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Die Lage der Welt anhand einer Top-Ten-Liste

Wir befinden uns in der Karwoche oder auch Stillen Woche zwischen Palmsonntag und Gründonnerstag, Karfreitag und schließlich Ostern. Es ist die wichtigste Woche im christlichen Kalender. Mit Entsetzen und Bestürzung nehme ich die zwei Anschläge auf christliche Kirchen in Ägypten zur Kenntnis. Gotteshäuser jeder Glaubensrichtung sollten in jedem Wortsinne sakrosankt sein. Heute jährt sich jedoch auch bereits zum 15. Mal der Anschlag auf die Al-Ghriba-Synagoge auf der tunesischen Insel Djerba, zu dem sich damals Al-Qaida bekannten. 19 Touristen starben damals, 30 wurden zum Teil schwer verletzt.

Doch zu Entwicklungen aus jüngster Vergangenheit und Tagesgeschehen kann und will ich mich jetzt nicht ausführlich äußern. Stattdessen biete ich meinen werten Lesern einer doppelten Top-Five-Liste mit Ereignissen des 11. April, in denen sich die heutige Weltlage spiegelt:

  • Hl. Stanislaus, der Bischof von Krakau, hatte den polnischen König Boleslaus II. mehrfach für seinen Lebenswandel kritisiert und schließlich exkommuniziert. Dieser verurteilte den Bischof zum Tode. Doch kein Ritter wollte den König unterstützen. Schließlich erschlug der König 1079 selbst den Heiligen, während dieser die Messe las. Seinen Sieg über den Kirchenmann konnte er nicht feiern. Ein Volksaufstand zwang ihn ins ungarische Exil, wo er zwei Jahre später verstarb.
  • Die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach wurde Karfreitag 1727 in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführt. Es gibt keine überlieferte Stellungnahme zu dieser Aufführung. Es scheint dieses Werk weitgehend ignoriert worden zu sein. Nach Bachs Tod geriet es fast vollständig in Vergessenheit. Felix Mendelssohn Bartholdy führte sie 1829 in gekürzter Fassung wieder auf und läutete damit die Bach-Renaissance ein. Heute ist die Bedeutung der Matthäus-Passion unbestritten.
  • 1814 überreichen die Siegermächte der Koalitionskriege Napoléon ein halbes Jahr nach der Völkerschlacht bei Leipzig ein Vereinbarung, die seine bedingungslose Abdankung zum Inhalt hat. Er unterschreibt zwei Tage später und geht in die Verbannung nach Elba.
  • Die Jungfernfahrt der Titanic begann bereits am 10. April 1912 in Southampton. Doch heute vor 105 Jahren machte sie sich vom irischen Queenstown auf die Reise nach New York, das sie niemals erreichen sollte.
  • Charlie Chaplins Stummfilm The Tramp hat 1915 Premiere. Die Filmfigur des Tramp gab es bereits ein Jahr vorher. Und sie begleitete Chaplin bis ins Jahr 1936, da er am Ende von Modern Times auf einem endlosen Highway ins Nirgendwo verschwindet.
  • Die Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora werden 1945 von US-amerikanischen Soldaten befreit. In Buchenwald hatten sich vorher schon Widerstandsgruppen gebildet, die bereits 125 SS-Männer gefangengenommen hatten. In den Folgetagen wurden die Einwohner Weimars durch Buchenwald geführt und mit den Gräueln konfrontiert. Niemand soll sagen, die KZs hätte es nicht gegeben!
  • 1961 hat Bob Dylan seinen ersten professionellen Auftritt in Gerde’s Folk City im New Yorker Greenwich Village. Er ist ein Teil des Vorprogramms von John Lee Hooker. Doch wichtiger an diesem Tag wird wohl der Beginn des Prozesses gegen den SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann in Israel gewesen sein.
  • In seiner Enzyklika Pacem in terris (Über den Frieden auf Erden) richtet sich mit Johannes XXIII. zum ersten Mal ein Papst nicht nur an alle Katholiken, sondern an alle Menschen guten Willens. Er schrieb, dass Konflikte nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verträge und Verhandlungen beizulegen sind.
  • Der Studentenführer Rudi Dutschke wird 1968 Opfer eines Attentats durch den Hilfsarbeiter Josef Bachmann. Dutschke stirb Heiligabend 1979 an den Spätfolgen dieses Attentats. Bachmann lernte das Schießen bei einem NPD-Funktionär in Peine.
  • Bei der Oscarverleihung 1983 erhält der Film Gandhi von Richard Attenborough mit Ben Kingsley in der Titelrolle acht Oscars, darunter bester Film und bester Hauptdarsteller. Die Konkurrenz in jenem Jahr war äußerst prominent, nämlich unter anderem: Tootsie, E.T., Ein Offizier und Gentleman, Das Boot, Poltergeist, Blade Runner und Garp und wie er die Welt sah. Doch ein Film über gewaltlosen Widerstand tat den von Ronald Reagan geführten USA gut.

Literaturnobelpreis für Bob Dylan

Gestern wurde durch eine kurze Pressemitteilung bekanntgegeben, dass der Nobelpreis für Literatur in diesem Jahr Bob Dylan verliehen wird. Aus der Begründung wurde hier nur kurz zitiert, er erhalte die Auszeichnung für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition.

Ich freue mich sehr über diesen Nobelpreis. Ich halte Bob Dylan schon lange für einen der – wenn nicht den – bedeutendsten Lyriker der USA. Eine große Überraschung war es allerdings für mich auch nicht. Denn schon vor einigen Jahren stand Dylan mit auf der Kandidatenliste. Außerdem ist dies nicht die erste Auszeichnung Dylans außerhalb der Pop-Welt.

Bereits 1970 verlieh ihm die Universität Princeton die Ehrendoktorwürde für seine Verdienste um die englische Sprache und Literatur. 2004 folgte ein Ehrendoktor von der schottischen Universität St. Andrews. Beide Hochschulen haben es wohl nicht nötig, sich ihrerseits mit dem Namen eines bekannten Sängers – und Tänzers (wer weiß, versteht) – zu schmücken. Schon damals durfte man an die Ernsthaftigkeit dieser Ehrungen glauben.

2008 erhielt Dylan den Pulitzer-Preis in der Kategorie Special Awards and Citations for his profound impact on popular music and American culture, marked by lyrical compositions of extraordinary poetic power. Die deutsche Akademie der Künste nahm ihn 2013 als Mitglied auf.

Der Nobelpreis für Literatur ist lediglich ein weiterer Baustein am Dylan’schen Denkmal. Es fragt sich allerdings, was jetzt noch kommen kann. Heute erst einmal: Herzlichen Glückwunsch!

Links
http://bobdylan.com/
http://pulitzer.org/
http://adk.de/
http://nobelprize.org/

Die besten Bob-Dylan-Alben (oder so)

Gestern war – wie fast jeden Montag – der Gitarrenabend in der VILLA. Gut, eigentlich heißt die Veranstaltung mittlerweile OpenStage, aber ich kann eben kein anderes Instrument als die Gitarre spielen. Reden kann ich noch ganz gut und das habe ich gestern auch getan. In einem Gespräch wurde ich aufgefordert, das beste Bob-Dylan-Album zu nennen. Da war ich erstmal handlungsunfähig. Natürlich höre ich mal das eine oder das andere Album lieber. Gibt es aber wikrlich ein Album, was den Titel verdient hätte, das beste Album zu sein?

Mir fiel Bringing it all Back Home ein, weil das mein erstes Album war. Mr. Tamburine Man hat mich aber schon ziemlich schnell gelangweilt. Jetzt, nach bald dreißig Jahren des Erstkontakts kann ich es langsam wieder hören. Dann gibt es natürlich noch Desire mit One More Cup of Coffee, was ich immer noch sehr gern selbst auf der Gitarre interpretiere. Witzigerweise kannte ich das Lied noch vor Blowing in the Wind, wusste aber nicht, dass es von Dylan  und wer überhaupt dieser Dylan wäre. Ich hörte es von einem älteren Mädchen (sie wird wohl um die 16 gewesen sein) am Lagerfeuer gesungen. So muss man Musik begegnen!

Dann kam mir Pat Garret & Billy the Kid in den Sinn. Da ist immerhin Knocking on Heaven’s Door drauf und außerdem hatte sich mein Gegenüber akademisch und praktisch mit Filmmusik beschäftigt. Aber ein solch unprätenziöses Album kann man niemals das beste Album nennen. Die Streetlegal ist da natürlich noch. Kein Lied auf diesem Album ist dem gemeinen Musikkonsumenten vertraut, aber ich liebe das Album, das mit Bläsern und Tortenchor mal wieder einen Wechsel in Dylans Biografie markierte. Danach die drei christlichen Platten: Slow Train Coming, Shot of Love und Saved. Alle grandios! Aber kann eine von diesen für den ganzen Dylan stehen?

Schließlich darf man die Time out of Mind nicht vergessen. Das bereits der späte Dylan, mit kaputter Stimme und noch mythisch tiefgründigen Liedern. Make You Feel My Love hat Billy Joel, Garth Brooks und Adele zu einigem Erfolg verholfen. Hier findet man das Original. Es ist die Platte eines fast 60-Jährigen, der bereits so viel Erfolg hatte, dass man ihm keinen weiteren mehr zugetraut hätte.

Mit all diesen Gedanken im Kopf sagte ich schließlich, was ich mir selbst niemals zugetraut hätte: Kauf dir einfach eine Best-of! Und während ich heute nun über diesen Eintrag nachdenke, fällt mir auf, dass ich Blood on the Tracks überhaupt nicht erwähnt habe. Wie konnte mir das passieren? Das Album lernte ich selbst erst mit 22 Jahren kennen und hörte die Originalversionen von Liedern, die ich bereits live oder von anderen Interpreten kannte. Das Album war lange Zeit meine liebste CD von allen im Regal. Aber selbst hier muss ich mich wieder fragen: Ist das der ganze Dylan – in a nutshell? Nein.

Zur Lösung biete ich heute an, die Top-Five-Liste der besten regulär erschienenen Live-Alben von Bob Dylan, in zeitlicher Reihenfolge der aufgezeichneten Konzerte. Denn in den unterschiedlichen Versionen seiner mit der Zeit wachsenden Zahl von Klassikern spiegelt sich die musikalische Vielfalt Dylans am besten.

  1. Concert at Philharmonic Hall
    Das Konzert fand am 31. Oktober 1964 in der Philharmonic Hall am Broadway statt. Hier hört man den jungen Folksänger und Protestsongschreiber. Bei vier Liedern wird er von Joan Baez begleitet, die ihm stimmlich deutlich überlegen ist. Drei Monate nach diesem Konzert nahm er Bringing it all Back Home auf und wechselte die akustische Gitarre mit einer elektrischen.
  2. The “Royal Albert Hall” Concert
    Dieses Konzert fan eben nicht in der Royal Albert Hall in London statt, sondern am 17. Mai 1966 in Free Trade Hall in Manchester. Hier hört man ein irritiertes und verärgertes Publikum, welches auf die damals lauteste Band der Welt mit gegenrythmischem Klatschen zu den Liedanfängen reagierte. Berühmt ist der eine Satz, den Dylan vor Like a Rolling Stone seiner Band zuruft: Play Fucking Loud! In der englischen Presse wurde bereits 1966 das Wort Punk auf Bob Dylan und seine elektrifizierten Konzerte mit The Band angewendet.

  3. Before the Flood
    Nach den legendären Konzerten 1966 hatte Bob Dylan einen schweren Motorradunfall. Im Zuge seiner Rekonvaleszenz zog sich Dylan mit The Band nach Woodstock zurück (von dort stammen die Basement Tapes, aber das gehört nicht hier her). Erst 1974 ging er wieder auf Tournee, erneut mit The Band. Die Aufnahmen stammen vom 14. Februar 1974 in Los Angeles. Auch einige Songs von The Band sind mit dabei. Wenn die Stimme des Sängers gar nicht nach Dylan klingen mag, dann ist es Dylan. Sonst singen die Mitglieder von The Band im Wechsel. Im Folgejahr erschien dann mit Blood on the Tracks wieder ein Album in einem neuen Stil.
  4. The Rolling Thunder Revue
    Vom Herbst 1975 bis zum Frühjahr 1976 zog ein verrückter Karnevalszug durch die USA, der neben Musik auch Dichtkunst und politische Botschaften transportierte. Stars wie Joan Baez, Roger McGuinn, Emmylou Harris, Ronee Blakley, Mick Ronson, Sam Shepard und für einzelne Auftritte auch Joni Mitchell, Roberta Flack und Allen Ginsberg sowie Muhammad Ali setzten sich für die Freilassung des zu unrecht verurteilten und inhaftierten Boxers Rubin „Hurricane“ Carter ein. 1976 wurde allerdings der Schuldspruch von 1966 bestätigt. Erst 1985 wurde Rubin Carter vollständig rehabilitiert. Die Aufnahmen der CD entstanden im November und Dezember 1975. In der Winterpause der Tour kam dann das bereits vorab produzierte Studioalbum Desire mit den Liedern der Revue heraus.
  5. At Budokan
    Am 28. Februar und 1. März 1978 wurde die Platte in der Nippon Budokan Hall in Tokio am Anfang einer Welttour aufgenommen. Das ist ungewöhnlich; denn normalerweise wählt man für Aufnahmen ein spätes Datum, damit sich die Tour-Band gut aufeinander einstellen kann. Die Platte ist ein Best-of, allerdings mit sehr geringem Wiedererkennungswert. Das führte zu internationalen Verrissen. Im Rolling Stone hieß es, Dylan habe seine Lieder und sich von den Originalversionen befreit. Das Bild gefällt mir. Wer die Originale will, kann sie ja auflegen. Dylan ist und bleibt aber ein lebender und lebendiger Künstler!