Archiv der Kategorie: Namenstag

Werbung im Ramadan 2026

Mittlerweile sind wir in der letzten Woche des Ramadan. Am Himmel sieht man das letzte Viertel des abnehmenden Mondes. Wie jedes Jahr möchte ich ein paar Videos von Werbespots mit Ramadan-Bezug vorstellen. Mir geht es nicht so sehr um die Produkte oder die Firmen, sondern wie der Ramadan im Spot dargestellt wird. Es wird eine Top-Ten-Liste, die ich gern aufsteigend vorstelle.

10. Mercedes-Benz Middle East – Unter der Mondsichel fahren uns besternte Autos sicher zum familiären Fastenbrechen, welches dann stilsicher in der Garagenauffahrt begangen wird.

9. BMW Indonesia – Gleich zwei große Kutschen braucht die dreiköpfige Familie, wenn sie früh mit vollen Herzen in den Fastentag startet. „The greatest journeys are the ones we share“ bezieht sich dann aber doch auf die gesamte Lebensreise.

8. Nestlé Pakistan – Ein Tag vom frühen Sohur-Mal bis zum Iftar für Junge und Alt, für Arm und Wohlhabend; immer begleitet von Lebensmitteln aus dem weltumspannenden Unternehmen.

7. Hamdard Pakistan – Das Rooh Afza (= Seelenerquicker) genannte Getränk ist das einzige, woran der vielleicht zum ersten Mal mitfastende Schuljunge zum Iftar denken kann. Und seine Familie geht nachsichtig mit diesem Verlangen um.

6. Amazon AE – Amazon rät uns, nicht an all dem Guten zu sparen. Sparen könne man aber gut bei Amazon. Im Deutschen ist da wohl die Präposition entscheidend.

5. Fly Jinnah – Der pakistanische Billigfluganbieter schickt den Schauspieler Fahad Mustafa ins Rennen. Er wird von seinem Fahrer am Filmset abgeholt. In einem kurzen Gespräch erfährt er, dass sein Fahrer lange nicht bei seiner Familie war. Kurzentschlossen schenkt er ihm ein Flugticket, um Eid im Kreise seiner Lieben feiern zu können.

4. Simply Sufi – Geflügel geht in fast jeder Religion. Die Tiefkühlware von Simply Sufi hält auch, wenn sich ein lieber Mensch zum Iftar verspätet. Das eines der größten Sufi-Werke Konferenz der Vögel heißt, ist da wohl eine unpassende Bemerkung meinerseits.

3. Vodafone Egypt – Der ägyptische Zweig von Vodafone beginnt erst an einem historischen Filmset, rät uns dann aber in den Stimmen vieler Sängerinnen und Sänger: Lass dich von nichts davon abhalten, das zu genießen, was du vermisst … Ramadan ist eine Gelegenheit, einander Freude zu bereiten.

2. Telecom Egypt, WE – Die Sängerin Elissa geleitet uns durch die Tätigkeiten, Wünsche, Sehnsüchte und Erinnerungen einer Großfamilie. Im Ramadan finden sie zu sich zurück. Und eine Hochzeit kommt auch gleich noch drin vor. Ist ein Tag im Fastenmonat oder das Leben?

1. Zain – Das kuwaitische Telekommunikationsunternehmen ist jedes Jahr bei mir auf einem Spitzenplatz. Und auch 2026, wo doch zu Beginn des Ramadans und somit während der Produktion der Werbung der Iran-Krieg nicht vorhersehbar war, trifft das Lied von Mohamed Chaker ins Schwarze: Lasst uns gemeinsam hoffen!

Schon neun Jahre alt und daher außer Konkurrenz ist dieses Video, welches ich erst in diesem Jahr entdeckt habe. Robi Axiata ist ein führendes Telekommunikationsunternehmen in Bangladesch. Schon wieder Telekommunikation? Nun, würden wir alle mehr miteinander reden, bräuchte es vielleicht weniger Kriege. Ramadan Mubarak!

Kalender 2026-03

Eines Tags nach langem Fasten
Trat ein Engel auf mich zu.
Gleich vergaß ich Alltagslasten;
Über mich kam Seelenruh.

Und der Engel sprach: »Zu Ehren
Unsrer höchsten Majestät
Soll ich dich die Wahrheit lehren,
Die verfälscht in Büchern steht.«

Darauf redete er Stunden
Und ich lauschte jedem Wort.
Dass auch dein Herz soll gesunden,
Trage ich die Botschaft fort.

Mohammad (um 570 – 632); Prophet des Islam; in der Offenbarung des Korans durch den Engel Gabriel berufen, die Botschaft der Einheit Gottes zu verkünden. Bildvorlage aus: »Siyer-i Nebi«, Mustafa ben Yusuf, Erzurum, 1388, hier: »Prophet Mohammad gibt dem neu geborenen Imam Ali seinen Namen«, eine von 814 Miniaturen von Lütfi Abdullah zu diesem Buch, 1595, Istanbul. Üblicherweise wird der Prophet ohne Gesicht dargestellt.

Mein Kalender für 2026 stellt unter dem Titel „Heilige“ wichtige Menschen des Glaubens vor – aus allen drei Religionen der Abrahamitischen Ökumene. Die Collagen bestehen vollständig aus Artikeln und Anzeigen der Wochenzeitung »Die Zeit« und des Zeit-Magazins. Natürlich wurden die Artikel vorher gelesen.

Kalender 2026-02

Agathenzettel
In einem Riss im Türsturz
Noch vom Vormieter

Hl. Agatha (um 230 – 251); sizilianische Jungfrau und Märtyrerin, Schutzheilige gegen Feuer und Krankheit; ihr Name lebt in alten Haussegen fort, den sogenannten Agathenzetteln.
Bildvorlage: »Agatha von Sizilien, Gemäldezyklus für die Kameliter Kollegiatskirche San Alberto in Sevilla«, Francisco de Zubarán, ca. 1630–1633, Musée Fabre, Montpellier.

Mein Kalender für 2026 stellt unter dem Titel „Heilige“ wichtige Menschen des Glaubens vor – aus allen drei Religionen der Abrahamitischen Ökumene. Die Collagen bestehen vollständig aus Artikeln und Anzeigen der Wochenzeitung »Die Zeit« und des Zeit-Magazins. Natürlich wurden die Artikel vorher gelesen.

Kalender 2026-01

Soldat, sei sanftmütig
Erkenne echte Erhabenheit
Bedenke binärer Bedingungen
Akzeptiere alle Alternativen
Sei stets standhaft
Trinität triumphiert total
Ideale Integrität inspiriert
Anmut atmet Absolutheit
Notwendigkeit neidet nichts

Hl. Sebastian (3. Jh.); römischer Offizier und geheimer Christ; unter Kaiser Diokletian wegen seines Glaubens mit Pfeilen durchbohrt – Sinnbild der Treue und Standhaftigkeit.
Bildvorlage: Agnolo di Cosimo di Mariano, genannt Bronzino, »Portrait eines jungen Mannes als Sankt Sebastian«, ca. 1533, Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid.

Mein Kalender für 2026 stellt unter dem Titel „Heilige“ wichtige Menschen des Glaubens vor – aus allen drei Religionen der Abrahamitischen Ökumene. Die Collagen bestehen vollständig aus Artikeln und Anzeigen der Wochenzeitung »Die Zeit« und des Zeit-Magazins. Natürlich wurden die Artikel vorher gelesen.

Kalender 2026-Titel

Der Kalender für 2026 ist fertiggestellt. Es geht um Heilige. Allerdings deute ich den Begriff etwas weiter und freier. So findet sich unter meinen Heiligen auch Martin Luther, der große Kritiker der katholischen Heiligenverehrung. Im Sinne der Abrahamitischen Ökumene habe ich auch alttestamentliche Personen und Mohammad in den Kreis der Heiligen aufgenommen. Die Titelheilige des Kalenders ist Perpetua. Die präsentiere ich schon heute:

Das Leid der Welt will nimmer schwinden,
Voll Bangen schauen wir gebannt voraus.
Krieg, Hunger, Tod – oh, weh! in allen Winden
Umweht uns tiefe Angst, befällt uns Graus.

Ganz ohne Furcht ergab sich die Perpetua
Ins dunkle Schicksal und des Henkers Hand.
Geleitet wohl von ihren Träumen wunderbar
Aus alten Schriften ist uns das bekannt.

Ach, diese Festigkeit und Sicherheit im Glauben,
Die mag so manchem fehlen (wie auch mir).
Doch sollten Sorgen dir die Nachtruh rauben,
Sprich nur ein Wort – wir teilen sie mit dir.

Hl. Perpetua (um 181 – 7. März 203); junge Mutter aus Karthago, mit ihrer Gefährtin Felicitas zum Tod durch wilde Tiere verurteilt; eine der frühesten Märtyrinnen, deren Bericht teilweise eigenhändig überliefert ist. Bildvorlage aus: Wilhelm Auer von Reisbach, »Illustrierte Heiligen-Legende für Schule und Haus. Mit Bild, Leben eines Heiligen, Lehre und Gebet für jeden Tag des Jahres«, Carl August Seyfried & Comp., 1890, München

Mein Kalender für 2026 stellt unter dem Titel „Heilige“ wichtige Menschen des Glaubens vor – aus allen drei Religionen der Abrahamitischen Ökumene. Die Collagen bestehen vollständig aus Artikeln und Anzeigen der Wochenzeitung »Die Zeit« und des Zeit-Magazins. Natürlich wurden die Artikel vorher gelesen.

Opferfest und Pfingsten

Mit dem heutigen Abend beginnt das muslimische Opferfest Eid ul-Adha oder auch Persisch Eid-e Qurban. Wenn das Fest selbst auch ein originär muslimisches ist, liegt der Ursprung in einer biblischen Geschichte, die auch für die beiden anderen abrahamitischen Religionen Judentum und Christentum von großer Bedeutung ist.

Abraham wird von Gott aufgefordert, seinen Sohn zu opfern. Nach muslimischer Tradition meint dies Ismael, nach jüdisch-christlicher Isaak, aber das ist tatsächlich nicht so wichtig für den Kern der Geschichte. Abraham fügt sich dieser Forderung. Im letzten Augenblick gebietet Gott dem Opfertod des Sohnes Einhalt und schickt einen Schafbock, der von Abraham anstelle seines Sohnes geopfert wird.

Heute opfern Familien, die es sich finanziell leisten können, ein Schaf oder eine Ziege zum Opferfest. Üblicherweise isst die Familie ein Drittel des Tieres, gibt den Nachbarn ein weiteres Drittel und spendet das letzte Drittel Bedürftigen.

Mein Herz ist übervoll! Ich habe das Gefühl, gerade in diesem Jahr könnte man so viel zum Opferfest schreiben. Die abrahamitische Ökumene ist in einer deutlichen Krise. Die Beziehung von Juden und Muslimen scheint sich in Gaza auf eine horrende Art zu manifestieren, während die christliche Welt auf den ersten Blick geteilt scheint in der Unterstützung der einen oder anderen Seite. Dennoch wachsen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in Europa gleichermaßen. Und die friedliche bürgerliche Welt hat nur ihre Gleichgültigkeit anzubieten.

Selbstverständlich habe ich auch keine Lösung parat. Ich habe den Eindruck, dass wir uns immer entscheiden sollen: bist du für Israel oder für Gaza? Das ist eine falsche Alternative. – Ich bin dafür, dass die Kinder dieser Welt angstfrei und behütet aufwachsen können. Und ich glaube, dass wir Erwachsenen dafür verantwortlich sind.

Dieses Jahr fallen das muslimische Opferfest und das christliche Pfingstfest aufeinander. Das ist theologisch ein interessantes Spannungsfeld, was sich da auftut. Historisch-kritisch ausgelegt, wird mit der Rettung von Abrahams Sohn das Menschenopfer zur Ehre Gottes abgeschafft. Der Schafbock ist ein Ersatzopfer, ein Sündenbock. Nur einmal noch wird ein Mensch geopfert. Das ist Jesus Christus, das Lamm Gottes. Im Christentum heißt es, dass sich Gott selbst für seine Schöpfung von ihr hat opfern lassen.

Fünfzig Tage nach Jesu Auferstehung zu Ostern ist Pfingsten, die Ausschüttung des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist ist für Christen die dritten Person des einen Gottes. Dieser Geist macht uns zu Kindern Gottes. Und die Kinder stehen seit der Rettung von Abrahams Sohn unter einem besonderen Schutz.

Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater! Derselbe Geist gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, so wir anders mit leiden, auf dass wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
(Römer 8, 14–17)

Nun, das mag jetzt nicht die höchste Theologie gewesen sein. Vielleicht habe ich etwas unsauber argumentiert. Aber für mich funktioniert es ganz gut. Die Konsequenzen sind:

  • Keine Menschenopfer zur Ehre Gottes!
  • Agieren als Kind Gottes meinen Brüdern und Schwestern gegenüber.
  • Das innere Bedürfnis, mich dieses Erbes würdig zu zeigen.
  • Das gemeinsame Feiern unterschiedlicher religiöser Feste.

Ich wünsche vor allem meinen muslimischen Freunden und ihren Familien und Lieben ein gesegnetes Opferfest! Ich feiere gern mit euch mit und lade euch ein, Pfingsten mit mir und meinen christlichen Freunden zu feiern. Gott will, dass wir uns verstehen, dass wir miteinander reden und ins Gespräch kommen.

Eid Qurban Mubarak!

David Lynch ist tot

Er war für mich ein Schöpfer verrückter Welten im wahrsten Wortsinne, entrückt, verschoben und vielleicht auf dem Wege, unsere Welt damit zurechtzurücken. Gestern ist David Lynch verstorben. Nächsten Montag wäre er 79 Jahre alt geworden.

Ich merke schon, dies wird kein besonders kluger Post. Ich begnüge mich mit einer Top-Five-Liste von Filmempfehlungen von David Lynch als Regisseur und meist auch Drehbuchautor.

  • Der Wüstenplanet (1984)
  • Blue Velvet (1986)
  • Wild at Heart (1990)
  • Lost Highway (1997)
  • The Straight Story (1999)

Das Musik-Video von Chris Isaaks Wicked Game ist übrigens auch von David Lynch.

Fairuz wird 90

Die Seele des Libanon, die arabische Kulturbotschafterin und Ikone der arabischen Welt Fairuz wird heute 90 Jahre alt. Sie stammt aus einer syrisch-christlichen Familie, die in 10er Jahren des 20. Jahrhunderts vor dem Völkermord der Jungtürken floh.

Ich lernte über sie beim Sprachenabend in der VILLA, da war Fairuz noch junge 80 Jahre alt. Um sie zu ehren, braucht es nicht meine Worte, sondern ein Video von ihr. Hier ein Auftritt von Fairuz vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen 1981 in New York. Die Worte stammen von Khalil Gibran.

Kris Kristofferson ist tot

Kris Kristofferson ist tot, ein Held meiner Kindheit und Jugend. Ich fühle, ich sollte einen langen Nachruf schreiben; doch ich spüre auch, ich habe jetzt nicht die Kraft dazu. Stattdessen begnüge ich mich mit einer dünnen Top-Five-Liste von Kris-Kristofferson-Songs, die mich in meinem Leben besonders berührt haben. Ich wähle nur Interpretationen von anderen.

  • Me and Bobby McGee – Natürlich muss ich mit diesem Song beginnen. Ich kannte den großen (und jungen) Kristofferson bereits als Billy the Kid aus dem Film von Sam Peckinpah mit Bob Dylan in einer Nebenrolle und dem notorischen Knocking on Heavan’s Door als Teil der genialen Filmmusik. Aber die Geschichte von mir und Bobby McGee, das war ganz Janis Joplin. Diese Verzweiflung am Ende und die Tatsache, dass es ihre letzte Aufnahme gewesen war vor ihrer Überdosis. Das hat meine Teenagerseele berührt.
  • Help Me Make It Through the Night – Hier war es Joan Baez, die mich mit diesem Song vertraut machte. Das war eine deutlich mildere Version als die von Kristofferson selbst gesungene. Doch da war ich selbst noch jung und die melodiöse, weiche Variante verzweifelt genug für mich.
  • They Killed Him – Auf Bob Dylans Album Knocked Out Loaded tauchte 1986 plötzlich Kristoffersons Name wieder auf. Die Personen, die in diesem Song besungen wurde, kannte ich als Friedensstifter aus dem Religionsunterricht und der Joan-Baez-Biografie: Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Jesus Christus. Und jede Strophe endet mit dem schockierten Ausruf: My God, they killed him!
  • Sunday Morning Coming Down – Ich kenne keinen anderen Song, der eine Katerstimmung so gut in Worte und Melodie verpackt hat. Und Johnny Cash ist der richtige Interpret für eine solche Situation.
  • Something They Can’t Take Away – Roy Orbison nahm 1976 dieses Lied auf; da war sein eigener Stern längst gesunken oder zumindest drastisch heruntergedimmt. Die Zeilen aus dem Lied passen aber heute: But there’s times in the morning //
    And there’s times at the close of day // When your memory comes easy as smiling //
    And that’s something they can’t take away

90 Jahre „Röhm-Putsch“

Heute jährt sich zum 90. Mal das innerparteiliche Morden der NSdAP, das zum vermeintlichen Abwenden des erdachten Röhm-Putsches als Nacht der langen Messer in die Propaganda-Erzählungen von Goebbels und Konsorten eingehen sollte.

Der Hauptmann Ernst Röhm war der Führer der SA und war nach einigen mittleren Skandalen allgemein als Homosexueller bekannt. Erst hatte sich Hitler noch vor seinen Hauptmann gestellt, als man seine privaten Briefe veröffentlicht hatte. Doch am 30. Juni 1934 ließ man ihn fallen und am gleich am Folgetag hinrichten. Tatsächlich finde ich den Röhm ähnlich uninteressant wie Hitler und neuere Personen der aktuellen Tagespolitik.

Spannend und gleichzeitig beschämend war und ist, wie sich die Linke in der Weimarer Republik und dem restlichen Europa zu den Vorkommnissen verhielt. Schon damals forderten einige progressive Kräfte die Streichung des Paragraphen 175 aus dem Strafgesetzbuch, der Homosexualität kriminalisierte. Als aber der SA-Führer geoutet wurde, nutzte man dies, um in Texten und Karikaturen die Nazis als Gruppe schwuler Triebtäter darzustellen.

Als Beispiel soll ein Gedicht von Bertolt Brecht dienen, welches im Dezember 1932 von Ernst Busch aufgenommen und im Januar 1933 veröffentlicht und im März bereits verboten wurde. Es ist allgemein von so bestechend naiv-überheblicher Hoffnung getragen, dass es einem ganz kalt im Herzen wird, es heute mit der aktuellen politischen Lage in der Welt zu hören.

Der Führer sagt: Jetzt kommt der letzte Winter,
nur jetzt nicht schlapp gemacht, ihr müsst marschier’n!
Der Führer fährt voran im Zwölfzylinder.
Marsch, Marsch! ihr dürft die Fühlung nicht verlier’n!

Es ist ein langer Weg zum Dritten Reiche.
Man soll’s nicht glauben, wie sich das zieht.
Es ist ein hoher Baum die deutsche Eiche,
von der aus man den Silberstreifen sieht.

Der Führer sagt: Nur nicht in Lumpen laufen!
Er hat’s ja schon gesagt der Industrie:
Wir wollen neue Uniformen kaufen.
Der Hauptmann Röhm liebt uns nicht ohne die.

Es ist ein langer Weg zum Dritten Reiche
Ein bißchen Liebe macht ihn halb so schwer.
Es ist ein hoher Baum die deutsche Eiche.
Und kameradschaftlich sei der Verkehr.

Der Führer hat gesagt, er lebt noch lange,
und er wird älter als der Hindenburg.
Er kommt noch dran, da ist ihm gar nicht bange.
Und drum pressiert’s ihm gar nicht und dadurch

ist es ein langer Weg zum Dritten Reiche.
Es ist unglaublich, wie sich das zieht.
Es ist ein hoher Baum die deutsche Eiche,
von der aus man den Silberstreifen sieht.

Text: Bertolt Brecht
Musik: „It’s a long way to Tipperary“ (Arrangement: Hanns Eisler)

Die besungenen Uniformen von SA, SS, Wehrmacht und Hitlerjugend wurden vom NSdAP-Mitglied Hugo Ferdinand Boss gefertigt. Maxim Gorki schrieb am 23. Mai 1934 in der Prawda: Ich weise jedoch darauf hin, dass in dem Lande, wo das Proletariat tapfer und erfolgreich wirtschaftet [der Sowjetunion], die die Jugend korrumpierende Homosexualität als sozial verbrecherisch und strafbar angesehen wird, während sie in dem ‚kultivierten‘ Land der großen Philosophen, Gelehrten und Musiker [in Deutschland also] frei und ungestraft waltet. Man hat sogar schon das sarkastische Sprichwort geprägt: „Rottet die Homosexualität aus – und der Faschismus verschwindet.“

Ja, es gäbe noch so vieles zu schreiben über all die Verwicklungen und Verquickungen – doch das überlasse ich Berufeneren wie z.B. dem Soziologen Alexander Zinn mit seinem Buch Die soziale Konstruktion des homosexuellen Nationalsozialisten.

Während in der sozialdemokratischen Exilzeitung Volksstimme Ende 1934 behauptet wird, die NSdAP geradezu zur Bewegung der Homosexuellen geworden sei, veröffentlicht Klaus Mann am 24. Dezember 1934 in den Europäischen Heften in Prag seinen Text Die Linke und ‚das Laster‘ einen kritischen Text und mahnt, dass „der Homosexuelle“ im antifaschistischen Europa zu einem ähnlichen Sündenbock stilisiert werde wie „der Jude“ im faschistischen Deutschen Reich.

Link
https://www.queer.de/detail.php?article_id=38595Auf queer.de gibt es einen interessanten Artikel zum 90. Jahrestag der Veröffentlichung von Röhms Briefen am 14. April 1931.