Archiv der Kategorie: Allgemein

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Aus der Ursuppe

Es gibt so Tage, da kann ich meinen Geist nicht auf ein Thema fokussieren. Ich meine damit keine klassische Konzentrationsschwäche, sondern die Vielschichtigkeit der Welt, die mit  unzählbar vielen Ereignissen auf das Individuum herniederdonnert. Jedes dieser Ereignisse wäre meiner Aufmerksamkeit würdig. Heute kann ich keine einfache Top-Five-Liste erstellen. Aber eine bestimmte Reihenfolge sowie thematische Gewichtung werde ich auch hier einhalten.

Heute vor 111 Jahren wurde Bernhard Klemens Maria Hofbauer Pius Grzimek (1909–1987) geboren. Ich habe zur Schnapszahl mal alle Vornamen spendiert. Man kennt ihn vor allem als Tierfilmer und mit seinem Nachnamen. 1960 war er der erste Deutsche, der nach dem Zweiten Weltkrieg einen Oscar gewann. Sein Werk: Serengeti darf nicht sterben. Von 1945 bis 1974 war er der Direktor des Frankfurter Zoos.

http://www.zoo-frankfurt.de/
http://www.bernhardgrzimek.de/

Auf den Tag genau zwei Jahre später wurde Karl August Fritz Schiller (1911–1994) geboren. Er war in der ersten Großen Koalition unter Kanzler Kiesinger (und darüber hinaus) der erste sozialdemokratische Wirtschaftsminister. Er ist der Vater des Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft von 1967, das ich in meinem Unterricht als Magisches Viereck behandle. Mittlerweile sind jedoch noch zwei Ecken hinzugekommen.

https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/
https://www.gesetze-im-internet.de/stabg/

Auch Elisabeth Veronika Mann Borgese (1918–2002) erblickte am 24. April das Licht der Welt. Das fünfte Kind Thomas Manns bemühte sich gemeinsam mit ihrem Gatten Giuseppe Antonio Borgese (1882–1952) um eine Weltverfassung. 1970 war sie Gründungsmitglied des Club of Rome. Weiterhin war sie eine treibende Kraft hinter dem Seerechtsübereinkommen der UN 1982 und der Gründung eines Internationalen Seegerichtshofs 1996. Ihr ist mein Beitragsbild, der Strand von Baltrum, gewidmet.

https://www.literaturportal-bayern.de/
https://www.literaturhaus-muenchen.de/

Heute haben wir vom Tod Norbert Blüms (1935–2020) erfahren. Er war in jedem Kabinett Helmut Kohls als Minister vertreten. Er führte die Pflegeversicherung ein und reformierte das Rentensystem. In diesem Zusammenhang fiel auch sein berühmtester Satz: Die Rente ist sicher. Mich hat Blüm meine gesamt Entwicklung über, vom unmündigen Kind zum politisch Interessierten Erwachsenen, begleitet. Ich möchte hier die Video-Aufzeichnung der Debatte zur Rentenreform wiedergeben. Wer nicht die ganzen 50 Minuten schauen will, ab Minute 26 wird es interessant.

https://dbtg.tv/cvid/1937201

Fridays for Future ist noch immer aktuell und stark. Die Maßnahmen zur Corona-Krise haben gezeigt, dass auch in westlichen Demokratien die Fähigkeit zu schnellem und beherztem Handeln vorhanden ist. Warum nun, fragt man sich, hören Politiker bei Corona auf die Wissenschaftler, beim Klima aber nicht. Heute ist ein virtueller Streiktag.

https://fridaysforfuture.de/
https://fridaysforfuture.org/

Gestern hat Donald Trump den Ärzten empfohlen, darüber nachzudenken, den Corona-Patienten Desinfektionsmittel zu spritzen. Es vergeht eigentlich  kein Tag, wo ich nicht denke, da kann Trump eigentlich keinen mehr draufsetzen. Hier hat er den Gipfel erreicht. Und jeder weitere Tag belehrt mich eines Besseren. Der Songwriter und Satiriker Roy Zimmerman (*1957) hat vor wenigen Tagen ein schönes Video gepostet, das sich zurzeit viraler verbreitet als Corona.

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Am Vorabend des Ramadan 2020

Heute Abend wird die Sichel des Neumondes zu sehen sein und der Ramadan beginnen, die Fastenzeit der Muslime. Die muslimische Art des Fastens (kein Essen und Trinken zwischen Sonnenauf- und -untergang) stellt schon eine körperliche Herausforderung dar, doch stärker als das Christliche Fasten, was normalerweise heute ein Verzicht auf Fleisch, Alkohol, Süßigkeiten bedeutet. Natürlich ist sie außerdem eine Zeit der inneren Einkehr. Aber – und da unterscheiden sich christliches und muslimischen Fasten – kennt der Ramadan das allabendliche Fastenbrechen. Und das ist ein soziales Ereignis.

Das Fastenbrechen wird in großen Gruppen begangen oder in der Nachbarschaft. Manche Familien laden sich zum Fastenbrechen einen Fremden ein, den sie wie einen teuren Gast bewirten. Ich kenne das auch als eine Weihnachtstradition. Oft ist es nur noch ein leerer Stuhl, den man für einen weiteren Gast aufstellt – für die einen ist es der Weihnachtsmann (der bekommt dann Milk and Cookies), die anderen warten auf Jesus selbst.

Im Ramadan der letzten Jahre habe ich diese konkrete Gastfreundschaft einige Male (und hier stimmt nun auch Mahle) erleben dürfen. Doch in diesem Jahr wird es wohl nichts geschehen. Denn die Corona-Krise zwingt uns alle zur Vorsicht.

Ich wünsche all meinen muslimischen Freunden dennoch eine glückliche Zeit der Einkehr, des Fastens und des Fastenbrechens, wenn auch in kleinerem Kreis. Ramadan Mubarak!

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Ganz der Vater oder die Mutter?

Heute ist der 202. Todestag von Ernst Christian Trapp (1745–1818), dem ersten deutschen Inhaber eines Lehrstuhls für Pädagogik. Seine Antrittvorlesung an der Universität in Halle (Saale) hatte den Titel Von der Notwendigkeit, Erziehung und unterrichten als eine eigene Kunst zu studieren. Darin heißt es auch:

Es kann keine pädagogischen und didaktischen Regeln und Grundsätze geben, keine Maximen der Schulreform, die nicht von Fall zu Fall geändert, an die jeweiligen Umstände angepasst und korrigiert werden müssten.

Das passt sowohl zu den ständigen Reform- und Gegenreformvorschlägen in den Ländern, als auch zu der ganz akuten Herrausforderung, vor die Eltern, Lehrer und Schüler in Zeiten des Corona-Lockdowns gestellt sind. Und dann haben wir noch gar nicht von den Inhalten gesprochen, etwas die Bedeutung von Goethes Faust für 16-Jährige des 21. Jahrunderts.

Was aber aktuell wieder allen Verantwortlichen auf den Nägeln brennt, ist der große Unterschied zwischen Kindern gebildeter Eltern und denen aus bildungsfernen Schichten. Für die einen sind die vergangenen Wochen eine mal interessante, mal anstrengende Abwechslung zum klassischen Schulalltag, die trotzdem einen Lernerfolg brachten, während für die anderen entweder seit Mitte März kein Schulbuch mehr gesehen haben oder mit ihren Fragen zum Stoff alleingelassen bleiben. Das ist eine Ungerechtigkeit des Bildungssystems, die sich wohl leider niemals vollständig wird eliminieren lassen.

Ganz in der Nähe dieses Problems umwabert uns die ewige Frage, ob des Menschen Natur oder dessen bzw. die von seinen Vorfahren geschaffene Kultur den jungen Menschen stärker prägt. Im Englischen heißt dies pointiert nature versus nurture. Solche Kurzformen greifen natürlich nicht weit genug. Ist das Verhalten der Mutter während der Schwangerschaft bereits Kultur? Ist die frühkindliche Erziehung noch ein Rest eines natürlichen Verhaltens?

In früheren Zeiten hat man diesen Dualismus über die Geschlechter dargestellt. Die Mutter bringt das Kind zur Welt. Das ist die Natur. Der Vater führt die Heranwachsenden in die Gesellschaft ein. Das ist die Kultur.

Im Parzival [siehe Beitragsbild] nach Wolfram von Eschenbach (1160–1220) heißt es im Kapitel 738 auf Mittelhochdeutsch:

den lewen sîn muoter tôt gebirt:
von sînes vater galme er lebendec wirt.
(Die Löwin ihr Junges tot gebiert,
das durch Vaters Gebrüll lebendig wird.)

Der Übersetzer Kurt Heinrich Hansen (1913–1987) rettete eine arabische Redewendung unbekannter Herkunft ins Deutsche, die man fast als Antwort auf den Parzival verstehen kann:

Zweimal wird der Mensch geboren:
Hat die Mutter dich verloren,
dann sieh zu, dass du vom Geist
deines Vaters dich befreist!

Andere sehe nicht so sehr die Rollen der Eltern im Mittelpunkt, als viel mehr das Geschlecht des Nachwuchses. Das wird heute mit der Aufteilung in Sex und Gender kritisch betrachtet. Dem englischen Romantiker Robert Southey (1774–1843) wird folgender Nursery Rhyme mit der Nummer 821 im Roud Folk Song Index zugeschrieben:

What are little boys made of?
What are little boys made of?
Snakes and snails
And puppy-dogs’ tails
That’s what little boys are made of.

What are little girls made of?
What are little girls made of?
Sugar and spice
And everything nice
That’s what little girls are made of.

Als Funfact am Rande: Southey gilt auch als der Autor, der das Wort Zombie aus dem Haitianisch-Französisch für das Englische entlehnte.

Schließen wir diesen Artikel mit einem gemischgeschlechtlichen Geschwisterpaar aus Neuseeland. Die Broods sangen auf ihrem zweiten Album Evergreen, dessen Cover die beiden als Menschen mit Hunde- und Katzengesicht darstellt ein Lied aus der Perspektive eines jungen Erwachsenen, der nun Mutter und Vater verlassen hat. Es wird sich finden.

Und wenn ich schon dabei bin; es gibt auch eine schöne Akustikversion:

Katze und Fische

Von Katzen und Fischen

Kritische Würdigung einer fatalen Bemerkung

Nun ist es schon einen Monat her, dass der Ex-Bundestagsabgeordnete und Kreisvorsitzende der CDU Leipzig Dr. Thomas Feist am 1. März 2020 zur zweiten Runde der Leipziger Oberbürgermeisterwahl im Wahlstudio des Leipzig Fernsehen interviewt wurde. Nun, ich arbeite nicht für eine Tageszeitung. Ich darf mir die Zeit nehmen, über solche Ereignisse ein wenig länger nachzudenken. Und während des Corona-Lockdowns umso mehr.

Im nicht gerade inhaltsvollen Wahlkampf Sebastian Gemkows las man immer wieder den Slogan „Ein Leipziger für Leipzig“, der suggerieren sollte, dass der amtierende und nun auch zum dritten Mal gewählte Oberbürgermeister Burkhard Jung kein richtiger Leipziger sei. Danach gefragt, antwortete Dr. Feist mit dem unseligen Satz: „Es gibt den schönen Spruch: Wenn eine Katze im Fischladen Junge bekommt, sind das dann Fische?“

Weiter führte er aus: „Also, insofern denke ich mal, dass jemand, der hier aufgewachsen ist, der die Geschichte der Stadt hautnah miterlebt hat, hat nochmal ein anderes Verhältnis zur Stadt, als jemand, der erst seit 29 Jahren hier lebt, auch wenn der mittlerweile Leipziger sein mag.“

Nachdem der Moderator auf sein ganz persönliches Leipziger-Sein nach einem Zuzug vor zehn Jahren verwiesen hatte, klärte uns Feist weiter auf: „Die Geschichte Leipzigs fängt ja nicht vor zehn oder vor 29 Jahren an. Sondern die Geschichte Leipzigs fängt ja vorher an.“

Eigentlich sollte ich mich gar nicht sachlich auf dieses Argument einlassen. Um aber zu zeigen, wie absurd es tatsächlich ist, möchte ich die Lebensdaten beider Kandidaten mal nebeneinanderstellen.

Burkhard Jung wurde 1958 in Siegen geboren, absolvierte 1977 sein Abitur und studierte in Münster Germanistik und Evangelische Theologie. 1991 kam er 33-jährig nach Leipzig, um als Schulleiter das evangelische Schulzentrum aufzubauen. 2000 trat Jung, mittlerweile 42 Jahre alt, in die SPD ein. Er ist also länger Leipziger als eingeschriebener Sozialdemokrat. Bereits 1999 wurde Jung Beigeordneter der Stadt Leipzig für Jugend, Schule und Sport (seit April 2001 Beigeordneter für Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule). Nachdem Wolfgang Tiefensee im November 2005 seinen Posten als Stadtoberhaupt zur Verfügung stellte, um selbst Bundesverkehrsminister zu werden, wurde Burkhard Jung, gerade noch 47 Jahre alt, zum neuen Leipziger Oberbürgermeister gewählt. Seit 2019 ist Jung Präsident des Deutschen Städtetages. Burkhard Jung ist nun 62 Jahre alt. 29 Jahre davon hat er in Leipzig gelebt. Und es sind die tätigen Jahre.

Sebastian Gemkow wurde 1978 in Leipzig geboren. Zum Fall der Mauer war Gemkow elf Jahre alt, ein Kind. Sein Abitur legte er 1997 an der Neuen Nikolaischule in Stötteritz ab, die 2012 ihr 500-jähriges Bestehen feierte, tatsächlich aber eine Neugründung bzw. Zusammenlegung von 1995 ist. Er trat 1998 in die CDU ein, studierte Rechtswissenschaften in Leipzig, Hamburg und Berlin und ließ sich 2006 als Rechtsanwalt in Leipzig nieder. 2009 zog er in den Sächsischen Landtag ein, mit einem Rekordergebnis. Er errang mit 28,5 % den damals niedrigsten Erststimmenanteil aller Wahlkreiskandidaten, die letztendlich das Mandat erhalten hatten. Der Wahlkreis Leipzig 2 ist ein hart umkämpfter und seit zwei Legislaturen in der Hand der Linken. 2014 gewann er knapp den Wahlkreis Leipzig 4 und wurde Sächsischer Staatsminister der Justiz. 2019 schließlich ließ er sich für den Wahlkreis Nordsachsen 2 aufstellen und wurde Sächsischer Staatsminister für Wissenschaft. Er ist mit einer Estin verheiratet und seit 2014 Honorarkonsul der Republik Estland. Sebastian Gemkow wird im Sommer 42 Jahre.

Über beide Kandidaten der OBM-Wahl 2020 in Leipzig lässt sich übereinstimmend sagen, dass sie augenscheinlich Vollblutpolitiker sind, die sich nicht vor Verantwortung scheuen. Man kann auch beiden nicht vorwerfen, sie wären nur Politiker geworden, weil sie nichts Anständiges gelernt hätten. Beide sind gut vernetzt. Beide sind in einem regulären arbeitsfähigen Alter. Beide sind verheiratet und haben Kinder. Die letzten zwei Punkte sind eigentlich nicht entscheidend für das Amt; aber es wird mit Blick auf das zur Diskussion stehende Zitat noch wichtig sein.

Was ist denn nun – abgesehen von Parteizugehörigkeit, Persönlichkeit und daraus resultierender persönlicher Sympathie – der Unterschied zwischen den beiden? Die Mutter des einen schob ihren Sohn im Kinderwagen durch Siegen, die Mutter des anderen tat dies in Leipzig. 1996 wurde Sebastian Gemkow volljährig. Da lebte Burkhard Jung bereits fünf Jahre in Leipzig. Der einzige Unterschied im Grad an Leipziger-Sein zwischen Jung und Gemkow, sind die ersten 13 Jahre im Leben des Herausforderers. Oh, da hätte sich einer aber zwei Staatsexamen sparen können, hätte er damals schon gewusst, dass ihn seine Kindheit einst entscheidend qualifizieren werde!

Kommen wir zurück zum Abend des 1. März 2020 und dem fatalen Satz des Dr. Feist: „Es gibt den schönen Spruch: Wenn eine Katze im Fischladen Junge bekommt, sind das dann Fische?“

Ganz offensichtlich setzt er sowohl Katzen als auch Fische mit Menschen gleich; mit Menschen unterschiedlicher Herkunft. Nun wollte Dr. Feist sicherlich Herrn Jung etwas Scherzhaft als Zugezogenen, als Unhiesigen ausgrenzen vom wohlig-warmen Leipziger Stammtisch, an dem man nur Platz nehmen darf, wenn man die gesamte Leipziger Geschichte selbst miterlebt hat, von urkundlicher Ersterwähnung über Verleihung des Messeprivilegs bis zur Ausgründung des Volksgerichtshofs. Tatsächlich zielt der Satz aber auf die Kinder der zugezogenen Katze. Diese werden laut Dr. Feist auch niemals in Leipzig heimisch werden können, da ihr Vater ein Zugezogener ist. Wow! Das ist starker Tobak.

Deutsche Staatsbürger mit einem Migrationshintergrund mögen nun milde lächeln. Das kennen sie aus ihrem Alltag. Beispielsweise die Kinder einer Schwarzen, welche bereits die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, sind von ihrer Geburt an natürlich auch Deutsche. Aber sie werden sich genauso natürlich mit ihrer Hautfarbe von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden, sodass sie wahrscheinlich ihr gesamtes Leben lang gefragt werden, wo sie denn wohl eigentlich herkämen. Manchmal mag man es erklären wollen. Meistens wird es nerven. Der Fragende mag auf das äußerliche Merkmal der Hautfarbe verweisen. Und die Statistik gibt ihm erstmal recht: Die Mehrheit der Deutschen ist weiß. Die Mehrheit der Schwarzen ist nicht deutsch. Eine höfliche Frage nach der Herkunft scheint berechtigt.

Innerhalb Deutschlands soll es keinen relevanten Unterschied nach regionaler Herkunft geben. Deshalb wurde – neben dem Diskriminierungsverbot in Artikel 3, Satz 3 – die Freizügigkeit mit Artikel 11 als ein Grundrecht aller Deutschen unveränderlich verankert. Und für die EU ist das in Artikel 45 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union geklärt. Weiterhin behandelt dies auch der Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, ohne hier auf staatsrechtliche Details einzugehen.

Was ist das nur für ein altvorderes Denken, wenn man nun jemanden, der seine Freizügigkeit nutzt, vor Ort als einen Bürger zweiter Klasse behandelt, weil er nicht dort geboren wurde? Schränkt das die Freizügigkeit nicht ein, weil man seinen Status als gleichberechtigter Bürger verliert? Ist denn nun jeder, der aus seinem Heimatdorf aufbricht, sei es nur, um das Inzesttabu zu wahren, ein „vaterlandsloser Geselle“? Ist man innerhalb Deutschlands nach einmaligem Umzug bis zu seinem Lebensende der Neue oder der Fremde? Und soll sich das sogar, wie das Bild von der Katze und den Fischen unterstellt, auf die Kinder des Neuen, die Kinder des Fremden übertragen?

Seit März 2019 ist Dr. Feist der sächsische Beauftragte für das jüdische Leben. Damit ist er der offizielle Ansprechpartner für jüdische Gemeinden im Freistaat. Außerdem berät er die Landesregierung zu Fragen der Pflege des historischen Erbes und die Erinnerung an den Holocaust.

Nachdem die Heidenchristen in der frühen Kirche das Ruder übernommen hatten, galten der Mehrheitsbevölkerung des Römischen Reiches und später Europas die Juden als ein störender Fremdkörper. Aus der Spätantike sind nicht nur die Zerstörungen von Synagogen, sondern auch erzwungene Massentaufen überliefert. Nun sind diese Taten natürlich nicht zu rechtfertigen, aber man kann doch sehen, dass sie auf eine – erzwungene – Integration der jüdischen Bevölkerung abzielten.

Das änderte sich über das Mittelalter und die frühe Neuzeit in Schüben. Im Vormärz erkannte Heinrich Heine im Taufzettel das Entre Billet zur Europäischen Kultur, sieht sich aber sein ganzes Leben vom nie abzuwaschenden Juden verfolgt. Er schwärmt, dass ihm das Deutsche das sei, was dem Fisch das Wasser ist, und dass er aus diesem Lebenselement nicht herauskönne. Gleichzeitig gesteht er, alles Deutsche wirke auf ihn wie ein Brechpulver.

Konkret wurde Heine in Göttingen die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft verweigert, da Juden, als solche, kein Vaterland hätten und für das deutsche Vaterland kein Interesse haben könnten. Trotz Taufe 1825 wird Heine nicht in Hamburg als Rechtsanwalt zugelassen, nicht in München zum Professor berufen und – erneut in Hamburg – nicht zum Ratssyndikus ernannt. Literarisch sah er sich von August Graf von Platen verächtlich gemacht und als knoblauchfressender Jude diffamiert, während dieser seiner Homosexualität wegen lieber im italienischen Exil lebte.

Heinrich Heine war schon 23 Jahre tot, als schließlich Wilhelm Marr 1879 mit seiner Schrift Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum den Begriff des Antisemitismus prägte. Im Trend der Säkularisierung sowohl unter vormals christlichen als auch jüdischen Gruppen wäre eine Taufe kein Zeichen der Anpassung und Integration gewesen. Also zielte Marr auf die absurde Idee einer jüdischen Rasse ab. Wie es von dort aus weiterging, steht in unseren Geschichtsbüchern. In den Nürnberger Rassengesetzen von 1935 legten die Nationalsozialisten genau fest, wer als ein Jude zu gelten hatte oder als Deutschblütiger. Mischlingen war die Ehe nur unter bestimmten Voraussetzungen gestattet.

Die Deutschen Christen erklärten 1932 vorauseilend, dass sie in der Judenmission eine schwere Gefahr für ihr Volkstum sähen. Sie sei das Eingangstor fremden Blutes in ihren Volkskörper. Sie lehnten die Judenmission in Deutschland ab, solange die Juden das Staatsbürgerrecht besäßen und damit die Gefahr der Rassenverschleierung und Bastardierung bestünde.

In Leipzig stolpert man heute in den Straßen über mehr als 500 kleine Gedenksteine. Jeder einzelne führt uns vor Augen, wohin Ausgrenzung und Hass in letzter Konsequenz führen.

Der Satz, den Dr. Feist am 1. März 2020 von sich gab, hat eine Reihe von Reaktionen ausgelöst. Henning Homann, der Generalsekretär der SPD Sachsen, antwortete am folgenden Tag, dass Leipzigern ihr Leipziger-Sein abzusprechen, nicht nur unwürdig sei; es zeige auch, wie wenig er eine wachsende, internationale Stadt verstanden habe, obwohl er dort geboren sei. Solche Sprüche taugten vielleicht für den Stammtisch, aber selbst im Fischladen und erst recht im Rathaus sorgten sie nur für Kopfschütteln.

Auf Twitter, wo Dr. Feist als „Freiberuflicher Netzwerker, Beauftragter für Jüdisches Leben in Sachsen.“ firmiert, legte er am 2. März mit zwei weiteren Tweets nach. Erst verwies er auf ein YouTube-Video; ein Ausschnitt aus einem Programm von Eberhard Cohrs und Horst Feuerstein aus dem Jahre 1964 mit der Bemerkung: „Katzen und Fische. Kennt ihr nicht, ihr Kulturbanausen?“ Und danach schloss er für sich die Affäre ab mit dem Tweet: „Ein Leipziger für Leipzig“ ist etwas anderes als „Deutschland den Deutschen“. Wer beides gleichsetzt unterstellt böswillig etwas Falsches. Scheint aber leider gerade in Mode zu sein. #lasttweet [Kommasetzung wie im Original]

Über den als Beleg herangezogenen Sketch von Eberhard Cohrs wird noch zu sprechen sein. Interessant ist aber auch, wer dieses Video bei YouTube bereithält. Das Konto trägt den Benutzernamen Saebelzahnbiber. Der Sketch wurde bereits vor neun Jahren von ihm hochgeladen. Im Sommer 2015 hat der Nutzer das letzte Mal Videos auf YouTube gestellt. Die Titel der jüngsten drei Videos sind: „Mohammedaner tötet Lebensgefährtin mit Messer“, „Bosnischer Moslem tötet 3 Menschen im Ramadan in Graz“ und „Arbeitslose Deutsche reparieren in Bamberg Fahrräder für Fachkräfte…“ [gemeint sind Asylbewerber]. Nachdem sich Dr. Feist also dem Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit, des Rassismus und der Nähe zur Blut-und-Boden-Mentalität ausgesetzt sah, wählte er zur Verteidigung den Saebelzahnbiber als Gewährsmann. Nun, es gab wohl schon glücklichere Entscheidungen.

Man muss natürlich vorsichtig sein. Vor der Kamera soll ein Politiker schnell und pointiert liefern. Und der Zuschauer zuhause kann später genau analysieren, warum er dieses Mal entrüstet ist. Und in dem schließlich aufkommenden Shitstorm wird man ohnehin früher oder später mit Hitler verglichen. Der Rechtsanwalt Mike Godwin hat dies 1990 in einem Godwins Gesetz genannten Bonmot zusammengefasst: „Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Hitler dem Wert Eins an.“

Aber die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten ist eben der Gipfel eines Denkens, das aus Herkunft von Menschen Qualitätsabstufungen – und damit Wertigkeiten des Lebens – aufstellt. Vielleicht ist sie sogar ihre logische Konsequenz. Und deshalb müssen wir auch so entschieden ihren Anfängen wehren.

Außerdem hat sich – quasi als Gegenbewegung zu Godwins Gesetz – etabliert, dass man seine Rede mit einem bestimmten Vorsatz beginnt: „Ich bin kein Rassist, aber …“ erlaubt einem heutzutage, jeden rassistischen Scheiß in die Welt zu posaunen. Eine Deutung in kritischer Richtung hat der Redner zuvor einfach selbst ausgeschlossen.

Doch woher kommt die Redewendung von der Katze im Fischladen überhaupt? Und was bedeutet sie ursprünglich? Sie ist, um das Offensichtliche doch einmal aufzuschreiben, nicht geprägt worden, um Menschen nach ihrem Geburtsort zu unterscheiden.

Die Katze ist als Kulturfolger dem Menschen lang bekannt und hilft diesem, seine Wohn- und Werkstatt von Ungeziefer freizuhalten. Dafür muss der Mensch sich um die Ernährung der Katze und ihres Nachwuchses in kargeren Zeiten kümmern. Von den Ägyptern wurden Katzen als Götter verehrt. Eine Unzahl von Facebook-Posts lässt erahnen, dass sich an diesem Status über die Jahrtausende nur wenig geändert hat.

Eine gute Idee ist der Blick in das Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, welches der Volkskundler und Erzählforscher Lutz Röhrich 1973 herausgegeben hat. Katzen sind in den deutschen Redewendungen allgemein Sympathieträger. Aber ein Mensch möchte trotzdem nicht gern wie eine Katze behandelt werden und vom Boden essen müssen, sprich vom Katzentisch. Und manchmal tritt die Katze in Konkurrenz zum Menschen: „Das soll mir keine Katze fressen“ bedeutet, den Happen hebe ich mir für später auf. Gibt man den Happen aber auf, ist er für die Katz. Auf die Ausrede „die Katze hat’s gefressen“ lautet eine gewitzte Antwort: „Ja, die mit zwei Beinen.“ Wenn eine menschliche Naschkatze krank wird, bemerkt die Mutter: „Die Katze mag die Fische nicht.“

Wer den Bock zum Gärtner macht, hat der Katze den Hering anvertraut. Das sollte man nicht tun, niemals, oder doch erst dann, wenn die Katze Eier legt. Denn eine Katze lässt das Mausen nicht.

Der Fisch, besonders der Hering, steht in Redensarten öfters als Bild des Geringwertigen und Kleinen. Ein dürrer oder intellektuell substanzloser Mensch ist ein schmaler Hering. Zu Ostern, am Ende der Fastenzeit, sieht man aus wie ein ausgeweideter Hering. Wessen Erfolgsaussichten gering sind, wird hier keinen Hering braten.

Heringe sind eine weitverbreitete Fastenspeise und allgemein Hauptnahrungsmittel in vielen Klöstern. Abraham a Sancta Clara lässt im 17. Jahrhundert in seinem „Judas“ Menschen gleich Heringen aufeinander liegen. Das ist bis heute nicht nur als bildhafte Sprache mit Ölsardinen oder Kieler Sprotten üblich. Otto von Bismarck, der den Hering so sehr liebte, dass man später einen nach ihm benannte, war sich sicher: „Wenn Heringe genau so teuer wären wie Kaviar, würden ihn die Leute weitaus mehr schätzen.“

Doch schon allein der Geruch von Fisch lässt einen nichts Gutes erahnen. Daher antwortete Martin Luther auf Ausreden, Lügen oder allgemein verdächtige Sachen: „Bleib daheim mit deinen faulen Fischen!“ Wenn ich nun die Wahl hätte, durch welches Tier ich in einer Redewendung dargestellt werden wollte, ich zöge deutlich die Katze dem Fisch vor.

Lutz Röhrich schreibt in seinem Lexikon – leider ohne einen Verweis auf Region oder Zeitalter: Auf etwas Unmögliches weist die Wendung „Die Katze im Fischladen bringt auch keine Heringe zur Welt“, d.h. das ist zu viel verlangt.

Man könnte es so verstehen, dass ein Fischhändler einen Lieferanten seiner Waren braucht und eine Katze, um das Ungeziefer fernzuhalten. Aber beides von einer Katze zu verlangen, ist eben zu viel. So könnte man es dann auch auf Menschen übertragen: Wenn du mit einem Freund über ernste Dinge sprichst, beschwere dich nicht, dass du nicht mit ihm lachen kannst. So wird ein Schuh daraus. Eine englische Entsprechung wäre vielleicht: You can’t have a cake and eat it, too (Man kann nicht den Kuchen behalten und gleichzeitig aufessen).

Nun beruft sich der Kulturwissenschaftler Dr. Feist aber auf diesen Sketch aus dem Jahre 1964 mit Eberhard Cohrs und Horst Feuerstein. In der kleinen Szene geht es zu Beginn um ein Formular, das die von Cohrs gespielt Figur angeleitet von seinem Antagonisten auszufüllen hat. In Dresden sei er geboren, sagt Cohrs und spielt dabei auch sich selbst. Darauf meint Feuersteins Charakter, er könne ja schreiben, dass er ein Sachse sei. Das verneint Cohrs nun. Da seine Eltern aus Köln stammten und Rheinländer seien, müsse er ja auch ein Rheinländer sein und kein Sachse. Der Streit geht noch einige Zeit hin und her, bis zu der Pointe aus dem Munde Cohrs: Mensch, wenn ’ne Katze im Fischgeschäft Junge kriegt, sind’s doch keine Heringe!

Dies ist nach meinen Recherchen das erste Mal, dass diese sprichwörtliche Redensart eins zu eins auf einen Menschen angewendet wurde. Warum ist nun dieser Sketch lustig, der Ausspruch des Dr. Feist aber immer noch ein Skandal?

Zunächst gibt es selbstverständlich einen grundlegenden Unterschied zwischen einem Künstler auf der Bühne und einem Politiker im Mediengespräch. Weiterhin wendet Cohrs diesen Satz auf sich selber an, Dr. Feist aber auf einen anderen. Der dritte und entscheidende Punkt ist die Sprache. Cohrs spricht diesen Satz in tiefstem Sächsisch und widerlegt seine Aussage damit unmittelbar. Es mag sein, dass seine Eltern Rheinländer sind. Wer aber in Dresden geboren und aufgewachsen ist, zudem ein solches Sächsisch spricht, der ist definitiv kein Rheinländer. Das von sich immer noch zu behaupten, ist das Absurde, was den Sketch so witzig sein lässt. Zum Zitat eignet sich der Satz aber nicht. Denn seine direkte, semantische Aussage ist nicht, was Eberhard Cohrs uns tatsächlich damit sagen wollte.

Eberhard Cohrs ist im Übrigen auch eine schillernde Persönlichkeit. Sein Vater kam aus Uelzen und seine Mutter aus dem Vogtland. Er selbst wurde 1921 in Dresden geboren. Im Dritten Reich war er Mitglied der Waffen-SS und gehörte zur Wachmannschaft des KZ Sachsenhausen. Im November 1945 absolvierte er seine Komikerprüfung vor der Internationalen Artisten-Loge. 1977 kehrte er nach einem Gastspiel in der Bundesrepublik nicht in die DDR zurück. Im Westen hatte er trotz namhafter Unterstützung kein Fernsehglück, da das Publikum sein Sächsisch nicht verstand. Nach der Wende ging er in den Osten zurück und arbeitete unter anderem für den MDR. In die Schlagzeilen geriet er ein Jahr vor seinem Krebstod 1999, weil er im Rausch seine Frau mit sieben Schüssen lebensgefährlich verletzt hatte.

Doch zurück zur Redewendung von der Katze im Fischladen, die seit 1964 eine beachtliche Karriere im rechtsnationalen Milieu hingelegt hat. In einer Ausgabe des Spiegels von 1977 findet sich ein Interview mit Martin Webster, einem führenden Mitglied der britischen Nationalen Front. Er möchte Britanniens Farbige vertreiben, weil sie seiner Ansicht nach nicht auf seine Insel gehörten. Auch wer seit Generationen in England lebe, solle das Land wieder verlassen, wenn er nicht zum ethnischen Grundstock seiner angelsächsisch-keltischen Rasse gehöre. Der Artikel endet pointiert mit der Begründung Websters: Wenn eine Katze Junge in einer Fischkiste kriegt, werden die dadurch keine Fische.

Zum Terroranschlag eines 18-Jährigen mit deutscher und iranischer Staatsbürgerschaft am 22. Juli 2016 in München twitterte Lutz Bachmann am Tag darauf: Deutsch-Iraner? Was ist denn das? Wenn ne Katze im Fischladen Junge bekommt sind’s dann „Karthäuser-Heringe“ oder was?

Als Dr. phil. mag man Herrn Feist zutrauen, Hintergründe und Konnotationen angemessen zu würdigen. Vielleicht sieht er doch irgendwann ein, welch fatalen Fehler er mit seiner launigen Bemerkung über Katzen und Fische begangen hat.

Dr. Feist steht der sächsischen Landeskirche nah. Wenn diese auch recht problematische Strömungen aufweist, lässt dies doch vermuten, dass er ebenfalls der Botschaft Jesu nicht ganz fern ist. Mir fällt in diesem Zusammenhang eine im Markusevangelium überlieferte Geschichte ein. Maria, die Mutter Jesu, kommt gemeinsam mit seinen Brüdern zu dem Haus, in dem Jesus gerade weilt, und lassen ihn herauszitieren.

Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah rings um sich auf die Jünger, die im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. (Markus 3, 32–35)

Mir hat diese Erzählung schon immer imponiert. Und im Zusammenhang mit dem Missionsbefehl sind alle Menschen Brüder und Schwestern im Herrn. In diesem Sinne sehe ich in Thomas Feist ein verirrtes Schaf, dem ich nur allen Mut zur Umkehr wünschen kann.

Manch einer mag es übertrieben finden, über einen hingeworfenen Satz so lange nachzudenken. Immerhin ist schon ein ganzer Monat vergangen. Und heute haben wir doch ganz andere Sorgen als die Worte eines ehemaligen Bundestagsabgeordneten. Doch darauf möchte ich mit einem weiteren Zitat aus der Umgebung der Bibel (den Apokryphen des Alten Testaments) antworten:

Du umzäunst dein Hab und Gut mit Dornen; warum machst du nicht vielmehr vor deinen Mund Tür und Riegel? Du wägst dein Silber und Gold, bevor du es aufbewahrst; warum wägst du nicht auch deine Worte auf der Goldwaage? Hüte dich, dass du nicht dadurch ausgleitest und hinfällst vor denen, die auf dich lauern. (Sirach 28, 28–30)

Unser (Frankfurter, Leipziger, Weimarer) Johann Wolfgang von Goethe hat einmal gesagt – und da mag ein indisches Sprichwort Pate gestanden haben –, dass Kinder von ihren Eltern sowohl Wurzeln als auch Flügel bekommen sollten. Das ist natürlich nicht botanisch oder medizinisch zu verstehen. Es meint wohl, dass wir unsere Herkunft und unsere Vergangenheit nicht verleugnen oder gar vergessen sollen und dabei aber auch den Mut nicht verlieren dürfen, aufzubrechen und etwas Neues zu wagen.

Es gehört nämlich zu den Wundern unserer Welt, dass ein Migrant etwas Neues werden kann (z.B. ein Leipziger, ein Sachse, ein Deutscher), ohne aufzuhören etwas anderes zu sein (z.B. ein Siegener oder ein syrischer oder afghanischer Flüchtling).

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FC Mohajer auch 2020

Mein Kalender-Projekt ist abgeschlossen. Die zwölf Kalenderblätter werden hier sukzessive monatlich veröffentlicht. Aber – wie man so schön sagt – ich bin mit dieser Mannschaft noch nicht fertig. Bis ich weiß, wie ein nächstes Projekt aussehen wird, mache ich erstmal weiter mit Fotos von Trainingsspielen und Turnieren. Hier also die ersten Bilder von einer Trainingseinheit im Lene-Voigt-Park.

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Jahresrückblick 2019

Silvester 2019 – ein Tag auf dem Zeitstrahl. Aber in unserer Kultur ist es üblich, hier den Schnitt anzusetzen. Die Erinnerung unterscheidet zwischen vor und nach diesem Tag, genauer dieser Nacht. Ich möchte auch eine kurze Rückschau halten auf die vergangenen zwölf Monate; zwölf Bilder habe ich mir dafür herausgesucht, die ich mit euch betrachten möchte.

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Ich beginne mit einem Bild aus dem Kalender, der mich und euch im Jahr 2019 begleitet hat. Es waren Porträts aus meinem Projekt Vaterbilder – Gespräche mit Söhnen aus Rumpf- und Patchwork-Familien. Dieses Projekt habe ich im Januar mit dem zweiten Band erfolgreich abgeschlossen. Das lag mir mittlerweile schwer auf der Seele. Bereits 17 Jahre hatte ich daran gearbeitet. Es drohte, ein Dauerprojekt zu werden, welches niemals ein Ende finden würde. Doch das habe ich abgewendet. [http://vaterbilder.de/]

Im Februar ist mein Geburtstag. 2019 habe ich das Geburtstagswochenende dazu genutzt, mich meiner frühen Lebensjahre zu erinnern. Ich war auf dem Wurmberg, dem höchsten Berg Niedersachsens, und verbrachte eine Nacht in meiner Geburtsstadt Hildesheim, bevor ich dann noch meine Eltern besuchte.

Das nächste familiäre Großereignis war die Goldene Hochzeit meiner Eltern. Selbstverständlich war ich in die Organisation eingebunden. Zusätzlich hielt ich einen kleinen Vortrag und leitete eine Schreibwerkstatt mit allen Gästen an. Es war eine sehr schöne Feier, die ich lange in Erinnerung behalten werde.

Ähnlich einprägsam – aber aus anderen Gründen – war die Ausstellung von Yoko Ono in Leipzig. Dazu hatte ich einen eigenen Blog-Eintrag verfasst.

Im Sommer war die Taufe meines Patenkindes Fabian, dem ich als Geschenk ein Märchenbuch überreichen konnte. Der schlaue Dschirtdan stammt ursprünglich aus Aserbaidschan, ist aber mit Hänsel und Gretel aus Deutschland und Nim-Kuni aus Afghanistan verwandt.

Ich habe die Zeit gefunden, an einem anderen Projekt weiterzuarbeiten, das ich immer den Annaberg-Roman nenne. Es geht gar nicht so sehr um Annaberg. Die Stadt ist lediglich die Kulisse, die ich vor mittlerweile zehn Jahren kennenlernen durfte. Meine Recherchen haben mich 2019 nach Naunhof geführt, wo ich auf einen äußerst freundlichen Archivleiter gestoßen bin. Vielen Dank für die Unterstützung!

Im September habe ich meine Tante in London besucht, um mit ihr ihren Geburtstag zu feiern. Wir unternehmen immer viel gemeinsam. Deshalb sind auch die nächsten zwei Bilder noch aus London: die All-gender-Toilette der Tate Modern und mein Selfie vor einem Prom-Konzert in der Royal Abert Hall. [Auch das Beitragsbild stammt vom diesjährigen London-Urlaub und ebenfalls aus der Tate Modern.]

Die nachhaltigste Veränderung 2019 war für mich aber die Begegnung mit dem FC Mohajer Leipzig, einer Fußballmannschaft, deren Spieler alle aus Afghanistan stammen. Da kann ich eigentlich nicht einen Link setzen; denn mein Blog ist voll von Fotos der Spieler und ihrer Gegner. Ich freue mich sehr, dass mich die Spieler so offenherzig und freundlich aufgenommen haben. Die Spieltage bedeuten mir sehr viel. Vielleicht setze ich einen Link zu dem Interkulturellen Fußballturnier des Bürgervereins Gohlis, mit dem für mich alles angefangen hat.

Seit November (bis etwa Mitte Januar 2020) sind meine Spieler-Porträts des FC Mohajer Leipzig im Café der VILLA zu sehen. Die Ausstellung wurde erst mit Vernissage eröffnet, um zwei Tage später noch ein Kicker-Turnier in der Ausstellung abzuhalten. Die Kalenderblätter werde ich natürlich hier auf dem Blog Monat für Monat präsentieren.

Mohammad Mirzayi, der Kapitän der Mannschaft, hat in diesem Jahr das Bistro Etria eröffnet. Es befindet sich in der Rosa-Luxemburg-Straße 10 und hat neben den üblichen Gerichten Döner und Pizza auch besondere Spezialitäten aus Afghanistan auf der Karte. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.

Das war mein Jahr 2019. Es ist noch mehr passiert. Aber diese zwölf Schlaglichter reichen schon, um mir vor Augen zu führen, wie gut es mir geht. Ich führe ein Leben an einem sicheren Ort in relativem Wohlstand, der mir auch das Reisen gestattet. Ich habe wunderbare Menschen in meinem näheren Umfeld und in der Welt verteilt, mit denen gemeinsam dieses Leben eine Freude ist.

Ich danke Gott für seine Güte und gehe demütig ins neue Jahr. Möge es mit eben so viel Freude beginnen! Ich wünsche uns allen ein gutes Jahr 2020 mit viel Liebe und Vernunft. Es gibt ja auch ein Menge Herausforderungen, auf die ich in meinem Text aber nun einmal nicht eingehen wollte. Gemeinsam werden wir auch dort erfolgreich sein. Inshallah!

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Training in Zeiten der beginnenden Weihnacht

Christen und Konsumenten bereiten sich endgültig auf den festlichen Höhepunkt des Jahres vor, während begeisterte Fußballer niemals aufhören zu trainieren. Ich war dabei und das kann ich beweisen:

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Das letzte Bild hat Mustafa von mir gemacht, der hier direkt neben mir zu sehen ist. Das Bild entstand im Bistro Etria, das von Mohammad betrieben wird (vorvorletztes Bild). Vielen Dank!

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Und noch ein Blick in das Bistro Etria in der Rosen-Luxenburg-Str. 10 :-)DSC_7947

FC Mohajer und das Bistro Etria

Eigentlich sollte heute ein Spiel des FC Mohajer Leipzig stattfinden. Dann war es aber doch nur ein Training in halber Besetzung. Und bald wurde es zu dunkel für meine Fähigkeiten im Bereich der Sportfotografie. Spaß gemacht hat es trotzdem.

Wir ließen dann den Nachmittag ausklingen im Bistro Etria. Das Bistro ist neu eröffnet. Der Kapitän des FC Mohajer hat da seine Finger im Spiel. Und ich möchte an dieser Stelle eine deutliche Empfehlung aussprechen. Der klassische Döner steht selbstverständlich auf der Speisekarte, neben Dürüm, Pizza und Pasta. Aber vor allem auch afghanisch-persische Gerichte gibt es hier, die man einmal probieren sollte.

Bistro Etria
Rosa-Luxemburg-Str. 10
04103 Leipzig
0177 4118289

Montag–Samstag 08:00–22:00 Uhr
Sonntag 09:00–22:00 Uhr

Nun muss es aber doch noch ein paar Bilder vom Training geben:

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Das letzte Bild ist dann bereits aus dem Bistro Etria und zeigt einen der beiden Betreiber. Viele Bilder habe ich nicht in anderen Formaten; aber zwei möchte ich noch ergänzen.

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Der Zustand der Welt gespiegelt in 10 historischen Ereignissen

Heute vor 53 Jahren wurde Jimmy Wales geboren, der Vater von Wikipedia. Ich spreche gern von Wikipedia als dem größten friedlichen Menschheitsprojekt, das es je gab. Und bitte: such ein anderes Projekt von dieser Größe und diesem globalen, den Menschen dienenden Ansatz. Ihr werdet nichts Vergleichbares finden.

Ohne Wikipedia fiele es mir auch viel schwerer, meine geliebten Top-Five-Listen zu verfassen, für die ich meist Geburts- oder Todestage berühmter Persönlichkeiten aufstelle.  Nun also, zum Geburtstag des Wikipedia-Begründers eine doppelte Top-Five-Liste von geschichtlichen Ereignissen an einem 7. August (inkl. zweier weiterer Geburtstage), in der sich auch der gegenwärtige Zustand unserer Welt spiegelt:

  • 936 wird Otto I. der Große (912–973) im Aachener Münster zum König des Ostfränkischen Reiches gekrönt. 26 Jahre später ist er dann der erste römisch-deutsche Kaiser.
  • 1485 bricht zum ersten Mal eine bis heute nicht eindeutig zugeordnete Krankheit in England aus – die Schweißsucht oder der Englische Schweiß. In fünf Seuchenwellen rafft sie Tausende dahin, bis sie 1551 wieder verschwindet.
  • 1495 wird auf dem Reichstag zu Worms vom König und späteren Kaiser Maximilian I. der Ewige Landfriede verkündet. Damit waren Fehden und Kleinkriege zwischen den Häusern innerhalb des Reiches – zumindest offiziell – untersagt.
  • 1867 wurde Emil Nolde geboren. Der außerordentlich begabte Expressionist zählte nach dem Krieg als Opfer des Nationalsozialismus. Tatsächlich war er selbst glühender Anhänger dieser verbrecherischen Ideologie. Heute müssen wir nun darum ringen, ob man Werk und Künstler trennen kann oder nicht.
  • 1869 wird in Eisenach der Gründungskongress der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Vorläufer der SPD) eröffnet. Am zweiten Tag erfolgte dan der tatsächliche Gründungsakt. Mit dabei: August Bebel und Wilhelm Liebknecht, der wiederum am 7. August 1900 verstarb.
  • 1883 wurde Joachim Ringelnatz in Wurzen geboren. Bei diesem expressionistischen Dichter muss nichts von etwas anderem getrennt werden. Man sollte ihn viel häufiger lesen. Und deshalb folgt der Liste ein schönes Gedicht von ihm.
  • 1908 wird bei Arbeiten zur Donauuferbahn in Willendorf eine steinzeitliche Figurine entdeckt. Heute kann man die Venus von Willendorf im Naturhistorischen Museum in Wien bewundern. Auf Facebook kann man Bilder dieser 25.000 Jahre alten Darstellung praller Weiblichkeit nicht in jedem Fall veröffentichten. Es kam 2017 vor, dass sie als Pornografie eingeschätzt und zensiert wurde.
  • 1947 landete der norwegische experimentelle Archäologe Thor Heyerdahl mit seinem Floß Kon-Tiki auf dem Atoll Raroia. Er bewies damit praktisch, dass eine Besiedlung Polynesiens von Südamerika aus möglich war.
  • 1964 verabschiedete der US-amerikanische Kongress die Tonkin-Resolution. Diese ermächtigte den Präsidenten Lyndon B. Johnson zum Eintritt in den Krieg gegen Nord-Vietnam. 2005 veröffentlichte der NSA Dokumente, die bestätigen, dass der vorher an Johnson gemeldete Angriff gezielt vorgetäuscht worden war.
  • 2008 beginnt in der Nacht zum 8. August der Kaukasuskrieg zwischen Russland und Georgien. Seitdem sind die Regionen Südossetien und Abchasien Autonome Republiken auf georgischem Gebiet.

Nun Schluss damit! Und ein Liebesgedicht von Ringelnatz; wie versprochen.

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

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Anschlag auf Betende in Christchurch, Neuseeland

Sie sagten zu ihm: Herr, komm und sieh!
Da weinte Jesus.
Johannes 11, 34b–35

KiwiMond_JesusWeint_Christchurch

Links
https://www.christchurchnz.com/
https://www.theguardian.com/world/video/2019/mar/15/mass-shooting-at-two-christchurch-mosques-video-report
https://edition.cnn.com/asia/live-news/new-zealand-christchurch-shooting-intl/index.html
http://www.spiegel.de/politik/ausland/christchurch-anschlag-auf-moschee-er-wollte-keine-ueberlebenden-a-1258021.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Anschlag_auf_zwei_Moscheen_in_Christchurch