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Frauengeburtstage am Frauentag

Ich muss gestehen, ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zum Weltfrauentag. Einerseits sehe ich selbstverständlich die Ungleichbehandlung an vielen Punkten. Andereseits verstehe ich nicht, was eine Blume für Arbeitskolleginnen daran ändern soll. Ich kann mich auch nicht so richtig schuldig fühlen, auch wenn ich natürlich als previligierter Mann das nicht beurteilen kann.

Doch ein Blick in die Vergangenheit zeigt überdeutlich, wie groß die Unterdrückung einer Hälfte der Bevölkerung durch die andere doch war – nicht irgendwo in der Welt, sondern in Europa, nicht in weit vergangener Zeit, sondern noch im 20. Jahrhundert.

Meine geliebte Form der Top-Five-Liste möchte ich heute weiblichen Geburtstagskindern des Frauentags widmen; und weil es der 8. März ist, habe ich die Liste erweitert zur Top Eight.

  • Sidonie von Sachsen (1518–1575) – Die Wettinerin wurde durch Heirat Herzogin zu Braunschweig-Lüneburg und Fürstin von Calenberg-Göttingen. Nachdem ihr Gatte zum Katholizismus zurückkehrte, entbrannte ein Rosenkrieg, in dessen Folge Sidonie der Zauberei angeklagt wurde. Doch Sidonie war vernetzt und wendig und endete nicht auf einem Scheiterhaufen, sondern mit einer Entschädigung und Rente bis zu ihrem Lebensende.
  • Josephine Garis Cochran (1839–1913) – Sie stammt aus einer Erfinderfamilie und konnte auch selbst das Tüfteln nicht lassen. Sie erfand den ersten wirklich nutzbaren Geschirrspülautomaten. 2006 wurde sie endlich in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen.
  • Marie Lang (1858–1934) – Die österreichische Frauenrechtlerin setzte sich u.a. ein für die Abschaffung des Lehrerinnenzölibats. Sobald eine Lehrerin heiratete, verlor sie nicht nur ihre Stelle, sondern auch ihren Anspruch auf ein Ruhegehalt. In der Weimarer Verfassung wurde der Lehrerinnenzölibat 1919 abgeschafft.
  • Mathilda Augusta Wrede (1864–1928) – Sie arbeitete in der Gefängnisfürssorge in Schweden und Finnland. Sie setzte Sich für die Verbesserung der Haftbedingungen ein. Ihr Gedenktag im evangelischen Namenskalender ist der 24. Dezember.
  • Mathilde Jacob (1873–1943) – Sie war die Sekretärin und Vertraute von Rosa Luxemburg. Ihr haben wir die Überlieferung von Briefen und Manuskripten zu verdanken. Sie wurde im KZ Theresienstadt von den Nazis ermordet.
  • Ethel Maude Tawse Jollie (1874–1950) – Sie war nicht nur Schriftstellerin und Aktivistin. Sie war in Südrhodesien (heute Simbabwe) die erste weibliche Abgeordnete im British Empire außerhalb Großbritanniens.
  • Thekla Augusta Anna Gerda Schild (1890–1991) – Sie war die dritte Frau, die in Deutschland einen Studienabschluss im Fach Architektur erwerben konnte. Das war 1913 in Karlsruhe.
  • Ina May Gaskin (*1940) – Man nennt sie die Mutter der authentischen Geburtshilfe. Andere nennen sie die berühmteste Hebamme der Welt. Das Manöver nach Gaskin ist die Geburt im Vierfüßlerstand. Gaskin ist die erste Hebamme, nach der eine geburtshilfliche Stellung benannt wurde.

Herzlichen Glückwunsch zu diesen Leistungen! Und auf in eine Welt, wo das Geschlecht nicht über Berufswahl oder Grad der Selbstbestimmung entscheidet!

Zum Abschluss ein Foto aus London. In der Tate Modern wird bei der Notdurft weder nach dem biologischen, noch nach dem sozialen Geschlecht gefragt.

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Die Welt im Spiegel historischer Ereignisse

Ich bin sicher nicht der einzige, der sich in den letzten Jahren des Gefühls nicht erwehren kann, die Welt sei wachsend in Unordnung geraten. Andererseits kann ich auch wirklich kein Goldenes Zeitalter benennen, zu dem es tatsächlich besser gewesen wäre.

Heute vor 176 Jahren brachte Charles Dickens A Christmas Carol heraus. Da wird ein hartherziger Geschäftsmann von drei Geistern heimgesucht, was in ihm ein Umdenken in Bezug auf seine Mitmenschen auslöst. Es ist bis heute eine sehr beliebte Weihnachtsgeschichte. Auch die Muppets haben sie 1992 mit Michael Caine in der Hauptrolle als Ebenezer Scrooge verfilmt. Tatsächlich ist es aber jenseits von Festtagskitsch ein ernsthaftes sozialkritisches Werk.

Lassen wir uns nun vom Geist der vergangenen Ereignisse eine Top-Five-Liste von Jahrestagen des 19. Dezember präsentieren, die im Geiste der Gegenwart vielleicht ein wenig auf die Zukunft hoffen lassen:

  • 1783William Pitt der Jüngere (1759–1806) wird mit 24 Jahren zum bisher jüngsten Premierminister der Geschichte Großbritanniens ernannt. Bereits im Folgejahr wurde das Parlament aufgelöst. Bei Neuwahlen wurde Pitt mit großer Mehrheit gewählt. Er war ein großartiger Redner, Kämpfer gegen den Sklavenhandel und schlau genug, sich von Adam Smith beraten zu lassen. Seine letzten Worte waren: Oh my country!
  • 1924Fritz Haarmann (1879–1925) wird wegen Mordes von insgesamt 24 Jungen und jungen Männern zum Tode verurteilt. Seine Opfer sind auf dem Friedhof in Hannover Stöcken beigesetzt. Götz George spielte 1995 den Werwolf von Hannover im Film Der Totmacher.
  • 1936Thomas Mann wird die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn aberkannt, nachdem er bereits ausgebürgert worden war. Sie war ihm 1919 verliehen worden, bereits 10 Jahre vor dem Nobelpreis für Literatur.
  • 1969 – Der Film Easy Rider kommt in die deutschen Kinos, nachdem er bereits im Frühjahr bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere hatte.
  • 1972 – Landen mit dem Team der Apollo-17-Mission die bisher letzten Menschen, die auf dem Mond waren. Sie ließen u.a. ein Mondauto auf dem Trabanten zurück.

Todestag von Amadeu Antonio Kiowa

Heute vor 28 Jahren starb Amadeu Antonio Kiowa mit 28 Jahren. Das heißt er ist nun schon so lange tot, wie er überhaupt leben durfte. Und am 9. Januar wird sein Sohn, der seinen Vater nie hat sehen können, so alt wie sein Vater war, als er von Rechten in Eberswalde erschlagen wurde.

Konstantin Wecker hat sein Lied Willy, das er 1977 für einen ebenfalls von rechten Schlägern getöteten Freund geschrieben hatte, an den neuen tragischen Vorfall angepasst.

Selbstverständlich ist jeder Mord schrecklich, tragisch und unerträglich. Dass aber Unschuldige nur aufgrund ihres Aussehens, ihrer offensichtlich anderen Herkunft getötet werden, erfüllt mich als Deutscher, der sich der deutschen Geschichte bewusst ist, mit besonderer Scham.

1998 wurde die Amadeu Antonio Stiftung gegründet. Ihr erklärtes Ziel ist die Stärkung einer demokratischen Zivilgesellschaft, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet. Und diese Stiftung ist aktiv! Gerade jetzt wird eine Publikation zu Kindern Rechtsextremer in Kindergärten diskutiert.

Link
https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/

Künstliche Intelligenz und der Sonntag

Es ist Sonntag. Ich habe keine weiteren Verpflichtungen. Sogar die Weihnachtsgeschenke sind noch vor Beginn der Adventszeit gebastelt. Jetzt könnte ich mich um mein nächstes Buchprojekt kümmern. Das werde ich natürlich auch noch machen. Vorher erlaube ich mir allerdings noch ein wenig Müßiggang. Das steht dem Prinzen zu.

Vor einigen Wochen lag der Wochenzeitung Die Zeit ein Werbemagazin von Google bei: AUFBRUCH Künstliche Intelligenz – Was sie bedeutet und wie sie unser Leben verändert. Ich bin natürlich weit davon entfernt, Werbung für einen der größten Datenkraken unserer Zeit zu machen. Aber beim Durchblättern dachte ich so bei mir, dass wir vielleicht wirklich ein wenig unfair bei der Beurteilung sind. Künstliche Intelligenz, neuronale Netzwerke, selbstlernende Maschinen sind eine große Chance für die Menschheit. Statt Google vorzuwerfen, dass es dort investiert, sollten wir andere fragen, warum sie es nicht tun.

Ich hatte bei einem Glas Wein im Freundeskreis schon einmal die Idee ausgesponnen, Facebook müsse enteignet werden und der UNO überschrieben werden. Dann sollte ganz ohne Werbung und weitere versteckte Agenda jedem Erdenbürger bei Geburt ein Konto zugeteilt werden. Daran verknüpft sich selbstverständlichen die Forderung zur Ausstattung der Dritten Welt mit Computern und dem Ausbau des schnellen Internets in schwierigen Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern. Aber das ist wirklich eher etwas für Wein-Abende.

So, oder so, wir müssen uns mit den Digitalen Fragen beschäftigen. Wie versetzen wir die heutigen Schüler in die Lage, ein unabhängiges Urteil zu fällen? Oft kommen die Vorschläge Richtung digitalisierter Unterricht. Doch ich denke schon lange, dass ein Smart-Board im Klassenzimmer nicht gleich die Fähigkeit stärkt, über Big-Data, Chancen und Risiken von Netzwerken, Internet der Maschinen usw. nachzudenken. Peter Dabrock, Professor für Systematische Theologie und Vorsitzender des Deutschen Ethikrats kommt in besagter Google-Publikation mit einem kurzen Interview zu Wort. Dort sagt er zum Abschluss, dass er die Klassische Bildung für geeignet hält:

Sie vermittel[t], was ich Differenzkompetenz und Ambiguitätssensibilität nenne – dass man achtsam wird oder bleibt für die feinen Unterschiede, für nicht eindeutige Sachverhalte und individuelle Besonderheiten. Die Bibel, Goethes Faust, Mathematik, zwei Fremdsprachen, Musik und Sport – das scheint mir ein gutes Paket zu sein, um mit den Herausforderungen zurechtzukommen, die durch künstliche Intelligenz entstehen.

Man darf wohl nicht überbewerten, dass Herr Professor Dabrock in seinem Bildungskanon die Naturwissenschaften und den Geschichtsunterricht unterschlägt, sowie Kunst, Hauswirtschaftskunde und ausgerechnet Ethik bzw. Religion. Auch hat er sich mit diesem Satz sicher nicht gegen Informatik-Unterricht ausgesprochen. Ich kann ihm nur zustimmen!

Eigentlich wollte ich aber nur sonntäglich-leicht über eine Website von Google erzählen. Quick, Draw! ist ein Online-Spiel von Google, hinter dem ein neuronales Netzwerk steckt, das lernt, menschliche Krakelzeichnungen schnell zu entziffern. Für jede Zeichnung hat man 19 Sekunden Zeit. Nicht alle meine Versuche hat das Netzwerk erkannt – manchmal verständlicherweise, manchmal nicht.

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Link
https://quickdraw.withgoogle.com/

Mütter und Väter von Problemen und die Migration

Unser äußerst problematischer Innen- und Heimatminister Horst Seehofer hat sich am Mittwoch zu einem Satz verstiegen, der wohl in den Zitatenschatz der Zeitgeschichte eingehen wird. Es waren wenige anwesend bei der CSU-Tagung, in deren Verlauf er nach Angaben der Welt (siehe Video) gesagt haben soll, die Migration sei die Mutter aller Probleme. Man kann wohl von der Authentizität der Aussage ausgehen; schließlich gab es bis dato keine Dementi, sondern viel eher Erklärungen und Rechtfertigungen.

Wer die Verlautbarungen des Ministers schon über einen längeren Zeitraum verfolgt, dem mag sich das Bild eines langsam in die Senilität hinüber gleitenden Großvaters aufzwingen. Und Opa lässt man am besten unwidersprochen brabbeln. Sonst regt er sich noch zu sehr auf und das Familienfest wird durch das Rufen eines Notarztes ganz verdorben. Im Netz gibt es ein schönes Meme, das Angela Merkel mit Seehofer zeigt und Merkel sagen lässt: Deine Mutter ist die Mutter aller Probleme. Ich denke, eine ganze Reihe von Menschen würden diese Aussage unterschreiben. Tatsächlich sagte die Kanzlerin deutlich diplomatischer dazu, die Migrationsfrage stelle uns vor Herausforderungen, und dabei gebe es auch Probleme.

Nun ist es aber mit ein paar Deine-Mutter-Witzen nicht getan. Die Lage in Deutschland ist zu ernst, um es nur bei ein paar Memes über den politischen Gegner zu belassen. Man muss sich – wohl oder übel – mit den Sichtweisen des politischen Gegners auseinandersetzen und sie ordentlich, nachvollziehbar widerlegen.

Die Erkenntnisse des vorsokratischen Philosophen Heraklit von Ephesos (520–460 v.Chr.) sind nur fragmentarisch überliefert. Eine der bekanntesten Paraphrasen lautet: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Dieser Satz ist so kurz wie missverständlich. Manche hören in ihm einen Repräsentanten der Herrschenden darüber sinnieren, dass die wichtigsten Erfindungen in dem Bestreben gemacht wurden, einen uneinholbaren Vorteil gegenüber einem Kriegsgegner zu erlangen. So ist der Satz wohl aber nicht gemeint, wenn man ihn im Kontext weiterer Fragmente Heraklits betrachtet. Er ist wohl eher so zu verstehen, dass die Welt beständig zwischen Polen hin und her schwankt, zwischen Alt und Jung, Arm und Reich, Männlich und Weiblich, Heiß und Kalt. An den idealen Polen herrscht Stillstand. Und das, was wir Leben nennen, findet im Miteinander statt, in einem Aushandlungsprozess, den man vom Schreibtisch aus überspitzt Krieg nennen mag. Ein solcher Krieg also ist der Vater aller Dinge. Dieser Satz wurde eben vor Stalingrad geschrieben, auch vor Verdun oder Issos. Damit ist ein solcher Aushandlungsprozess als Vater aller Dinge aber nicht der zweite Elternteil zum Problem, sondern das sogenannte Problem bzw. unser Umgang damit der Beginn aller neuen Dinge.

Ulla Jelpke, die innenpolitische Sprecherin der Linken-Bundestagsfraktion, bleibt im sprachlichen Bild des Innenministers, wenn sie sagt, Seehofer sei der Vater aller Rassismusprobleme in Deutschland. Wichtiger stellt sie dann aber heraus, dass Migration ursächlich für Rassismus wäre, sei ein rechter Mythos, der auf unerträgliche Weise die Rollen von Tätern und Opfern verkehre. Wie kommen wir nun aber an die tatsächlichen Ursachen?

Der britische Autor Bruce Chatwin (1940–1989), der manchen Spät-Neu-Romantikern durch die Nutzung von Moleskine-Notizbüchern bekannt ist, widmet sich in einigen seiner Bücher (das bekannteste davon ist wohl Traumpfade/Songlines, 1987) dem Nomadentum. Stark vereinfacht gesprochen ist seine These, der Mensch sei zum Nomadentum geboren, seine Sesshaftwerdung sei der Sündenfall. Denn Besitzanhäufung, Mord aus Habgier, Erbschaftsstreitigkeiten – dies alles könne sich ein Nomade gar nicht leisten. Er nehme stets nur das Wichtigste mit, das, was er noch tragen könne. Seine Allgemeine Theorie des Nomadentums konnte Chatwin nicht mehr erarbeiten. Er zog uns Lebenden 1989 voraus.

Was bleibt ist die Verunsicherung, ob vielleicht nicht der Fremde vor unseren Toren ein Problem ist, sondern vielmehr, dass wir unser Tor verrammeln, Grund und Boden im Privaten wie staatlich sicher wähnen, obgleich wir alle auch nur für eine kurze Zeit verweilen.

Von Heraklit stammt ein weiteres großes Wort: πάντα ῥεῖ / alles fließt. – Alles und jeder ist in Bewegung. Migration ist der Normalfall. Dann ist die Sesshaftigkeit das Problem, die Mutter aller Probleme.

Nachtrag
Ein interessantes Video über Migration, Herkunfts- und Zielländer sowie Migrationskorridore findet sich auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung.

Adrianopel, der Islam in Deutschland und die armenische Schrift

Adrianopel ist eine Stadt mit großer Geschichte. Als Uskodama gegründet, wurde sie im 2. Jahrhundert vom römischen Kaiser Hadrian umgebaut und nach ihm benannt. 378 erlitten die Römer ihre große Niederlage gegen die Gothen bei Adrianopel, was als ein Wendepunkt der Geschichte des Römischen Reiches gilt. Kreuzzügler, die aufgebrochen waren, die Heiligen Stätten von den sogenannten Ungläubigen zu befreien, plünderten mehrfach Adrianopel. Ab 1365 diente die Stadt als Residenz der türkischen Sultane. In den Balkankriegen des 20. Jahrhunderts wechselte die Stadt, die mittlerweile Edirne genannt wurde, mehrfach den Besitzer. Sie gehörte mal zu Bulgarien, mal Griechenland und schließlich wieder zur Türkei. Heute ist sie Hauptstadt der türkischen Provinz, die aus der Türkei auch ein kontinental-europäisches Land macht.

Vor genau 450 Jahren wurde in Edirne dieser Tage der Frieden von Adrianopel zwischen dem Heiligen Römischen Reich und dem Osmanischen Reich geschlossen, der mit seinen drei vertraglichen Verlängerungen eine 25 Jahre währende Friedensphase auf dem Balkan einläutete. Rückwirkend bedeutete dieser Frieden wohl eher einen verlängerten Waffenstillstand, der zum Sammeln neuer Kräfte und nicht zum friedlichen kulturellen Austausch genutzt wurde. Aber immerhin! Wenn die Zivilbevölkerung 25 Jahre nicht unter einem Krieg zu leiden hat, ist das ein Erfolg. 25 Jahre sind fast eine Generation.

Seit 2005 ist eine Städtepartnerschaft zwischen dem türkischen Edirne und dem deutschen Lörrach gewachsen. Beide Städte verbindet, dass sie in einem Dreiländereck liegen. Dabei herrschen derzeit zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz deutlich weniger Spannungen als zwischen der Türkei, Bulgarien und Griechenland. Und nicht an allen Problemen ist die Türkei schuld.


Gestern wurde der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel aus türkischer Untersuchungshaft entlassen. Er kehrte zurück nach Deutschland, wo er bei der WeltN24-Gruppe unter Vertrag steht. Mit ihm wurde eine symbolhaft aufgeladene Figur entlassen. Weitere Journalisten und andere Menschen sitzen noch in türkischen Gefängnissen. Vielen Deutschen ist der von Recep Tayyip Erdoğan geleitete Staat am Bosporus unheimlich geworden. Das Unverständnis gegenüber den türkischen Verhältnissen führt oft zu einer Gleichsetzung mit dem Islam. Alles, was uns Deutschen an der Türkei fremd und falsch erscheint, ist dann auch gleich ein Fehler des Islam, der so etwas überhaupt möglich gemacht hätte. [Ich werte heute nicht. Meine Kraft reicht heute nur aus, um zu benennen.]

Heute berichtet der NDR, dass die Landtagsfraktion der AfD in Mecklenburg-Vorpommern mit Pegida zusammenarbeiten möchte. Gegen die vermeintliche Islamisierung Deutschlands zu kämpfen, sei ein gemeinsame Aufgabe. [Auch hier werde ich heute nur melden und nicht kommentieren.]

Heute hat Bülent Arslan Geburtstag. Er ist ein CDU-Politiker aus Nordrhein-Westfalen, der 1975 in der Türkei geboren wurde. 1976 zog der Einjährige mit seinen Eltern nach Deutschland. Mit 22 Jahren wurde Arslan deutscher Staatsbürger. Er arbeitet als Unternehmensberater, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Arslan ist Muslim und sieht in seiner Mitgliedschaft zu einer Partei mit einem C im Namen kein Problem. Die Werte der Partei seien dem Christentum entnommen, die Politik der Partei aber Christen wie für Nicht-Christen gemacht. 2004 sagte Arslan der Deutschen Welle gegenüber:

Und wenn man sich die Werte ansieht, die im CDU-Grundsatzprogramm enthalten sind, dann sind das alles Werte, die man als aufgeklärter Muslim auch im Islam wieder finden kann: Gerechtigkeit, Freiheit, die Bedeutung der Familie beispielsweise, und ich denke, dass ich da nicht zu einer Ausnahme in Deutschland gehöre. Umfragen zeigen, dass rund 50 bis 60 Prozent der in Deutschland lebenden Türken konservativ eingestellt sind, also religiöse, wertgebundene Menschen sind. Das ist meiner Meinung auch ein Potential für die CDU.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Bülent Arslan!

Quelle
http://de.qantara.de/inhalt/bulent-arslan-als-muslim-in-der-cdu


Nach einem Ausflug in das Lager der CDU müsste ich eigentlich, um im Gleichgewicht zu bleiben, noch ein paar Zeilen zu Erich Zeigner verlieren, einer historischen Größe der SPD und erstem Bürgermeister im Leipzig der Nachkriegszeit, dessen Geburtstag heute ebenfalls ist. Doch den hier einfach nur anzuhängen, wird ihm auch nicht gerecht. Daher muss die einfache Erwähnung reichen.

Aber einen Todestag möchte ich noch ins Spiel bringen. Am 17. Februar 440 starb Mesrop Maschtoz bzw. Մեսրոպ Մաշտոց. Der Heilige ist der Entwickler eben dieses armenischen Alphabets zu Beginn des fünften Jahrhunderts. In Armenien trägt seit 1993 der Staatsorden seinen Namen. Ich muss gestehen, ich würde mich bis heute nicht um das armenische Alphabet und dessen heiligen Entwickler kümmern, wenn ich nicht vor zwei Jahren einen Flüchtling kennengelernt hätte, der einer armenisch-christlichen Minderheit aus Syrien angehört.

Dieser war so freundlich, mein Buch Wenn du nicht da bist … ins West-Armenische zu übersetzen. Wie alle anderen Ausgaben ist es bei epubli.de erschienen und kostet 7,95 EUR; es kann aber auch über den Buchhandel unter der ISBN 978-3-7450-6436-0 erworben werden.

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Vios Videos – nach 12 Jahren veröffentlicht

Gut Ding will Weile, sagt der Volksmund. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet muss das Projekt Vios Videos wohl grandios sein. Sechs Videos nehmen mit Ausdruckstanz zu mal mehr mal weniger bekannten Pop-Songs Stellung zu aktuellen Gesellschaftspolitischen Themen. Da muss dann schon die Einschränkung hinein: vor 12–13 Jahren waren diese Themen aktuell. Manche sind wohl heute eher historisch, andere erschreckend aktuell geblieben. Ach, was soll das Gerede? Einfach mal anschauen:

Todestage von Weltveränderern

Die Welt verändern! Einen Anstoß geben, der die Kugel in eine andere – und hoffentlich zukunftsträchtigere – Richtung weiterrollen lässt. Das ist der Traum vieler Menschen. Ich muss gestehen, dass ich wohl auch in diese Gruppe gehöre; in die der Träumer. Nun ist nicht jede Veränderung gleich eine Verbesserung. Im Wandel der Zeit kann sich die Bewertung ändern. Und oft sind sich unterschiedliche Interessengruppen gar nicht einig über die Bewertung einer Veränderung. So oder so, die fünf Personen auf meiner Top-Five-Liste heutiger Todestage haben diese Welt verändert zurückgelassen.

  • Johann Baptist Strauss (1825–1899) – Der Walzerkönig von Wien. Sein gleichnamiger Vater zeichnet verantwortlich für den Radetzky-Marsch, er schrieb die großen Walzer wie An der schönen blauen Donau, Wiener Blut und den Kaiser-Walzer sowie Operetten: Die Fledermaus und Der Zigeunerbaron, um nur zwei zu nennen. Langezeit waren romantische Szenen in Filmen ohne seinen musikalischen Beitrag schier unmöglich.
  • Franz Kafka (1883–1924) – Seitdem Max Brod die Texte Kafkas veröffentlichte, ist der Deutschunterricht wieder spannend. Das stimmt so natürlich nicht; denn erstmal waren Kafkas Texte in Nazi-Deutschland verboten. Auch ohne Nobelpreis steht dieses Werk monolithisch in der Landschaft der Weltliteratur.
  • Johannes XXIII. (1881–1963) – Noch unter dem bürgerlichen Namen Angelo Giuseppe Roncalli setzte er sich für Christen in der neu gegründeten Türkei und Juden aus Nazideutschland ein. Als Papst berief er das Zweite Vatikanische Konzil ein, das unter seinem Nachfolger Paul VI. zum Abschluss kam. In seiner letzten Enzyklika Pacem in terris (Friede auf Erden) weist Johannes XXIII. die Akteure des Kalten Krieges daraufhin, dass Streitigkeiten nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verträge und Verhandlungen beizulegen sind.

  • Nâzım Hikmet (1902–1963) – Der Dramatiker und Lyriker gilt als Begründer der modernen türkischen Lyrik. Das heißt nicht, dass er zu Lebzeiten in seiner Heimat wohlgelitten gewesen wäre. Er starb im russischen Exzil. 2009 bekam er postum die türkische Staatsbürgerschaft zurück. Die letzte Strophe aus seinem Gedicht Davet (Einladung) kennt man in Deutschland vor allem als Refrain des Liedes Leben einzeln und frei von Hannes Wader.

  • Ruhollah Musawi Chomeini (1902–1989) – Er ist die zentrale Figur der Islamischen Revolution, die 1979 zur Absetzung des Schahs Pahlavi in Persien und zur Gründung der Islamischen Republik Iran führte. Seitdem hieß er Ajatollah und ersetzte das alte Unrechtsregime durch ein neues. Ich persönlich bin ein religiöser Mensch; doch bin ich auch ein Verfechter der Gewaltenteilung. Chomeini sieht das anders. Bereits 1943 schrieb er: Die islamische Regierung ist die Regierung des göttlichen Rechts, und ihre Gesetze können weder gewechselt, noch geändert, noch angefochten werden.

Davet

Dörtnala gelip Uzak Asya’dan
Akdeniz’e bir kısrak başı gibi uzanan
bu memleket, bizim.

Bilekler kan içinde, dişler kenetli, ayaklar çıplak
ve ipek bir halıya benziyen toprak,
bu cehennem, bu cennet bizim.

Kapansın el kapıları, bir daha açılmasın,
yok edin insanın insana kulluğunu,
bu dâvet bizim.

Yaşamak bir ağaç gibi tek ve hür
ve bir orman gibi kardeşçesine,
bu hasret bizim!

Einladung

Dieses Land, das im Galopp aus dem fernen Asien kam
und sich wie ein Stutenkopf ins Mittelmeer streckt,
dieses Land ist unser.

Blutige Handgelenke, zusammengepresste Zähne, nackte Füße,
und die einem seidenen Teppich gleichende Erde,
diese Hölle, dieses Paradies sind unser.

Sich einem andern zu verdingen, damit soll Schluss, endlich Schluss sein,
schafft ab die Knechtschaft des Menschen durch den Menschen!
Diese Einladung ist unser.

Leben! Wie ein Baum, einzeln und frei
und brüderlich wie ein Wald,
diese Sehnsucht ist unser!

(Übersetzung von Helga Dagyeli-Bohne und Yildirim Dagyeli. In: Hikmet, Nazim; Die Luft ist schwer wie Blei. Hava Kursun Gibi Agir. Gedichte. Übersetzt und herausgegeben von Dagyeli-Bohne und Yildirim Dagyeli. Berlin 2000)

Drei weitere Todestage möchte ich nicht unerwähnt lassen, weil auch sie mir wie beim Tod Chomeinis zeigten, dass ich gerade das Ende einer Ära erlebe:

  • Anthony Quinn (1915–2001)
  • David Carradine (1936–2009)
  • Muhammad Ali (1942–2016)

Wollen wir in so einer Welt wirklich leben?

Ich schreibe. Ich liebe es, Gedichte zu verfassen, Bildergeschichten zu zeichnen und Erzählungen zu schreiben. Ich nenne mich gern einen Mann des Wortes (und der Wörter). Aber heute scheint mir jedes Wort, das ich benutze, so unpassend zu sein. Diese verrückte, trunkene, leidende und brutale Welt. Wie kann ein Mensch auf ihr bestehen? Wie können wir hoffen, eine Zukunft zu haben? Oder im Geiste des Literaturnobelpreisträgers William Golding: Wann kommen die Eltern zurück und nehmen uns die Erde ab, weil wir noch immer nicht mit ihr umgehen können?

Gerne zähle ich in diesem Blog zu einem Thema oder einem Datum fünf Punkt auf, die ich dann als meine persönliche Top-Five-Liste apostrophiere. Auch der Begriff ist heute so unpassend wie selten. Dennoch eine Liste mit fünf Punkten, die mich verzweifeln lassen.

  • Heute wurde ein Terroranschlag in Kabul verübt. Bisher sprechen die Nachrichten von 90 Toten und hunderten Verletzten. Mit dieser Opferzahl ist der Anschlag besonders verheerend. Auch die deutsche Botschaft ist von diesem Anschlag betroffen. Um das Botschaftspersonal zu entlasten – und deutlich hervorgehoben nur deshalb – werde die Abschiebung nach Afghanistan für heute ausgesetzt. Afghanistan sei immer noch ein teilweise sicheres Herkunftsland und Anschläge gebe es auch in anderen Ländern, muss ich da von angeblich christlichen Parteigängern lesen.
  • In Nürnberg wird ein 20-jähriger Afghane aus der Berufsschulklasse abgeholt, um abgeschoben zu werden. Mitschüler und auch Passanten solidarisieren sich. Um die 300 Personen demonstrieren schließlich für den Verbleib des offensichtlich integrationswilligen jungen Mannes. Phasenweise droht der Protest zu eskalieren. Die Polizei setzt Pfefferspray ein und verhaftet einzelne Protestierende.
  • US-amerikanische Medien melden, dass Präsident Trump sich bereits entschieden hätte, das Pariser Klimaabkommen aufzukündigen. Einer der größten CO2-Emittenden verweigert somit die internationale Zusammenarbeit zum Bewahren der Schöpfung.
  • Die AfD fälscht das Cover des Buches von Justizminister Heiko Maas. Statt des Untertitels „Eine Strategie gegen Rechts“ steht dort nun „Eine Strategie gegen das Recht“. Natürlich wird so etwas schnell aufgeklärt. Aber in dem Fake-New-Taumel gehen uns die  Mittel zum Diskurs verloren. Vorher wurden Worte von Margot Käßmann bewusst aus dem Zusammenhang gerissen, sodass es klang, als würde sie alle Deutschen ohne Migrationshintergrund als Nazis bezeichnen. Immer noch werden dann solche Meldungen unbedarft geteilt und weiterverbreitet. Sind die Sozialen Medien noch zu retten? Oder werden sie zu einer Grauzone verkommen wie die sprichwörtliche Hafenkneipe?
  • Nachdem ein rechtsextremer Bundeswehroffizier als vermeintlicher Syrer Asyl erhalten hatte, wurden 2000 weitere Asylverfahren überprüft. Ein vergleichbarer Fall sei nicht entdeckt worden. Es sollten aber nun bis 100.000 weitere Asylverfahren der letzten zwei Jahre überprüft werden. In der Zwischenzeit warten weitere Menschen auf eine Lebensperspektive und ihre Papiere, von denen diese abhängt.

Ich möchte das alles nicht. Diese Welt möchte ich nicht. Aber ich weiß nicht, wie wir das ändern können. Heute Abend bin ich verzweifelt und sehr traurig.

Thinking Day und Todestage

Heute ist der Thinking Day. Seit 1932 feiern Pfadfinder weltweit den Geburtstag ihres Gründervaters Robert Stephenson Smyth Baden-Powell (22. Februar 1857). Heute ist also sein 160. Geburtstag. Roberts Frau Olave hat übrigens auch am 22. Februar Geburtstag. Nur nicht im selben Jahr. Sie war 32 Jahre jünger und starb, als ich bereits auf der Welt und schon vier Jahre alt war. Vor zehn Jahren wurde der Thinking Day größer angelegt. Neben dem 150. Geburtstag Baden-Powells gab es da noch das 100-jährige Bestehen der Pfadfinderbewegung zu feiern. Heute ist er wohl eher eine vereinsinterne Angelegenheit.

Heute vor 74 Jahren wurden Hans und Sophie Scholl gemeinsam mit Christoph Probst in München hingerichtet. Sie bildeten die studentische Widerstandsgruppe Weiße Rose. Ein Satz von Sophie Scholl hat sich mir besonders eingeprägt: Man muss etwas machen, um selbst keine Schuld zu haben. Dazu brauchen wir einen harten Geist und ein weiches Herz. Wir haben alle unsere Maßstäbe in uns selbst, nur suchen wir sie zu wenig.

Die Hauptsache meines heutigen Blogeintrags ist aber eine Top-Five-Liste runder Todestage in zeitlicher Reihenfolge:

  • Heute vor 220 Jahren starb Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen (1720–1797), der als Lügenbaron in den Texten von Gottfried August Bürger weiterlebt, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht und auf Kanonenkugeln reitet.
  • Vor 30 Jahren starb eine ähnlich schillernde Persönlichkeit. Andy Warhol (1928–1987). Ich war bereits 14 Jahre alt blieb aber damals vom Tod des großen Pop-Artisten unbeeindruckt. Heute weiß ich um den des Werkes, das die Digitalisierung traumwandlerisch vorwegnahm.
  • Vor 15 Jahren starb der Zeichner, Regisseur und Drehbuchautor Chuck Jones (1912–2002). Den Namen kennt wohl kaum einer. Seine Looney Tunes kennt fast jeder. Zahlreiche Oscarnominierungen erhielt Jones für seine Arbeiten. Dreimal gewann er den Oscar. Ein vierter kam für sein Lebenswerk hinzu.
  • Vor 10 Jahren starb Lothar-Günther Buchheim (1918–2007). Er war Maler, Fotograf, Filmemacher, Autor und Verleger. In Erinnerung bleibt er uns für den Roman Das Boot, der in meinem Geburtsjahr 1973 herauskam. Aber wer liest schon so einen Schinken? 1981 verfilmte Wolfgang Petersen den Roman mit Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer und vielen anderen bekannten Schauspielern.
  • Vor 5 Jahren starben die US-amerikanische Journalistin Marie Colvin (1956–2012) und der französische Fotograf Rémi Ochlik (1983–2012) bei einem Artillerieangriff im syrischen Homs. Der Bürgerkrieg in Syrien hat zigtausende unschuldige Opfer gefordert. Diese beiden stehen für Menschen aus unserem Umfeld. Dadurch rückt das Geschehen näher an uns heran.