein Alphabet vorgestellt wird, welches wiederum vom mährischen Grafiker Jakub Konvica nach Motiven aus dem Gedicht Máchas entworfen wurde. Und ganz nebenbei steht da, dass man das Gedicht auf Deutsch auf der Website vatermoerder.de lesen könne – mit Link.

Schön!

http://seite360.de/2012/03/13/handgezeichnetes-alphabet/
http://kyuu.eu/may.htm