Vios Videos – nach 12 Jahren veröffentlicht

Gut Ding will Weile, sagt der Volksmund. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet muss das Projekt Vios Videos wohl grandios sein. Sechs Videos nehmen mit Ausdruckstanz zu mal mehr mal weniger bekannten Pop-Songs Stellung zu aktuellen Gesellschaftspolitischen Themen. Da muss dann schon die Einschränkung hinein: vor 12–13 Jahren waren diese Themen aktuell. Manche sind wohl heute eher historisch, andere erschreckend aktuell geblieben. Ach, was soll das Gerede? Einfach mal anschauen:

Todestage von Weltveränderern

Die Welt verändern! Einen Anstoß geben, der die Kugel in eine andere – und hoffentlich zukunftsträchtigere – Richtung weiterrollen lässt. Das ist der Traum vieler Menschen. Ich muss gestehen, dass ich wohl auch in diese Gruppe gehöre; in die der Träumer. Nun ist nicht jede Veränderung gleich eine Verbesserung. Im Wandel der Zeit kann sich die Bewertung ändern. Und oft sind sich unterschiedliche Interessengruppen gar nicht einig über die Bewertung einer Veränderung. So oder so, die fünf Personen auf meiner Top-Five-Liste heutiger Todestage haben diese Welt verändert zurückgelassen.

  • Johann Baptist Strauss (1825–1899) – Der Walzerkönig von Wien. Sein gleichnamiger Vater zeichnet verantwortlich für den Radetzky-Marsch, er schrieb die großen Walzer wie An der schönen blauen Donau, Wiener Blut und den Kaiser-Walzer sowie Operetten: Die Fledermaus und Der Zigeunerbaron, um nur zwei zu nennen. Langezeit waren romantische Szenen in Filmen ohne seinen musikalischen Beitrag schier unmöglich.
  • Franz Kafka (1883–1924) – Seitdem Max Brod die Texte Kafkas veröffentlichte, ist der Deutschunterricht wieder spannend. Das stimmt so natürlich nicht; denn erstmal waren Kafkas Texte in Nazi-Deutschland verboten. Auch ohne Nobelpreis steht dieses Werk monolithisch in der Landschaft der Weltliteratur.
  • Johannes XXIII. (1881–1963) – Noch unter dem bürgerlichen Namen Angelo Giuseppe Roncalli setzte er sich für Christen in der neu gegründeten Türkei und Juden aus Nazideutschland ein. Als Papst berief er das Zweite Vatikanische Konzil ein, das unter seinem Nachfolger Paul VI. zum Abschluss kam. In seiner letzten Enzyklika Pacem in terris (Friede auf Erden) weist Johannes XXIII. die Akteure des Kalten Krieges daraufhin, dass Streitigkeiten nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verträge und Verhandlungen beizulegen sind.

  • Nâzım Hikmet (1902–1963) – Der Dramatiker und Lyriker gilt als Begründer der modernen türkischen Lyrik. Das heißt nicht, dass er zu Lebzeiten in seiner Heimat wohlgelitten gewesen wäre. Er starb im russischen Exzil. 2009 bekam er postum die türkische Staatsbürgerschaft zurück. Die letzte Strophe aus seinem Gedicht Davet (Einladung) kennt man in Deutschland vor allem als Refrain des Liedes Leben einzeln und frei von Hannes Wader.

  • Ruhollah Musawi Chomeini (1902–1989) – Er ist die zentrale Figur der Islamischen Revolution, die 1979 zur Absetzung des Schahs Pahlavi in Persien und zur Gründung der Islamischen Republik Iran führte. Seitdem hieß er Ajatollah und ersetzte das alte Unrechtsregime durch ein neues. Ich persönlich bin ein religiöser Mensch; doch bin ich auch ein Verfechter der Gewaltenteilung. Chomeini sieht das anders. Bereits 1943 schrieb er: Die islamische Regierung ist die Regierung des göttlichen Rechts, und ihre Gesetze können weder gewechselt, noch geändert, noch angefochten werden.

Davet

Dörtnala gelip Uzak Asya’dan
Akdeniz’e bir kısrak başı gibi uzanan
bu memleket, bizim.

Bilekler kan içinde, dişler kenetli, ayaklar çıplak
ve ipek bir halıya benziyen toprak,
bu cehennem, bu cennet bizim.

Kapansın el kapıları, bir daha açılmasın,
yok edin insanın insana kulluğunu,
bu dâvet bizim.

Yaşamak bir ağaç gibi tek ve hür
ve bir orman gibi kardeşçesine,
bu hasret bizim!

Einladung

Dieses Land, das im Galopp aus dem fernen Asien kam
und sich wie ein Stutenkopf ins Mittelmeer streckt,
dieses Land ist unser.

Blutige Handgelenke, zusammengepresste Zähne, nackte Füße,
und die einem seidenen Teppich gleichende Erde,
diese Hölle, dieses Paradies sind unser.

Sich einem andern zu verdingen, damit soll Schluss, endlich Schluss sein,
schafft ab die Knechtschaft des Menschen durch den Menschen!
Diese Einladung ist unser.

Leben! Wie ein Baum, einzeln und frei
und brüderlich wie ein Wald,
diese Sehnsucht ist unser!

(Übersetzung von Helga Dagyeli-Bohne und Yildirim Dagyeli. In: Hikmet, Nazim; Die Luft ist schwer wie Blei. Hava Kursun Gibi Agir. Gedichte. Übersetzt und herausgegeben von Dagyeli-Bohne und Yildirim Dagyeli. Berlin 2000)

Drei weitere Todestage möchte ich nicht unerwähnt lassen, weil auch sie mir wie beim Tod Chomeinis zeigten, dass ich gerade das Ende einer Ära erlebe:

  • Anthony Quinn (1915–2001)
  • David Carradine (1936–2009)
  • Muhammad Ali (1942–2016)

Wollen wir in so einer Welt wirklich leben?

Ich schreibe. Ich liebe es, Gedichte zu verfassen, Bildergeschichten zu zeichnen und Erzählungen zu schreiben. Ich nenne mich gern einen Mann des Wortes (und der Wörter). Aber heute scheint mir jedes Wort, das ich benutze, so unpassend zu sein. Diese verrückte, trunkene, leidende und brutale Welt. Wie kann ein Mensch auf ihr bestehen? Wie können wir hoffen, eine Zukunft zu haben? Oder im Geiste des Literaturnobelpreisträgers William Golding: Wann kommen die Eltern zurück und nehmen uns die Erde ab, weil wir noch immer nicht mit ihr umgehen können?

Gerne zähle ich in diesem Blog zu einem Thema oder einem Datum fünf Punkt auf, die ich dann als meine persönliche Top-Five-Liste apostrophiere. Auch der Begriff ist heute so unpassend wie selten. Dennoch eine Liste mit fünf Punkten, die mich verzweifeln lassen.

  • Heute wurde ein Terroranschlag in Kabul verübt. Bisher sprechen die Nachrichten von 90 Toten und hunderten Verletzten. Mit dieser Opferzahl ist der Anschlag besonders verheerend. Auch die deutsche Botschaft ist von diesem Anschlag betroffen. Um das Botschaftspersonal zu entlasten – und deutlich hervorgehoben nur deshalb – werde die Abschiebung nach Afghanistan für heute ausgesetzt. Afghanistan sei immer noch ein teilweise sicheres Herkunftsland und Anschläge gebe es auch in anderen Ländern, muss ich da von angeblich christlichen Parteigängern lesen.
  • In Nürnberg wird ein 20-jähriger Afghane aus der Berufsschulklasse abgeholt, um abgeschoben zu werden. Mitschüler und auch Passanten solidarisieren sich. Um die 300 Personen demonstrieren schließlich für den Verbleib des offensichtlich integrationswilligen jungen Mannes. Phasenweise droht der Protest zu eskalieren. Die Polizei setzt Pfefferspray ein und verhaftet einzelne Protestierende.
  • US-amerikanische Medien melden, dass Präsident Trump sich bereits entschieden hätte, das Pariser Klimaabkommen aufzukündigen. Einer der größten CO2-Emittenden verweigert somit die internationale Zusammenarbeit zum Bewahren der Schöpfung.
  • Die AfD fälscht das Cover des Buches von Justizminister Heiko Maas. Statt des Untertitels „Eine Strategie gegen Rechts“ steht dort nun „Eine Strategie gegen das Recht“. Natürlich wird so etwas schnell aufgeklärt. Aber in dem Fake-New-Taumel gehen uns die  Mittel zum Diskurs verloren. Vorher wurden Worte von Margot Käßmann bewusst aus dem Zusammenhang gerissen, sodass es klang, als würde sie alle Deutschen ohne Migrationshintergrund als Nazis bezeichnen. Immer noch werden dann solche Meldungen unbedarft geteilt und weiterverbreitet. Sind die Sozialen Medien noch zu retten? Oder werden sie zu einer Grauzone verkommen wie die sprichwörtliche Hafenkneipe?
  • Nachdem ein rechtsextremer Bundeswehroffizier als vermeintlicher Syrer Asyl erhalten hatte, wurden 2000 weitere Asylverfahren überprüft. Ein vergleichbarer Fall sei nicht entdeckt worden. Es sollten aber nun bis 100.000 weitere Asylverfahren der letzten zwei Jahre überprüft werden. In der Zwischenzeit warten weitere Menschen auf eine Lebensperspektive und ihre Papiere, von denen diese abhängt.

Ich möchte das alles nicht. Diese Welt möchte ich nicht. Aber ich weiß nicht, wie wir das ändern können. Heute Abend bin ich verzweifelt und sehr traurig.

Thinking Day und Todestage

Heute ist der Thinking Day. Seit 1932 feiern Pfadfinder weltweit den Geburtstag ihres Gründervaters Robert Stephenson Smyth Baden-Powell (22. Februar 1857). Heute ist also sein 160. Geburtstag. Roberts Frau Olave hat übrigens auch am 22. Februar Geburtstag. Nur nicht im selben Jahr. Sie war 32 Jahre jünger und starb, als ich bereits auf der Welt und schon vier Jahre alt war. Vor zehn Jahren wurde der Thinking Day größer angelegt. Neben dem 150. Geburtstag Baden-Powells gab es da noch das 100-jährige Bestehen der Pfadfinderbewegung zu feiern. Heute ist er wohl eher eine vereinsinterne Angelegenheit.

Heute vor 74 Jahren wurden Hans und Sophie Scholl gemeinsam mit Christoph Probst in München hingerichtet. Sie bildeten die studentische Widerstandsgruppe Weiße Rose. Ein Satz von Sophie Scholl hat sich mir besonders eingeprägt: Man muss etwas machen, um selbst keine Schuld zu haben. Dazu brauchen wir einen harten Geist und ein weiches Herz. Wir haben alle unsere Maßstäbe in uns selbst, nur suchen wir sie zu wenig.

Die Hauptsache meines heutigen Blogeintrags ist aber eine Top-Five-Liste runder Todestage in zeitlicher Reihenfolge:

  • Heute vor 220 Jahren starb Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen (1720–1797), der als Lügenbaron in den Texten von Gottfried August Bürger weiterlebt, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht und auf Kanonenkugeln reitet.
  • Vor 30 Jahren starb eine ähnlich schillernde Persönlichkeit. Andy Warhol (1928–1987). Ich war bereits 14 Jahre alt blieb aber damals vom Tod des großen Pop-Artisten unbeeindruckt. Heute weiß ich um den des Werkes, das die Digitalisierung traumwandlerisch vorwegnahm.
  • Vor 15 Jahren starb der Zeichner, Regisseur und Drehbuchautor Chuck Jones (1912–2002). Den Namen kennt wohl kaum einer. Seine Looney Tunes kennt fast jeder. Zahlreiche Oscarnominierungen erhielt Jones für seine Arbeiten. Dreimal gewann er den Oscar. Ein vierter kam für sein Lebenswerk hinzu.
  • Vor 10 Jahren starb Lothar-Günther Buchheim (1918–2007). Er war Maler, Fotograf, Filmemacher, Autor und Verleger. In Erinnerung bleibt er uns für den Roman Das Boot, der in meinem Geburtsjahr 1973 herauskam. Aber wer liest schon so einen Schinken? 1981 verfilmte Wolfgang Petersen den Roman mit Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer und vielen anderen bekannten Schauspielern.
  • Vor 5 Jahren starben die US-amerikanische Journalistin Marie Colvin (1956–2012) und der französische Fotograf Rémi Ochlik (1983–2012) bei einem Artillerieangriff im syrischen Homs. Der Bürgerkrieg in Syrien hat zigtausende unschuldige Opfer gefordert. Diese beiden stehen für Menschen aus unserem Umfeld. Dadurch rückt das Geschehen näher an uns heran.

Geburtstag von W. H. Auden

Am 21. Februar 1907, heute vor 110 Jahren, wurde Wystan Hugh Auden im englischen York geboren. Auch wenn Auden heute dem durchschnittlich gymnasial Gebildeten kaum bis gar nichts sagt, sind sein Leben und Schaffen auch mit Deutschland verbunden. 1929 lebte er mit seinem Partner Christopher Isherwood in Berlin. Isherwood schrieb mit Goodbye to Berlin die Vorlage für Cabaret und später das traurige Alterswerk A Single Man, 2009 von Tom Ford mit Colin Firth in der Hauptrolle kongenial umgesetzt. W. H. Auden schrieb viele Libretti, u.a. für Benjamin Britten. Auch Leonard Bernstein ließ sich von Texten Audens inspirieren. 1948 erhielt er den Pulitzer-Preis für seinen Dialog in Versen: The Age of Anxiety.

1935 heiratete er Erika Mann, die älteste Tochter Thomas Manns, um ihr zur britischen Staatsbürgerschaft zu verhelfen. Die Mann-Familie war von den Nazis ausgebürgert worden. 1939 zog er nach New York; sieben Jahre später wurde er amerikanischer Staatsbürger. Seinen Lebensabend verbrachte Auden in Österreich. Er starb in Wien in meinem Geburtsjahr 1973.

Aus dem Jahre 1939 stammt der Refugee Blues, der noch vor Kriegsbeginn die Situation der aus Deutschland Geflüchteten beschreibt. Ob mit der Stadt der zehn Millionen Seelen noch London oder bereits New York gemeint ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Greater London hatte in den 30er Jahren bereits 8 Millionen Einwohner, New York City erst 7 Millionen. Einige Stellen beziehen sich sehr konkret auf die Situation Ende der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Erschreckend für mich ist jedoch, dass dieser Refugee Blues auch heute wieder gesungen werden kann. If we let them in, they will steal our daily bread … Lasst uns doch endlich menschlicher miteinander umgehen!

Refugee Blues

Say this city has ten million souls,
Some are living in mansions, some are living in holes:
Yet there’s no place for us, my dear, yet there’s no place for us.

Once we had a country and we thought it fair,
Look in the atlas and you’ll find it there:
We cannot go there now, my dear, we cannot go there now.

In the village churchyard there grows an old yew,
Every spring it blossoms anew;
Old passports can’t do that, my dear, old passports can’t do that.

The consul banged the table and said:
‚If you’ve got no passport, you’re officially dead‘;
But we are still alive, my dear, but we are still alive.

Went to a committee; they offered me a chair;
Asked me politely to return next year:
But where shall we go today, my dear, but where shall we go today?

Came to a public meeting; the speaker got up and said:
‚If we let them in, they will steal our daily bread‘;
He was talking of you and me, my dear, he was talking of you and me.

Thought I heard the thunder rumbling in the sky;
It was Hitler over Europe, saying: ‚They must die‘;
We were in his mind, my dear, we were in his mind.

Saw a poodle in a jacket fastened with a pin,
Saw a door opened and a cat let in:
But they weren’t German Jews, my dear, but they weren’t German Jews.

Went down the harbour and stood upon the quay,
Saw the fish swimming as if they were free:
Only ten feet away, my dear, only ten feet away.

Walked through a wood, saw the birds in the trees;
They had no politicians and sang at their ease:
They weren’t the human race, my dear, they weren’t the human race.

Dreamed I saw a building with a thousand floors,
A thousand windows and a thousand doors;
Not one of them was ours, my dear, not one of them was ours.

Stood on a great plain in the falling snow;
Ten thousand soldiers marched to and fro:
Looking for you and me, my dear, looking for you and me.

Der Text ist im Stil eines klassischen Blues geschrieben. Da liegt es natürlich nahe, den Text auch zur Gitarre zu singen. Ich habe es selbst gerade probiert, erspare euch aber eine Aufnahme davon. Auf YouTube findet man einige Versionen. Teilen möchte ich eine Dub-Version, die sich direkt auf die heutige Situation von Geflüchteten bezieht.

Aus aktuellem Anlass noch einmal der Link zu einem anderen Blog-Eintrag mit der Bitte um Beteiligung:
http://zweitgeborener.de/2016/12/keine-abschiebungen-nach-afghanistan/

Goethe, Papa Heuss und die Verfassung der Türkei

Vor genau 80 Jahren, am 5. Februar 1937 wurde die erst 14 Jahre alte Verfassung der Türkei geändert, um in Artikel 2 die sechs Pfeile genannten Grundsätze des Kemalismus aufzunehmen. Von Mustafa Kemal Pascha, genannt Atatürk (Vater der Türkei) gehen diese Pfeile aus. Der Artikel 2 der Türkischen Verfassung lautete nun:

Das Türkische Reich ist republikanisch, nationalistisch, volksverbunden, interventionistisch, laizistisch und revolutionär. Seine Amtssprache ist türkisch. Seine Hauptstadt ist die Stadt Ankara.

Die sechs Pfeile bedürfen wohl einer Erklärung:

  • Republikanisch – Cumhuriyetçi – Die Monarchie in Form von Sultanat oder Kalifat waren abgeschafft. Dies erste Wort der Auflistung ist den Staaten Europas allgemein vertraut.
  • Nationalistisch – Milliyetçi – Das Osmanische Reich war ein Vielvölkerstaat. Nun sollte mit einer neuen Schrift und einer Sprache ein Nationalstaat mit einem neuen Bewusstsein entstehen. „Glücklich derjenige, der sich als Türke bezeichnet“, sagt Atatürk und meint, dass jeder Türke werden könne, wenn er sich Türke nenne und an die türkischen Gesetze halte. Kurden und Armenier sehen diesen Punkt skeptisch.
  • Volksverbunden – Halkçı – Gern auch übersetzt mit populistisch, allerdings nicht im heutigen Sinne zu verstehen. Gemeint ist die Aufhebung von Klassenunterschieden und die Gleichstellung von Mann und Frau. Um diese zu gewährleisten, hatte die Türkei schon früh ein Kopftuchverbot. Das Wissen darüber ist heute in Europa nicht weit verbreitet.
  • Interventionistisch – Devletçi – Die Form des staatlichen Eingreifens in die Wirtschaft wird auch Etatismus genannt. Sie erinnert in manchen Zügen an die sozialistische Planwirtschaft. Es ging um das Bemühen, aus einem Agrarland einen modernen Industriestaat zu formen.
  • Laizistisch – Laik – Die Trennung von Staat und Kirche ist ein erklärtes Ideal der europäischen Staaten. Innerhalb der EU haben dies allerdings nur Frankreich, Tschechien und Portugal konsequent in ihrer Verfassung verankert. Auch in Deutschland gibt es Hintertürchen, welche die einen für bedenklich und die anderen für erfreulich halten. In der Türkei hat der Laizismus dazu geführt, dass die Moscheen nicht mehr den Staat mitlenken, sondern andersherum der Staat in die Moscheen hineinregiert, was auch nicht unbedingt das Ziel sein kann.
  • Revolutionär – Devrimcidir –Der Begriff zielt auf die Herausforderungen, die noch zu meistern waren bzw. bis noch sind. Die Türkei begriff sich seinerzeit als ein Land im Wandel. Diese Aufbruchstimmung kennt man sonst nur aus den sozialistischen Staaten.

Die Geschichte der Türkei ist wechselhaft. Zweimal griff das Militär nachhaltig ein. Heute lautet Artikel 2 der Türkischen Verfassung:

Die Republik Türkei ist ein im Geiste des Friedens der Gemeinschaft, der nationalen Solidarität und der Gerechtigkeit die Menschenrechte achtender, dem Nationalismus Atatürks verbundener und auf den in der Präambel verkündeten Grundprinzipien beruhender demokratischer, laizistischer und sozialer Rechtsstaat.

Aber was geht uns die Türkei und ihre verschiedenen Verfassungen an, von denen die aktuelle wahrscheinlich bald wieder umgeschrieben sein wird? Immerhin verbindet Deutschland mit der Türkei eine ganze Menge. Deutsche Linguisten entwickelten die türkische Schriftsprache mit Lateinischen Buchstaben. Türkische Gastarbeiter leben seit Jahrzehnten in Deutschland und fühlen sich mal türkisch, mal deutsch, mal deutsch-türkisch und manchmal leider auch überall fremd. Der große Goethe nahm im Faust die Türkei als Bild für weit entferntes Leid, als zwei Bürger kurz vor dem berühmten Osterspaziergangsmonolog zueinander sprechen:

Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

Herr Nachbar, ja! so laß ich’s auch geschehn:
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durcheinander gehn;
Doch nur zu Hause bleib’s beim alten.

Nun kann man in einem deutschen Text immer mal Goethe zitieren, auch ohne das weiter begründen zu müssen. Die Passage passt ja auch ausgezeichnet zum Jubiläum der Verfassungsänderung inkl. zukünftiger Veränderungen und dem Krieg dies- und jenseits der südöstlichen Grenzen der Türkei. Goethe passt hier besonders, weil man ihm nachsagt, selbst ein Produkt gelungener Integration zu sein. Überspitzt könnte man sagen: Goethe war vielleicht ein Deutsch-Türke.

Die Geschichte beginnt mit dem Soldaten Mehmet Sadık Selim Sultan (1270–1328), der sich 1305 in Brackenheim in der Johanniskirche taufen ließ, wo er auch bestattet wurde. Unter dem Namen Johann Soldan gilt als der erste türkisch-stämmige Deutsche. Nun liegen zwischen der Taufe Soldans und Goethes Geburt glatte 444 Jahre, aus denen überlieferte Aufzeichnungen lückenhaft sind. Daher wird es wohl nie Gewissheit darüber geben. Mir gefällt aber die Idee.

Vor allem in arabischen Ländern gibt es ein weiteres Bonmot über den Dichterfürsten. Heimlich ein Muslim soll er gewesen sein. Tatsächlich fast der Ehrenpräsident der Goethe-Gesellschaft Werner Keller 2013 zusammen: Die Kreuzessymbolik war für Goethe ein Ärgernis, die Lehre von der Erbsünde eine Entwürdigung der Schöpfung, Jesu Vergottung in der Trinität eine Blasphemie des einen Gottes. (Goethe-Jahrbuch, Band 130) Das hat Goethe mit der Mehrheit der Muslime gemeinsam. Doch gerade im West-Östlichen Diwan sagt er, Mohammed habe seinem Stamme eine düstere Religionshülle übergeworfen. Goethes Blick auf Wein, Weib und Gesang war kein muslimischer. Und dieser Dreiklang ist an eben dieser Stelle nicht trivial.

Aus Brackenheim stammt aber nicht nur der erste urkundlich gesicherte Deutsch-Türke und vermutete Goethe-Ahn. Ein wichtiger Sohn der Stadt ist Theodor Heuss, der als erster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland das Väterliche seines Amtes in den Kosenamen gelegt bekommen hat: Papa Heuss. Damit schließt sich fast der Kreis zu Atatürks Verfassung und der heute vor 80 Jahren durchgeführten Verfassungsänderung.

Papa Heuss sagte 1956 in seiner Rede an die Jugend: Das Wesen des Abendlandes lässt sich bildhaft damit beschreiben, dass es auf drei Hügeln ruht: Akropolis, Kapitol und Golgatha. In Deutschland herrscht Religionsfreiheit. Aber in der Präambel des Grundgesetzes gibt es den Gottesbezug. Laizistisch ist die Bundesrepublik Deutschland nicht.

Links
http://www.verfassungen.eu/tr/tuerkei24-index.htm – deutsche Übersetzung der Verfassung um 1937
http://www.verfassungen.eu/tr/tuerkei82.htm – deutsche Übersetzung der aktuellen Verfassung
http://gutenberg.spiegel.de/buch/faust-eine-tragodie-3664/1 – Faust I im Projekt Gutenberg

Wrocław und Abbas Khider

Das war wieder eine längere Posting-Pause. Zwei Polen-Aufenthalte und auch ein wenig die Arbeit haben sie nötig werden lassen. In den letzten Tagen überlegte ich, ob und welche Fotos ich von meinen Fahrten nach Breslau, Krakau und Auschwitz posten sollte. Aber irgendwie fühle ich mich gar nicht danach.

Seit einigen Tagen gährt in mir viel Wut und Traurigkeit, wenn ich an Bautzen denke. Ich höre die Meldungen, lese die Artikel und kann nicht fassen, wie das Geschehen so lakonisch aufgenommen werden kann. Mir fällt kein konstruktiver Lösungsansatz ein. Nach einem Urlaubsboykott von Usedom muss wohl auch Bautzen auf die Liste. Bei der Ersten Hilfe gilt es ja auch, die eigene Gefährdung zu vermeiden. Aber da muss noch etwas folgen. Wir können die unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten doch nicht in solcher Gesellschaft lassen!

Eine Polen-Impression passt an dieser Stelle. Breslau/Wrocław ist in diesem Jahr Kulturhauptstadt Europas. Einiges was in diesem Rahmen veranstaltet wurde habe ich wahrgenommen. Eins allerdings nicht, weil es eine Terminüberschneidung gab. Im stillgelegten Świebodzki Bahnhof (ehemals Freiburger Bahnhof) war ein genreübergreifendes Kunstprojekt untergebracht zum Thema Flüchtlinge. Der allgemein Titel lautet auf Englisch:

unfinished palace,
migrating people,
moving border /
european songlines

Schon dieser Titel hat mich für dieses Projekt eingenommen, spielt er doch auf die im Deutschen Traumpfade genannten Wege der australischen Ureinwohner. Bruce Chatwin hat einen wunderbaren Roman unter dem Titel „The Songlines“ veröffentlicht. Eine wichtige These Chatwins ist, dass die Sesshaftigkeit des sich entwickelnden Menschen der eigentliche Sündenfall ist. Mit ihr komme das Besitzstreben – über Tragbares hinaus. Besonders interessiert hätte mich die Multimedia-Inszenierung „Don’t Be So Sure That You Are Legal“ im Rahmen der European Songlines. Wir sind uns in Deutschland ja so sicher. Wir geben auch gerne neunmalkluge Ratschläge, was ein junger Flüchtling besser hätte machen sollen, anstatt nach Europa zu kommen. Woher nehmen wir dieser Dreistigkeit? Und was passiert, wenn wir einmal wieder gute Gründe finden für eine Flucht?

In der selben Zeit hat mich eine gute Freundin auf den Autoren Abbas Khider aufmerksam gemacht. Er ist auf den Tag genau eine Woche jünger als ich, hat aber eine vollkommen andere Biografie. Khider wurde in Bagdad geboren und lebt seit 2000 in Deutschland. Was ihn zur Flucht bewogen hat und auf welchen verworrenen Wegen sie letztendlich gelang, ist – künstlerisch überformt und verfremdet – Inhalt seines ersten Romans „Der falsche Inder“, den ich an dieser Stelle rückhaltlos empfehlen möchte. Khider schreibt übrigens auf Deutsch. Das nenne ich eine Integrationsleistung. Sein jüngstes Werk „Ohrfeige“ schildert die Lage der Flüchtlinge in den Fängen der deutschen Bürokratie. Ebenfalls sehr lesenswert. Es ist vom WDR zu einem knapp einstündigen Hörspiel verarbeitet worden, das auch auf CD erhältlich ist.

Links
http://niedokonczonydom.pl/en/
http://europaoculta.de/
http://www.wroclaw2016.pl/
http://www.abbaskhider.com/

175 Jahre Lied der Deutschen

Heute vor 175 Jahren dichtete August Heinrich Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland Das Lied der Deutschen, dessen dritte Strophe die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland ist. Die Geschichte beginnt allerdings in Österreich mit einer Hymne auf den Kaiser Franz II., dem letzten Kaiser der Heiligen Römischen Reiches und dem Begründer Kaisertums Österreich. Lorenz Leopold Haschka (1749–1827) hat sie 1796 geschrieben und noch im gleichen Jahr begann Joseph Haydn (1732–1809) die Komposition eines Streichquartetts, wahrscheinlich von einem kroatischen Volkslied inspiriert, das bis heute die Melodie der deutschen Nationalhymne werden sollte. Die erste Strophe des Textes von Haschka lautet:

Gott erhalte Franz, den Kaiser,
Unsern guten Kaiser Franz!
Lange lebe Franz, der Kaiser,
In des Glückes hellstem Glanz!
Ihm erblühen Lorbeerreiser,
Wo er geht, zum Ehrenkranz!
Gott erhalte Franz, den Kaiser,
Unsern guten Kaiser Franz!

Der mit dem Liedgut Mitteleuropas tief vertraute Sprachwissenschaftler und Vormärz-Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben arbeitete sich an der Kaiserhymne immer wieder ab. 1841 veröffentlicht er im zweiten Teil seiner Unpolitischen Lieder unter dem Titel Syrakusaise ein Gedicht, was sich nicht nur auf die gleiche Melodie singen lässt. Es hat mit auch das Herrscherlob zum Thema. Den Tyrannen Dionys kennt der deutsche Schüler bereits aus Schillers Bürgschaft.

Gott erhalte den Tyrannen,
Den Tyrannen Dionys!
Wenn er uns des Heils auch wenig
Und des Unheils viel erwies,
Wünsch’ ich doch, er lebe lange,
Flehe brünstig überdies:
Gott erhalte den Tyrannen,
Den Tyrannen Dionys!

Eine Alte sprach im Tempel
Eines Tages dies Gebet.
Der Tyrann kam just vorüber,
Wüßte gerne, was sie tät:
Sag mir doch, du liebe Alte,
Sag, was war denn dein Gebet?
Ach, ich habe nur gebetet,
Nur für Eure Majestät.

Als ich war ein junges Mädchen,
Fleht’ ich oftmals himmelan:
Lieber Gott, gib einen Bessern!
Und ein Schlecht’rer kam heran;
Und so kam ein zweiter, dritter
Immer schlechterer Tyrann;
Darum fleh ich heute nur noch:
Gott erhalt’ uns dich fortan!

Im Jahre 1844 veröffentlichte Hoffmann von Fallersleben, der mittlerweile aufgrund seiner Unpolitischen Lieder seinen Lehrauftrag in Breslau verloren hatte, in Paris das Büchlein Maitrank, in dem der folgende Text Kriech Du und der Teufel ebenfalls auf die Haydn-Melodie gesungen werden kann. Als Hinweis steht dem Gedicht voran, man könne die Melodie von O Berlin, ich muß dich lassen verwenden, einem zeitgenössischen Lied.

Ja, verzeihlich ist der Großen
Übermut und Tyrannei,
Denn zu groß und niederträchtig
Ist des Deutschen Kriecherei.
Sieht ein Deutscher seines Fürsten
Höchsterbärmlich schlechten Hund,
Tut er gleich in schönen Worten
Seine Viehbewundrung kund.

Sieht ein Deutscher seines Fürsten
Altersschwaches steifes Pferd,
Ist er freudig doch ergriffen
Von des Gaules früherm Wert.
Sieht ein Deutscher seines Fürsten
Allerältstes Hoffräulein,
Denkt er eine Bürgerstochter
Könne doch so schön nicht sein.

Sieht ein Deutscher seines Fürsten
Jämmerlichsten Kammerherrn,
Steht er still und grüßt in Ehrfurcht,
Und er sieht ihm nach von fern.
Sieht er nun den Fürsten selber,
O, wie ist er dann entzückt!
Wenn Durchlauchet ihn wieder grüßet,
Nun, dann ist er fast verrückt.

Er erzählt es allen Menschen,
Welche Gnad ihm widerfuhr,
Daß Durchlaucht ihn hat gewürdigt
Mehr als eines Blickes nur.
Er erzählet Kindeskindern:
Ja, ich habe ihn gesehen!
Und bei Gott! nun kann ich ruhig,
Ruhig in die Grube gehn.

Im gleichen Jahr wie der zweite Teil der Unpolitischen Lieder schrieb er im britischen Exil und veröffentlichte im vergleichsweise liberalen Hamburg Hoffmann von Fallersleben das Lied der Deutschen. Die drei Strophen sollten von da an das Schicksal der deutschen Nation begleiten.

Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!

Das gesamte Lied der Deutschen ist kein Kampflied. Auch die erste Strophe ist nicht der Besitzanspruch eines Nationalstaates auf heute zu anderen Nationen gehörenden Territorien. Es ist der schwärmerische Ausruf eines Exilierten. Die Maas (frz. Meuse) fließt durch Frankreich und Belgien und die Etsch (ital. Adige) in Italien. Der Belt gehört zu Dänemark und die Memel ist heute ein Fluss in Litauen. Die zweite Strophe ist aus heutiger Sicht fast ein wenig seicht. Politisch findet man in ihr nicht viel; man sieht aber, dass der Text doch in der Zeit des Dichters verhaftet ist. Heute würde es wohl nicht als politisch korrekt betrachtet werden, Frauen mit Wein und Gesang zu vergleichen. Immerhin kommt da wenigstens noch die Treue hinzu. Die dritte Strophe ist doch wohl die gekonnteste. Die Vision von Einigkeit, Recht und Freiheit. Dem Text lässt sich nicht widersprechen. Ein solches Land möchte ich auch, heute noch, vielleicht mehr denn je.

Am 11. August 1922 erhob die erste sozialdemokratische Regierung das Lied der Deutschen zur Nationalhymne. In einer Ansprache sagte er: Einigkeit und Recht und Freiheit! Dieser Dreiklang aus dem Liede des Dichters gab in Zeiten innerer Zersplitterung und Unterdrückung der Sehnsucht aller Deutschen Ausdruck; es soll auch jetzt unseren harten Weg zu einer besseren Zukunft begleiten…
Die Nazis sangen nur die erste Strophe, verbaten sogar die zwei weiteren und ließen dann das Horst-Wessel-Lied folgen. Mit Ende des Faschismus schien auch das Lied der Deutschen verbraucht, mit dem Makel behaftet, ein Nazilied zu sein. Doch ist es nicht. Das ist es nie gewesen. Tatsächlich kenne ich keine andere Hymne, die so wenig blutrünstig ist wie die bundesdeutsche. In anderen Ländern wird entweder der Monarch verehrt (Vereinigtes Königreich) oder von den Schlachten der Revolution erzählt (Frankreich).

Die 1950 auf der Suche nach einer neuen Hymne von Bert Brecht geschriebene Kinderhymne wurde noch im gleichen Jahr von Hanns Eisler mit einer eigenen Melodie versehen. Sie ist aber auch gut zur Melodie Haydns zu singen.

Anmut sparet nicht noch Mühe,
Leidenschaft nicht noch Verstand,
daß ein gutes Deutschland blühe,
wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
wie vor einer Räuberin,
sondern ihre Hände reichen
uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
andern Völkern wolln wir sein,
von der See bis zu den Alpen,
von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern,
lieben und beschirmen wir’s.
Und das liebste mag’s uns scheinen
so wie andern Völkern ihrs.

Links
http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/ – Digitalisierung des Deutschlandliedes von 1841
http://www.deutschestextarchiv.de/api/pnd/118552589 – Digitalisierung der Unpolitischen Lieder von 1840 und 1841


Heute ist außerdem der Namenstag von Wulfila (311–383), dem ersten Bischof der Terwingen, einem ostgotischen Stamm. Seine Gotenbibel (oder auch Wulfilabibel) ist wohl die erste Übersetzung von biblischen Texten in eine deutsche bzw. germanische Sprache. Er übersetzte dabei aus dem Griechischen. Für die Übersetzung entwickelte Wulfila, angelehnt an das griechische Alphabet in Kombination mit lateinischen Buchstaben und Runen, die gotische Schrift. Das Vaterunser sei an dieser Stelle mit lateinischer Schrift zitiert. [Der Buchstabe þ spricht sich wie das englische th.]

atta unsar
þu ïn himinam
weihnai namo þein
qimai þiudinassus þeins
wairþai wilja þeins
swe ïn himina jah ana airþai
hlaif unsarana þana sinteinan gif uns himma daga
jah aflet uns þatei skulans sijaima
swaswe jah weis afletam þaim skulam unsaraim
jah ni briggais uns ïn fraistubnjai
ak lausei uns af þamma ubilin
unte þeina ïst þiudangardi
jah mahts jah wulþus ïn aiwins
amen

Bischof Wulfila ist auch eine Gedenktafel in der Walhalla in Donaustauf bei Regensburg gewidmet. Hoffmann von Fallersleben schrieb in seinen Unpolitischen Liedern über die vom 18. Oktober 1830 bis zum 18. Oktober 1842 im Bau befindlichen Ruhmestempel für die bedeutenden Persönlichkeiten teutscher Zunge:

Sei gegrüßt, du hehre Halle
Deutscher Größ‘ und Herrlichkeit!
Seid gegrüßt, ihr Helden alle
Aus der alt‘ und neuen Zeit!

O ihr Helden in der Halle,
Könntet ihr lebendig sein!
Nein, ein König hat euch alle
Lieber doch in Erz und Stein.

Links
http://www.wulfila.be/ – Das Wulfila-Projekt der Universität Antwerpen
http://www.wulfila.be/gothic/browse/ – Zeilenweise Darstellung der Gotenbibel mit griechischer und englischer Entsprechung (innerhalb des Wulfila-Projekts)
http://www.gotica.de/ – Übersicht von Gotisch-Projekten
http://www.schloesser.bayern.de/ – Die Walhalla in Donaustauf bei Regensburg

Gemeinsam in eine friedliche Zukunft

Letztes Jahr am 1. August habe ich mit einem Blog-Eintrag auf den 44. Jahrestag des ersten Benefizkonzerts der Rockgeschichte hingewiesen. Mit der 45 könnte ich das wieder machen. Heute wird der Sender MTV 35 Jahre alt. Auch darüber könnte man philosophieren. Mir steht der Sinn aber nach etwas anderem. Der 1. August ist nämlich auch ein Tag für friedliche und überaus dauerhafte Bündnisse, die ich hier mit einer Top-Five-Liste ehren und den EU-Mitgliedstaaten ins Stammbuch schreiben möchte.

  1. Der Schweizer Gründungslegende nach trafen sich am 1. August 1291 Vertreter der drei Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden auf dem Rütli am Vierwaldstättersee, um einen heiligen Eid zu schwören. Der lateinische Bundesbrief beginnt mit den Worten: In Gottes Namen. Amen. Das öffentliche Ansehen und Wohl erfordert, dass Friedensordnungen dauernde Geltung gegeben werde. Ein Austrittsszenario wird nicht gestaltet. Es heißt vielmehr: „Entsteht Krieg oder Zwietracht zwischen Eidgenossen und will ein Teil sich dem Rechtsspruch oder der Gutmachung entziehen, so sind die Eidgenossen gehalten, den andern zu schützen. – Diese Ordnungen sollen, so Gott will, dauernden Bestand haben.“ Seit 1891 – zur 600-Jahr-Feier dieses Bundes – wurde der Schweizer Nationalfeiertag auf den 1. August gelegt.
    Vorher galt ein anderer Schwur als Gründungsdatum der Schweiz, der Bundesbrief von Brunnen vom 9. Dezember 1315, der im Gegensatz zum Bundesbrief von 1291 sehr wahrscheinlich historisch ist. Er ist auf deutsch verfasst und beginnt sehr kenntnisreich: In gottes namen Amen. Wande menschlicher sin blöde und zerganglich, daz man der sachen und der dinge diu langwirig und stete solden beliben, so lichte und so balde vergizzet, dur daz so ist ez nutze und notdurftig, daz man die sachen, die dien lüten ze fride und ze gemache (und) ze nutze und zu eren uf gesetzet werdent, mit schrift und mit briefen wizzentlich und kuntlich gemachet werden.
  2. Am 1. August 1523 bildeten die Landstände Mecklenburgs eine Union, um der Teilung des Landes nach Erbstreitigkeiten zu entgehen – mit Erfolg und über den 30-jährigen Krieg hinaus. Die Landständische Union wurde erst im Zuge der Novemberrevolution am 3. Dezember 1918 aufgelöst.
  3. Am Vorabend des 1. August 1907 begann das erste Pfadfinderlager auf Brownsea Island mit einem Lagefeuer, um das General Robert Baden-Powell 22 Jungen aus unterschiedlichen sozialen Milieus versammelte. Am Morgen wurde die Pfadfinderbewegung offiziell gegründet. Ein Jahr später brachte Baden-Powell das Buch Scouting for Boys heraus. Aus diesem Buch stammt der seitdem oft kopierte pädagogische Grundsatz des Learning by Doing. Er schuf damit ein ideales Angebot für Kinder und Jugendliche, das auch heute noch die 1980 vom Pädagogen Peter Friedrich beschriebenen Lückekinder auffangen kann. Lückekinder sind zwischen 9 und 14 Jahren, für den Schulhort zu alt und für den Jugendklub zu jung.
  4. Zu Beginn habe ich von friedlichen Bündnissen gesprochen. Doch an dieser Stelle nehme ich den Beginn des Warschauer Aufstandes durch die Polnische Heimatarmee am 1. August 1944 mit in die Reihe. Es kommt doch darauf, gegen wen man Kämpft. Und ein Aufstand gegen das unmenschliche Naziregime gilt mir als ein Akt des Friedens. Die Rote Armee war bereits am rechten Weichselufer, als die Polnische Heimatarmee den Aufstand begann. Leider unterstützte die Rote Armee nicht die Aufständischen. Der Aufstand wurde letztendlich von den Nazis niedergeschlagen, die Heimatarmee aufgerieben und Warschau fast vollständig zerstört. Polnische Pfadfinder beteiligten sich als Boten und Sanitäter am Aufstand. Ihnen ist in Warschau das Denkmal des Kleines Aufständischen des Bildhauers Jerzy Jarnuszkiewicz gewidmet.
  5. Seit dem 1. August 2001 dürfen Schwule und Lesben mit der Eingetragenen Lebenspartnerschaft auch einen Bund fürs Leben schließen, der in vielen Punkten der Ehe gleichgestellt ist. Doch ist es keine Ehe für alle, wie sie mittlerweile in anderen, fortschrittlicheren Ländern geschaffen wurde.

Angela Merkels „Wir schaffen das!“

Am 31. August 2015 sprach Angela Merkel die mittlerweile wohl berühmtesten drei Worte ihrer Kanzlerschaft: „Wir schaffen das!“ Es ist fast ein Jahr vergangen seit der Sommerpressekonferenz und in der sich neigenden Woche wiederholte sie diesen Satz. Aber in der Zeit zwischen der ersten und der letzten Konferenz verging keine Woche, ach, kein Tag, da nicht dieser Satz der Bundeskanzlerin vorgehalten wurde, als wären diese drei Worte nicht ein Ausdruck von Optimismus, sondern ein dolchstoßender Verrat am deutschen Volke.

Was wollen die Kritiker denn stattdessen von der Kanzlerin hören? – „Wir schaffen das nicht; die Deutschen werden nun ganz schnell untergehen.“ – Welch ein Kleingeist kann sich überhaupt dieses Kurzsatzes wegen echauffieren?

Mir geht es hier nicht um eine Regierungs-Apologie. Über jeden einzelnen Schritt kann man streiten. Der Neun-Punkte-Plan ist sicherlich diskussionswürdig, mindestens was den Einsatz der Bundeswehr angeht.

Auch möchte ich nicht das Leid der bei Anschlägen Verwundeten, Getöteten und deren Angehöriger banalisieren. Aber einige Tote ändern nicht grundlegend das Schicksal eines 80-Millionen-Landes. Das wäre auch schlimm, wenn es sich so verhielte. Was machten wir dann mit Unfalltoten, Mordopfern, Todkranken?

Nach einem Anschlag (oder nach einer zugegebenermaßen Häufig von Anschlägen bzw. Amokläufen) muss natürlich geschaut werden, was im Einzelnen diese Tat ausgelöst oder begünstigt hat. Aber wie vor Gericht gilt da die Einzelfallprüfung und nicht ein schnelles Pauschalurteil.

Nach einem Familiendrama wie dem sogenannten erweiterten Suizid, der sich ja leider auch immer wieder ereignet, Sagen wir doch auch nicht, die Familie berge als Modell des Zusammenlebens ein zu großes Risiko, das Familienrecht müsse auf den Prüfstand, eventuell gehöre die Institution der Ehe generell abgeschafft. Nein! Wir schauen genau, was passiert ist, und schaffen präventive Angebote. Denn bei Taten, die den eigenen Tod implizieren, würde eine Strafrechtsverschärfung nicht besonders abschreckend wirken. Außerdem leben wir in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, d.h. nach einer Phase der Betroffenheit, Trauer und Anteilnahme überlasse ich den entsprechenden Fachleuten das Feld. Ich muss keinem Cyber-Lynchmob angehören.

Allerdings gefällt sich auch die Presse im Schüren einer gewissen ängstlichen Stimmung, die Merkels Worte als eine Mischung aus Leichtfertigkeit, Naivität oder gar Hohn aufnehmen lässt. In jedem zweiten Radio-Interview wird der eine oder andere Grundrechtsartikel bemüht. Da lobe ich mir die ruhige Art der Kanzlerin, die besonnen agiert und nicht gleich jedes Gesetz infrage stellt.

Das Grundgesetz ist nach den Erfahrungen der nationalsozialistischen Verbrechen verfasst worden. So nüchtern kalt das klingen mag, ein paar Amokläufe oder auch Terroranschläge können an den Prinzipien nichts ändern.

Und der einzelne Bürger kann gegen weiteren Terror in unserem Lande vor allem eins machen: selber keinen Anschlag verüben.