Schlagwort-Archiv: Schriftsteller

Pride am 20. April

Heute im Büro habe ich mit meiner Kollegin über das Datum gesprochen. Wir wussten beide, dass es der Geburtstag Adolf Hitlers ist. Und abgesehen davon, dass man historische Daten kennen darf und sollte, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass wir diesen Tag dem verbrecherischen Monster entreißen müssen. Es gibt so viele andere Menschen, die am 20. April geboren wurden, und derer man gedenken könnte.

Joan Miró (1893–1983) fällt mir da sofort ein, der große spanisch-katalanische Künstler, dessen Werke wichtige Impulse für die abstrakte Kunst setzten und setzen. Allein für ihn könnte ich einen ganzen Blog-Eintrag schreiben. Doch das ist heute nicht mein Ziel

Oder die Sängerin und Schauspielerin Brigitte Mira (1910–2005), die als “Halbjüdin” mit gefälschten Papieren von den Nazis in die “Gottbegnadeten-Liste” aufgenommen wurde, nachdem Krieg häufig ins heitere Fach wechselte, dann aber von Rainer Werner Fassbinder entdeckt wurde für das geniale Werk Angst essen Seele auf aus meinem Geburtsjahr, in dem sie sich als verwitwete Putzfrau einen deutlich jüngeren Nordafrikaner verliebt.

Die Welt ist so beängstigend und feindlich. Und der 20. April steht als Geburtstag Adolf Hitlers symbolisch für diese Lebensfeindlichkeit. Dem möchte ich gern mit einer Art Antidot begegnen: mit Regenbogenfarben gegen die braune Ideologie. Das mache ich mit einer Top-Five-Liste von Menschen, die heute ihren Geburtstag feiern und homosexuell sind oder sich für die Rechte von LGBTIQ-Menschen stark machen:

  • Henry de Montherlant (1895–1972) – Er konnte sich nicht offen zu seiner Homosexualität bekennen. Doch seine Romane gehören zu den Klassikern der Internatsliteratur. Doch in ihm schwelten auch unschöne Seiten: Nationalismus, Misogyne, Männlichkeitswahn. Doch diesen Kampf ums Dasein, den er als Veteran des Ersten Weltkriegs heroisierte, führte er im Stillen auch auf andere Art.
  • George Takei (*1937) – Er ist den meisten wohl als Hikaru Sulu in Star Trek/Raumschiff Enterprise bekannt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde seine Familie in den USA in ein Internierungslager gesperrt. Schon als Teil der multinationalen Star-Trek-Crew wirkte er gegen Rassismus. Mit seinem Coming-out 2005 wurde er zusätzlich ein wichtiger Akteur der LGBTIQ-Bewegung.
  • Luther Vandross (1951–2005) – Er war Backgroundsänger für die großen Stars der 70er, bevor er ihnen auch die Songs schrieb, sie produzierte und schließlich auch im Duett mit ihnen sang. Seine Vertraute Patti LaBelle bestätigte 2017, dass er homosexuell gewesen sei, aber seiner Familie und der weiblichen Fans wegen für sich ein Outing ausschloss.
  • Seyran Ateş (*1963) – Als Anwältin kämpft sie gegen Zwangsheirat, Ehrenmorde und Genitalverstümmelung. Als Imamin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee setzt sie sich ein für einen geschlechtergerechten und liberalen Islam.
  • Tan France (*1983) – Der Modeschöpfer errang durch die Netflix-Show Queer Eye allgemeine Bekanntheit. Der Sohn pakistanischer Einwanderer ist einer der ersten offen schwul lebenden Muslime im europäischen Fernsehen. Damit hat er die Chance, ein positives Rollenbild zu prägen.

Und nächstes Jahr am 20. April denken wir einfach sofort an diese Menschen!

Der Frühling und die Literatur

Neben der Liebe ist wohl der Frühling der größte Antrieb in der schöngeistigen Literatur. nicht umsonst werden alle drei in einem Atemzug genannt – mal zart gehaucht und mal ungestüm herausgeschrien.  Und die Buchmesse in Leipzig findet ebenfalls in jedem Jahr erneut in Frühlingsnähe statt.

Wann genau Frühling ist, habe ich schon einmal vor einigen Jahren in einem Beitrag untersucht. In diesem Jahr ist für mich der 20. März ein wichtiger Frühlingsanfang. Seit fast 1000 Jahren beginnt mit diesem Tag, dem Nouruz-Fest, im persisch-afghanischen Kulturkreis das neue Jahr. Im Iran isst man dazu ein Mal, das aus sieben Speisen bereitet wird, die alle mit S beginnen:

  1. Sabze – Grünes, also Weizen-, Gersten- oder Linsensprossen
  2. Samanou Malz aus Weizen
  3. Sir – Knoblauch
  4. Sendsched – Mehlbeere der Schmalblättrigen Ölweide
  5. Serkeh – Essig
  6. Somagh – Gewürzsumach
  7. Sib – Apfel

Der Frühling ist eine Zeit des Anfangs. In Leipzig gibt es eine besonders lange Tradition, die im Frühling ihren Anfang nahm. Der Thomanerchor kann eine Gründungsurkunde vorweisen, die auf den 20. März 1212 datiert ist und von Kaiser Otto IV. unterzeichnet.

Wer es weniger klassisch mag. Heute ist der 50. Hochzeitstag von John Lennon und Yoko Ono. Die Goldene Hochzeit blieb ihnen verwehrt. Am 8. Dezember 1980 fiel John Lennon einem geisteskranken Fan zum Opfer.

Nun, ich habe den Eintrag mit der Literatur begonnen. Deshalb möchte ich hier mit einer Top-Five-Liste von Literaten enden, die am 20. März Geburtstag feiern (in zeitlicher Reihenfolge):

  • Ovid (43 v.Chr. – 17 n.Chr.) – Einer der größten römischen Dichter. Liebeslyrik, Sagenstoffe und Klagelieder schrieb der Zeitgenosse Jesu.
  • Friedrich Hölderlin (1770–1843) – Ein Romantiker, ein Klassiker, der doch so anders ist als die Weimarer Klassiker. Selbst in seiner “Umnachtung” noch genialisch.
  • Henrik Ibsen (1828–1906) – Berühmt ist vor allem der Peer Gynt, auch weil Edvard Grieg dazu so ungeheuer schöne und markante Musik geschrieben hat.
  • Christoph Ransmayr (*1954) – Von diesem studierten Philosophen und Ethnologen habe ich Die letzte Welt gelesen, als Abiturient. Er hängt sehr am Werk Ovids. Ob das wirklich nur ein Zufall ist?
  • Jens Petersen (*1976) – Ich muss gestehen, ich kenne diesen Arzt und Schriftsteller nicht. Aber er kann nicht so richtig schlecht sein; 2009 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Liste literarischer Todestage und ein Arzt mit Geschichte

Ich habe schon lange keine meiner Top-Five-Listen veröffentlicht, obwohl das eigentlich meine Lieblings-Artikel-Art ist. Es böte sich auch an, etwas über Asperger zu schreiben. Schließlich ist Johann Friedrich Karl Asperger, der Namensgeber einer speziellen Form des Autismus, heute vor 38 in Wien gestorben. Aber das lässt mich emotional gerade völlig kalt. Dies könnte ein politisch nicht ganz korrekter Witz sein, der sich auf das Asperger-Syndrom bezieht, wenn ich die erklärenden Zeilen nicht auch nutzte darauf hinzuweisen, dass Asperger selbst in der Zeit des Nationalsozialismus nicht selbst menschenverachtende, kriminelle Herzenskälte bewies, als er in der sogenannten Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund Kinder und Jugendliche für die Tötung aussortierte. 1939 sagte Asperger in einem Vortrag:

Im neuen Deutschland haben wir Ärzte zu unseren alten eine Fülle neuer Pflichten übernommen. So wie der Arzt bei der Behandlung des Einzelnen oft schmerzhafte Einschnitte machen muss, so müssen wir aus hoher Verantwortung Einschnitte am Volkskörper machen. Wir müssen dafür sorgen, dass das, was krank ist und diese Krankheit in fernere Generationen weitergeben würde, zu des Einzelnen und des Volkes Unheil, an der Weitergabe des kranken Erbguts gehindert wird.

Ja, jetzt habe ich doch etwas zu Asperger geschrieben, eben weil es mich doch nicht kalt lässt. Nun aber – mit Blick auf meine Lesung am nächsten Samstag – doch schnell meine Top-Five-Liste von Todestagen bedeutender Schriftsteller:

  • Nikolos Barataschwili (1817–1844) – Ich habe nichts von Barataschwili gelesen. Aber er gehört wegen eines frühes Malaria-Todes zum Club der 27 und ist ein bedeutender Schriftsteller der Romantik aus Georgien. Georgisch wird auch bei meiner Lesung am Sonnabend zu hören sein.
  • Arthur Schnitzler (1862–1931) – Von diesem Arzt und berühmten modernen Erzähler und Dramatiker habe ich ebenfalls zu meiner Schande noch nichts gelesen oder gesehen. Sigmund Freud war begeistert vom Werk Schnitzlers. Das soll uns reichen.
  • Jack Kerouac (1922–1969) – Diesen großen Vertreter der Beat-Generation kenne ich nun endlich wirklich selbst. On the Road auf der Route 66 pflanzte weiteren Generationen das Fernweh in die Herzen.
  • Walter Schmiele (1909–1998) – Schmiele teilt das Schicksal vieler Übersetzer; weil ihre Namen nicht direkt auf dem Buchcover abgedruckt werden, kennt sie keine Sau. Und als Essayist schreibt man für ein Fachpublikum. Ich habe ihn als Autor einer Henry-Miller-Monographie kennengelernt.
  • Manfred Krug (1937–2016) – Krug war nicht nur ein hervorragender Schauspieler und arsch-cooler Sänger. Unter dem Pseudonym Clemens Kerber hatte er auch viele seiner Liedtexte selbst verfasst.