Schlagwort-Archiv: Geschichte

Jonas

Heute habe ich über epubli.de das Buch Jonas – Eine Text- und Bilder-Collage veröffentlicht. Geschrieben, gemalt und geklebt habe ich es für meinen Neffen, der eben diesen Namen trägt und im letzten Sommer geboren wurde. Zu seiner Taufe im November habe ich es ihm als Sonderausgabe geschenkt. Jetzt dürfen auch andere Menschen dieses Buch besitzen.

Jonas Cover

In wenigen Wochen wird das Buch über den Buchhandel erhältlich sein. Auch über Amazon kann man das Buch bestellen. Heute ist es bereits im Epubli-Shop verfügbar.

http://www.epubli.de/shop/buch/Jonas-Fabian-Williges-9783737597791/50598

Todestag von Leo Fender

Heute vor 25 Jahren starb Clarence Leonidas Fender. 1909 wurde Leo geboren.1950 baute er die erste Gitarre mit angeschraubtem Hals, der dadurch sehr leicht austauschbar wurde. Im Folgejahr baute er seinen ersten E-Bass. Im Februar 2009 wurde ihm postum für sein die gesamte Rock- und Pop-Musik prägendes Lebenswerk ein Grammy verliehen.

Leo Fender konnte übrigens nicht Gitarre spielen.

Und jetzt gehe ich zur OpenStage in der VILLA. Das passt ja auch irgendwie zu mindestens einem der oben genannten Tatsachen.

Sammelsurium im Frühling

Jetzt war schon wieder eine kleine Pause im Blogeintragsrhythmus eingetreten. In der Zwischenzeit bin ich älter geworden und die letzte Woche krank gewesen – erkältet! Ich werde den grippalen Infekt wahrscheinlich überleben, aber schlecht man sich trotzdem, wenn die Nase zu ist und der Hals rau.

Zumal ich Anfang dieser Woche zwei Lesungen aus meiner Erzählung Lucias Aufbrüche hatte; eine in Wathlingen und eine in Peine. Da ist eine Erkältung auf einmal eine Herausforderung. Ist aber gut gegangen, und mittlerweile bin ich auf dem Weg der Besserung.

Was sich momentan nicht bessert, ist die politische Situation in Deutschland, der EU und vor allem der USA. Was wird uns denn von den Republikanern da als Präsidentschaftskandidat angeboten?! Manchmal ist mir nach Lachen, doch meist nach Weinen. Ich musste in den letzten Tagen immer mal an den Roman It can’t happen here des Literaturnobelpreisträgers Sinclair Lewis denken, der 1935 halb-satirisch beschreibt, wie in den USA ein rechter Populist zum Präsidenten gewählt wird. Buzz Windrip ist sein Name und er formt die Vereinigten Staaten um zu einem faschistischen Staat. Klaus Mann war seinerzeit begeistert von diesem hellsichtigen Buch. Ich habe mich ein wenig durch das Original gequält. Aber das ist wohl eher meinem Sprachvermögen geschuldet.

Der Titel ist eine ironische Wiederholung der damals weit verbreiteten Ansicht, dass das, was in Nazideutschland geschah, niemals in der Freien Welt passieren könnte. Aus einem ähnlichen Grund gab es 1967 im kalifornischen Palo Alto das Third Wave Experiment, welches heute als 1981er oder 2008er Verfilmung Die Welle bekannt ist. Trevor Noah vergleicht in The Daily Show Donald Trump direkt mit Benito Mussolini. Das kann man sich mal anschauen:

Aber ich habe auch eine schöne Seite gefunden, die ganz erfreuliche Dinge zeigt. Auf Our World in Data werden zu verschiedenen Themenkomplexen Daten visualisiert. Auch die Quellen sind jeweils angegeben. Tenor der Website: vieles hat sich zum Guten gewandelt! Wir werden immer älter, die Mordraten sinken und die Intelligenz steigt.

Hoffen wir’s!

Der junge Magier Alexander Merk antwortet allen Ängstlichen auf ihr historisches „Das Boot ist voll“ mit einem sympathischen Zaubertrick, den ich hier zum Abschluss meines heutigen Posts zeigen möchte:

Todestag von John Lennon

Vor genau 35 Jahren, am 8. Dezember 1980 wurde John Lennon von einem psychisch kranken Fan vor dem Dakota-Haus in New York erschossen. Vielen Jüngeren ist John Lennon nur noch ein abstrakter Übervater, der mal mit den Beatles irgendwelche Musik gemacht hat. Dann fällt ihnen vielleicht noch Imagine ein, das heute gern als Zauberformel gegen den Islamismus oder den Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche verwendet wird – „… and no religion, too.“

Für mich ist John Lennon immer mehr gewesen. Und Imagine halte ich nicht für sein bestes Stück. John war einer der ersten modernen Väter. Er war so verzweifelt auf der Suche nach Selbstverwirklichung. Er war ein großer Friedensaktivist. Und er war ein Liebender. Ganz nebenbei: Yoko Ono ist für mich auch nicht die Hexe, die letztendlich die Beatles auseinandergetrieben hat. Sie ist die perfekte Ergänzung für diesen haltlos Kreativen gewesen.

Natürlich ist es auch müßig, nach 35 Jahren zu überlegen, was aus John Lennon noch geworden wäre. Die Welt hat ihn verloren. Was bleibt, ist, was bis 1980 war, und eine trauernde Witwe, die neben ihrer eigenen künstlerischen Karriere auch das Erbe ihres Mannes verwaltet.

Ich poste jetzt kein Video von John Lennon und keine Dokumentation, nur ein Zitat:

WAR IS OVER!
(if you want it)

Links
johnlennon.com
johnlennonartworks.com
a-i-u.net
imaginepeace.com

10 Jahre Wiederaufbau der Frauenkirche

Heute vor 10 Jahren wurde mit einem Festgottesdienst die Frauenkirche in Dresden nach ihrem Wiederaufbau geweiht. Das in der Nacht zum 14. Februar 1945 zerstörte Gotteshaus blieb zu DDR-Zeiten Ruine. Nach der Wende wurde sie bald als ein Symbol für die Wiedervereinigung Deutschlands auserkoren. 1994 begann der der Wiederaufbau. Die Mittel dazu kamen durch Spenden aus der ganzen Welt zusammen.

Ich glaube, ein Blog-Eintrag reicht bei weitem nicht aus, die Dimension dieses Ereignisses und seine Implikationen ausreichend zu erörtern. Zunächst fällt natürlich auf, dass weltweite Unterstützung einer Stadt zugute kam, die heute – also gerade mal 10 Jahre später – durch besondere Fremdenfeindlichkeit auffällt.

Andererseits ist der Wiederaufbau 1:1 weder kunsthistorisch noch architektonisch besonders einfallsreich. Vielmehr kann man bereits darin revanchistische Tendenzen ausmachen, zu denen dann die Pegida-Demonstrationen ganz gut ins Bild passen.

Sollte Gott noch einmal wie im Alten Testament Feuer regnen lassen auf Städte, die das Gastrecht missachten, träfe es wohl zuerst die Frauenkirche in Dresden.

Geburtstag von Niels Bohr

Gestern wurde bekanntgegeben, dass der Japanaer Takaaki Kajita und der Kanadier Arthur McDonald in diesem Jahr den Nobelpreis für Physik erhalten werden. Geehrt werden sie gemeinsam für die Entdeckung von Neutrinooszillationen, die zeigen, dass Neutrinos eine Masse haben.

Doch diese beiden Physiker konnten ihre Arbeit auf einem festen Fundament gründen, das vorangegangene Generationen von Wissenschaftlern bereitgestellt haben. Einer dieser Altvorderen ist Niels Bohr, der heute vor 130 Jahren das Licht der Welt erblickte, was seinerzeit noch nicht als Teilchen oder Welle, sondern schlicht als geradliniger Sonnenstrahl auf uns herniederschien. Bohr erhielt 1922 den Nobelpreis für seine Verdienste um die Erforschung der Struktur der Atome und der von ihnen ausgehenden Strahlung. In seinem letzten Lebensjahrzehnt war er noch an der Gründung des CERN in Genf beteiligt, wo später auch Arthur McDonald arbeiten sollte.

Doch muss ich seine Lebensdaten und wichtigen Leistungen gar nicht einzeln aufzählen. Das hat nämlich vor kurzem ein guter Freund von mir schon gemacht, auf dessen Artikel im Detektor ich hier einfach schlicht verweisen möchte.

http://www.weltderphysik.de/detektor/physik-pur/niels-bohr-im-gegensatz-liegt-die-wahrheit/

Verfassungstag der Weimarer Republik

Am 11. August 1919 wurde die am 31. Juli des gleichen Jahres vom Reichstag verabschiedete Verfassung der sogenannten Weimarer Republik vom sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert unterzeichnet. Drei Tage später trat sie in Kraft. Viele Artikel sind der Paulskirchenverfassung von 1849 entnommen und fanden nach der Niederschlagung des Faschismus auch wieder Eingang in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Diesen Traditionsstrang sollten alle aufrechten deutschen Demokraten nicht aus dem Blick verlieren. Er kann Kraft und Mut spenden, gerade in unseren Zeiten.

Als Nationalfeiertag wurde der 11. August ab 1921 begangen. Er war aber nicht im gesamten Reich ein gesetzlicher Feiertag. Das Foto zeigt die letzte Verfassungsfeier am 11. August 1932 vor dem Reichstag in Berlin. Das Bild ist vom Bundesarchiv (Bild 102-13744 / CC-BY-SA).

Die grosse Verfassungsfeier der Reichsregierung am 11. August 1932 in Berlin ! Blick von der Siegessäule auf den flaggengeschmückten Platz vor dem Reichstag während der Verfassungsfeier.
Die große Verfassungsfeier der Reichsregierung am 11. August 1932 in Berlin.

Namenstag von Maria Magdalena

Nun habe ich ganz den 20. Juli 1944 vergessen, dessen man in den heutigen Zeiten (Stichwort Freital) doch gedenken sollte. Das große Jubiläum im letzten Jahr hatte ich dafür feierlich begangen, indem ich eine Sonderausstellung im Militärhistorischen Museum in Dresden besuchte. Nun ist Attentat auf Hitler. Stauffenberg und mehr eine Wanderausstellung. Bis zum 13. September 2015 ist sie in Ludwigsburg (bei Stuttgart) zu sehen. Sie besteht zu großen Teilen aus dem, was der Museumspädagoge Flachware nennt. Es ist also viel zu lesen. Aber mich haben einige der Originalbriefe beeindruckt, die dort gezeigt werden.

Links
mhmbw.de – Militärhistorisches Museum in Dresden
garnisonmuseum-ludwigsburg.de – Garnisonmuseum in Ludwigsburg (aber das sagt ja schon die URL)


Ich wollte mich heute auf Maria Magdalena stürzen; denn heute ist ihr Namenstag, der von nahezu allen Kirchen begangen wird – allerdings in unterschiedlicher Intensität. Maria Magdalena wird im Deutschen auch Maria von Magdala genannt. Das ist kein Adelstitel, sondern eine Herkunftsbezeichnung. Der Name Maria ist zur Zeit Jesu einfach zu häufig gewesen. An Beinamen zur Identifizierung fehlt es unserer Maria aber nun wirklich nicht. Lediglich Maria, die Mutter Jesu, hat noch ein paar mehr.

Maria Magdalena ist eine höchstwahrscheinlich historische Person aus einem Dorf am westlichen Ufer des See Genezareth, was heute unter dem Namen Migdal bekannt ist. Sieben Dämonen soll Jesus ihr ausgetrieben haben, bevor sie selbst eine Jüngerin Jesu wurde. Sie wird an einigen Stellen in den Evangelien erwähnt. Sie ging mit nach Jerusalem, war Zeugin der Kreuzigung und der Auferstehung. Der Religionswissenschaftler David Flusser entwickelte eine Theorie, nach der Maria Magdalena dem Evangelisten Lukas zugearbeitet hätte. Hippolyt von Rom nannte sie bereits im dritten Jahrhundert die Apostelin der Apostel.

Die Geschichte der anonymen Sünderin, die Jesus die Füße wusch und salbte, wurde seit Papst Gregor I. mit Maria Magdalena assoziiert. Aus der Sünderin wurde mit der Zeit eine Prostituierte. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden Besserungsanstalten für gefallene Mädchen Magdalenenheime genannt.

In einigen apokryphen Schriften gnostischer Tradition wird Maria Magdalena als Gefährtin oder gar Ehefrau Jesu bezeichnet. In popular- und pseudowissenschaftlichen Artikeln und Büchern wurde die kühne These aufgestellt, dass Maria mit Jesus nach Frankreich ausgewandert sein soll. Die Nachfahren bildeten dann das Haus der Merowinger.

Das aus Frankreich stammende Kleingebäck in Form einer Jakobsmuschel trägt seinen Namen Madeleine nur mittelbar der biblischen Gestalt wegen. Die Köchin am herzoglichen Hof zu Lothringen, die das Gebäck erfand, soll schlicht so geheißen haben. Aber sie stammte gewiss aus einer katholisch geprägten Familie.

Während es gerade schwül-warm ist über Leipzig, möchte ich zwei Bauernweisheit zitieren:

An Magdalena regnet’s gern, weil sie weinte um den Herrn.

Und in diesem Zusammenhang vielleicht ein wenig frustrierend:

Regnet’s am St. Magdalentag, folgt gewiss mehr Regen nach.

 

Nach dem CSD in Leipzig

Der Christopher Street Day in Leipzig und die gesamte vorangegangene Aktionswoche ist mit der gestrigen Parade, dem Straßenfest auf dem Marktplatz und dem Pride Ball im Täubchental glamourös zu Ende gegangen. Ich persönlich habe nur das Straßenfest besucht mit Ständen von Vertretern verschiedener queerer Interessensgruppen und Showprogramm auf einer Bühne, unterbrochen von einigen Grußworten. Es war wohl ein erfolgreicher CSD.

Ich selbst sehe die CSD-Feiern mit gemischten Gefühlen. Einerseits haben wir in Deutschland heute nicht die Probleme, welche die Homosexuellen und anderen Minderheiten der New Yorker Christopher Street der späten 60er hatten, was aus einer heutigen Feier immer mehr ausgelassenen Klamauk werden lässt. Andererseits habe ich das Gefühl, dass wir selbst eine solche scheinbar unpolitische Party den sexuellen Minderheiten schuldig sind, die in anderen Ländern – selbst noch auf dem europäischen Kontinent – verfolgt werden.

Wir haben ja auch noch nicht alles erreicht. Von einer allgemein akzeptierten und gesetzlich garantierten Gleichstellung trennt uns noch der eine oder andere Paragraph. Solches wird aber nicht auf dem Marktpatz ausgehandelt. Dafür muss man durch die Institutionen marschieren. Die Stimmung am nach der Mitte lechzenden rechten Rand in Deutschland und anderen Ländern lässt mich allerdings fürchten, dass selbst bereits Erreichtes immer wieder auf dem Spiel stehen kann.

In meinen dunkelsten Augenblicken frage ich mich, ob die Ehe-für-alle nicht schon fast ein Pyrrhussieg wäre. Dieser Tage diskutieren wir über eine Karte bei Google Maps, auf der geplante und errichtete Asylantenheime in ganz Deutschland verzeichnet sind. Und andere lassen sich im Standesamt freiwillig als verpartnert aber damit auch als offiziell homosexuell registrieren. Da müssen die Faschisten ja keine eigenen Schwarzen Listen mehr führen. Aber wie gesagt, das sind die düsteren Momente.

Besonders betroffen von den Schikanen der New Yorker Polizei war übrigens die afro- und lateinamerikanische Bevölkerung. Denn die Sexarbeiter und GoGo-Tänzer in den Schwulenclubs wie dem berühmt-berüchtigten Stonewall waren überwiegend Schwarze oder Latinos. Wie viel (oder eben wenig) sich für sie seit den Stonewall Riots geändert hat, sehen wir ja fast täglich in den Nachrichten, wenn weiße Polizisten mal wieder einen schwarzen Jugendlichen töten.

Um in einer solchen Gemütsverfassung dennoch Mut zu schöpfen, höre ich gern Scott Matthew, der für den absolut genialen Kinofilm Shortbus von John Cameron Mitchell 2006 einige Lieder schrieb. Matthew tritt auch im Film selbst auf. Das letzte Lied des Film heißt – wie originell – In the End. Ich poste es an dieser gleich zwei Mal:

Aktuelle Euphemismen

Um es kurz zu machen: Mich widert die ganze rechte Scheiße in Sachsen dermaßen an, dass ich auch sprachlich die Contenance verliere, wenn ich auch nur einen Augenblick über die Lage in Orten wie Freital nachdenke. Wenn es nur ein paar kahlgeschorene und fehlgeleitete Dorftrottel wären, die mal ein wenig rumbrüllen wollen, um sich Brüllen zu hören, könnte ich das einfach ignorieren. Aber dass in den Asylantenheimen Flüchtlinge auf einen rechten Mob schauen müssen, von dem sie nicht sagen können, ob er sie letztendlich am Leben ließe, erschreckt mich so sehr, dass ich mich schnell auf einen Nebenschauplatz flüchten muss, um nicht vollständig handlungsunfähig zu werden.

Der damalige Gouverneur von Kalifornien Hiram Warren Johnson sprach 1914 den seitdem oft zitierten Satz: das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Und die Wahrheit hat ein so zartes Wesen, dass es nicht einmal Stiefel braucht, um sie zu zertreten. Es reichen allein schon Worte, falsche Worte. Das wussten auch die Nazis, die mit Goebbels an der Spitze einen Propaganda-Apparat schufen, welcher die Kunst des Euphemismus auf seine bisherige Spitze trieb. Victor Klemperer hat die Sprache der Nationalsozialisten einer äußerst luziden Studie unterzogen, die bereits 1947 unter dem Titel LTI – Notizbuch eines Philologen erschien. Die Abkürzung LTI steht dabei für den Terminus Lingua Tertii Imperii und karikiert damit bereits einen Aspekt der Nazisprache – den AF (=Abkürzungsfimmel), der einen ersten Schritt der Verschleierung darstellt.

Dem Geist Klemperers folgend möchte ich meine Top-Five-Liste den aus meiner Sicht schlimmsten Euphemismen der neuen deutschen Rechten widmen:

  1. PEGIDA und LEGIDA etc. pp.
    Als ich das erste Mal von PEGIDA hörte, musste ich des Klanges wegen an Paddington Bear denken, der mit seinem „Things are always happening to me. I’m that sort of bear.“ zumindest auch in die Kategorie Problembär fällt. Doch das war bestimmt nicht beabsichtigt. Dennoch haftet all diesen Abkürzungen der Demonstrationsinitiativen etwas gewollt Harmloses, ja, fast Albernes an. NPD klingt ja so historisch nah nach NSDAP, aber LEGIDA scheint eher ein neuer Hit von Ricky Martin zu sein, gleich nach Living la Vida Loca. Vielleicht wurden sie deshalb auch so lange (bis heute) in ihrer Gefährlichkeit unterschätzt.
  2. besorgte Bürger und Patrioten
    Man muss sich nur einige der geifernden Kläffer vor dem Asylbewerberheim in Freital in den Nachrichten anschauen, und man weiß, dass dies keine besorgten Bürger sind, die ihrer Sorgen wegen ein paar Fragen stellen möchten, um Klärung und Erleichterung zu erfahren. Mich erinnern diese leider eher an das gesunde Volksempfinden, welches 1938 in der Reichskristallnacht in einen spontanen Volkszorn ausbrach.
    Ich weiß, dass der Begriff des Patrioten in weiten Kreisen Deutschlands einen sehr schlechten Ruf genießt. Pegida und Konsorten helfen da bestimmt nicht. Ich möchte das Wort einmal probehalber auf mich anwenden: Ich bin froh, in einem wohlhabenden Rechtsstaat hineingeboren worden zu sein. Ich kann mich mit vielen Kulturschaffenden der deutschen Geschichte identifizieren. Ich liebe die deutsche Sprache (gerne auch mal ohne sächsische Einfärbung). Ich schaue die beiden Fußballweltmeisterschaften und wünsche jeweils „meiner“ Nationalmannschaft den Erfolg des Sieges. Ich denke, man kann mich einen Patrioten nennen. Ich habe in meinem Freundeskreis Menschen aus Belgien, England, Frankreich, Indien, Italien, Kanada, Kongo, Niederlande, Polen, Schweden und den USA. Das stößt sich in keiner Weise damit.
  3. Asylgegner
    Das Wort transportiert nebenbei die Ansicht, man könne ein Gegner des Asylrechts sein. Das Asylrecht ist mit dem Artikel 16a aber ein Teil der unantastbaren Grundrechte (siehe Artikel 19, 2). Nach Artikel 17 hat jedermann das Recht, sich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen zu wenden. Vielleicht sollten das die besorgten Bürger eher machen, als den Asylbewerbern zu drohen.
  4. echte Flüchtlinge vs. Wirtschaftsflüchtlinge
    Es seien keine echten Flüchtlinge, weil es nur junge Männer wären, aus Ländern, wo Deutsche Urlaub machen. Nun möchte ich nicht an dieser Stelle über die Urlaubsgewohnheiten mancher Deutscher urteilen. Der Begriff des Flüchtlings ist in der Genfer Flüchtlingskonvention geklärt. In Deutschland entscheidet darüber nicht ein Mob sondern das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bzw. ggf. das zuständige Gericht. Wenn im deutschen Verfahren die Flüchtlingseigenschaft festgestellt wird, ist dies übrigens lediglich ein deklaratorischer Akt; denn Flüchtling war man schon vorher.
    Tatsächlich ist die Flucht nach Naturkatastrophen in der Genfer Flüchtlingskonvention nicht vorgesehen. Das spricht meines Erachtens nicht gegen die Flüchtlinge, sondern gegen die Konvention. Selbstverständlich muss ich aber fair bleiben und die aktuelle Rechtslage bedenken. Interessant ist aber doch, dass gerade in einem Bundesland wie Sachsen, das nach der bankrotten DDR jetzt der prosperierenden Bundesrepublik angehören darf und bei den Elbehochwassern nicht nur die Solidarität dieser gesamten Bundesrepublik, sondern auch die 350 Mio. EUR schwere Hilfe der EU für zukünftigen Hochwasserschutz zu spüren bekam, nun so kleinlich reagieren möchte. 2002 mussten des Hochwassers wegen ganze Ortschaften in der Sächsischen Schweiz evakuiert werden. Wenn sich die Zeitgenossen des Weißeritz-Hochwassers in Freital erinnern mögen, haben sie sich 2002 auch wie Flüchtlinge gefühlt. Wie gefühlskalt müssen die FRIGIDA-Demonstranten sein?
  5. Wir sind das Volk
    Dieser Satz wird wohl noch in Jahrhunderten zitiert und diskutiert werden, ganz wie Soldaten sind Mörder und dann sollen sie Kuchen essen. Und wie diese anderen Sätze auch, entfernt er sich nicht nur von seinem historischen Ursprung, sondern mit gleichem Tempo von seinem Wahrheitsgehalt. Als am 7. Mai 1989 bei den Kommunalwahlen der DDR die Einheitsliste der Nationalen Front mit 98,85 Prozent bestätigt worden sein wollte, konnte mit Unterstützung kirchlicher Gruppen in einigen Wahlkreisen die offensichtlich und dreiste Wahlfälschung nachgewiesen werden. Die Montagsdemonstranten erinnerten die Mächtigen des Landes, das 1949 als Volksdemokratie gestartet ist, dass das Volk nicht auf gefälschten Wahlzetteln, sondern auf der Straße zu finden sei.
    Am 9. Oktober 1989 rief ein Leipziger Flugblatt dann den Einsatzkräften zu: Wir sind ein Volk! Gewalt unter uns hinterläßt ewig blutende Wunden! Für die entstandene ernste Situation müssen vor allem Partei und Regierung verantwortlich gemacht werden. Im November schon markierte dieser leicht veränderte Satz den Willen zur sogenannten Wiedervereinigung.
    Wenn heute die Demonstranten aus dem PEGIDA-Dunstkreis die Parole skandieren, schließen sie nicht andere ein, wie etwa die Sicherheitskräfte am Rande der Züge, sondern sie schließen alle aus, die nicht in ihre Definition von Volk passen. Sie maßen sich damit eine ungeheure und grundgesetzwidrige Deutungshoheit an, verstecken dies aber in einem allgemein positiv konnotierten Satz.

Lügenpresse, das Unwort des Jahres 2014, hat hier keinen Eingang gefunden, weil es eben kein Euphemismus ist. Es gehört aber selbstverständlich in die Reihe von Wortschöpfungen, -entlehnungen und Zitaten, die Victor Klemperer mit Argwohn betrachtete.