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Geburtstagskinder, die nicht konnten, wie sie wollten

Heute vor 244 Jahren wurde Ernst Theodor Amadeus Hoffmann geboren, den man vor allem bei seinen Initialen E. T. A. nennt. Bekannt ist er wohl den meisten als Autor von märchenhaften Geschichten; ein Romantiker eben. Aber er war auch Jurist, Komponist, Kapellmeister und Karrikaturist (siehe Beitragsbild). Wer sagte doch gleich, dass Goethe das letzte Universalgenie gewesen wäre?

Ihn verband seit seinem 10. Lebensjahr eine innige Freundschaft mit Theodor Gottlieb von Hippel den Jüngeren, der als Adeliger die preußische Beamtenlaufbahn schneller durchlaufen konnte als der bürgerliche Hoffmann. Hippel half ihm immer wieder und saß 1822 an seinem Totenbett. Hoffmann zeichnete bereits 1803 seinen Freund und sich ganz passend als Castor und Pollux.

Hoffmann_Hippel

Nun muss man natürlich aufpassen, in eine tiefe Männerfreundschaft zuviel hinein zu interpretieren. Aber mir scheint, dass die beiden heute vielleicht als ein Männerpaar glücklicher geworden wären. Es hat nicht sollen sein. Und ich nehme diese Spekulation zum Anlass für eine Top-Five-Liste von Geburtstagskindern des 24. Januar, die nicht konnten, wie sie wollten.

  • Publius Aelius Hadrianus (76–138) – Der römische Kaiser Hadrian ist für den Bau des Pantheons und der Engelsburg verantwortlich. Außerdem liebte er den griechischen Jüngling Antinoos, nach dessen Tod er im ganzen Reich Tempel für den Geliebten errichten ließ. Das war durchaus nicht üblich.
  • Farinelli (1705–1782) – Als Carlo Broschi geboren, wurde er im Alter von 9 Jahren kastriert, um seine Knabenstimme zu erhalten. Es ist vielleicht ein wenig einfach, ihn hier aufzunehmen. Klar ist auf jeden Fall, dass er keine vollständige erwachsene Beziehung führen konnte.
  • Friedrich der Große (1712–1786) – Der Alte Fritz war auch mal jung. Bevor er der erste Diener seines aufgeklärt-absolutistisch geführten Staates wurde, traf er mit etwa 17 Jahren den 25-jährigen Hans Hermann von Katte. Gemeinsam widmeten sie sich dem Flötenspiel und der Dichtkunst. Als der junge Friedrich vor seinem Vater nach Frankreich fliehen wollte, wurden beide gefasst. Katte wurde schließlich vor den Augen des Prinzen enthauptet.
  • Arndt von Bohlen und Halbach (1938–1986) – Er ist der Urenkel des Kanonenkönigs Friedrich Alfred Krupp, welcher durch lange Auffenthalte auf Capri in den Geruch kam, ein Päderast zu sein.  Unser Geburtstagskind brachte seine Apanage durch und rühmte sich, nicht einen Tag gearbeitet zu haben. Nicht nur der Küchenpsychologe vermutet dahinter eine Tragödie.
  • Klaus Nomi (1944–1983) – Der klassische Countertenor und schillernde Popsänger arbeitete unter anderem mit David Bowie. Mit 39 Jahren war er einer der ersten berühmten AIDS-Opfer. Das Video zeigt den Cold Song aus der Oper King Arthur von Henry Purcell.

Pikante Geburtstagspaare

Den Geburtstag sucht man sich nicht aus, auch wenn werdende Mütter oft das Gefühl haben mögen, der Nachwuchs versuche, bei dem angekündigten Geburtstermin kurzfristig doch noch mitzureden. Bei manchen historischen Geburtstagen habe ich den Eindruck, dass da zwei aufeinander gewartet haben – mal weil sie so gut zueinander passen und mal eben gerade nicht.

Also eine Top-Five-Liste von jeweils zwei Geburtstagskindern des 18. Dezember und was sie miteinander verbindet bzw. voneinander trennt:

  • Josef Wissarionowitsch Stalin (1878–1953) und Willy Brandt (1913–1992) – Das sind ja gleich zu Beginn solch historische Schwergewichte. Die kann meine Top-Five-Liste gar nicht fassen. Mit Stalin verbindet sich u.a. die Westverschiebung Polens und mit Brandt die Ostverträge und der Kniefall von Warschau.
  • Albin Köbis (1892–1917) und Hans Bernd August Gustav von Haeften (1905–1944) – Beide wurden hingerichtet. Beide stellten sich gegen ihre Regierung. Köbis kam für die Novemberrevolution gut ein Jahr zu früh. Von Haeften gehörte der Bekennenden Kirche an und stand dem Kreisauer Kreis nah. Nach dem 20. Juli 1944 wurde auch er gefangen genommen. Vor Gericht nannte er Hitler den großen Vollstrecker des Bösen.
  • Allen Klein (1931–2009) und Keith Richards (*1943) – Nicht im eigentlichen Sinne pikant, aber doch bemerkenswert. Der Manager und der Gitarrist der Rolling Stones haben am gleichen Tag Geburtstag. Pikant ist höchstens, dass Klein zeitweilig auch der Manager der Beatles war.
  • Stephen Bantu Biko (1946–1977) und Irja Askola (*1952) – Der eine begründete auf Grundlage der südamerikanischen Befreiungstheologie das Black Consciousness Movement in Südafrika. Die andere war die erste Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands und ordinierte als erste ein homosexuelles Paar zum Dienst in der Kirche.
  • Steven Allan Spielberg (*1946) und William Bradley Pitt (*1963) – Beide sind aus Hollywood nicht wegzudenken. Und ich mag eine ganze Reihe von Filmen von dem einen oder mit dem anderen. Aber wer kann mir einen Film nennen, in dem Brad Pitt die Hauptrolle unter der Regie von Steven Spielberg spielt?

Flagge zeigen!

Heute hat die deutsche Flagge Geburtstag, bzw. einen ihrer vielen Geburtstage. Denn die Farben Schwarz-Rot-Gold sind nicht nur älter als die Bundesrepublik und die Weimarer Republik, sondern sogar ein wenig älter als der Deutsche Bund von 1815. Denn davor kommen noch die Burschenschaft und das Lützowsche Freikorps der Befreiungskriege. Aber heute ist ein besonders rundes Jubiläum. Vor 100 Jahren beschloss der Staatenausschuss die Farben der deutschen Nationalflagge. Der Staatenausschuss war die Ländervertretung zur Zeit der Weimarer Nationalversammlung, quasi der Bundesrat der Übergangsphase.

Heute wissen wir, wie tragisch und brutal die Weimarer Republik endete. Doch das besudelt nicht die Farben Schwarz-Rot-Gold, die – nebenbei bemerkt – die Regeln der klassischen, aristokratischen Heraldik brechen. Bezeichnend ist nämlich, dass die Nationalsozialisten die Farben wieder abschafften. Statt der selbstbewussten bürgerlich-freiheitlichen Flagge wehte überall das heraldikkonforme Hakenkreuzbanner.


Für eine andere Entwicklung in Richtung Freiheit ist dieser Tag auch besonders wichtig. Die LGBT-Bewegung, deren Fortschritt ebenfalls am Wehen einer bestimmten Flagge abgelesen werden kann, kann heute bedeutender Ereignisse und Geburtstag gedenken. Ich liste sie in zeitlicher Reihenfolge auf:

  • 1895 – John Sholto Douglas, 9. Marquess of Queensberry lässt in seinem Club einen Brief übergeben für Oscar Wilde, den posierenden Sodomiten. Douglas ist der Vater von Alfred Douglas, dem Geliebten Oscar Wildes. Die quasi-öffentliche Betitelung als Sodomiten zwingt Wilde zu Verleumdungsklage. Diese wiederum führt zu Wildes strafrechtlicher Verurteilung wegen Homosexualität.
  • 1932 – Andreas Meyer-Hanno wird geboren. Der u. a. mit einem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Opernregisseur ist einer der wichtigsten Schwulenaktivisten der Bundesrepublik. Er setzte sich ein für das Mahnmal Homosexuellenverfolgung in Frankfurt a.M. auf dem dafür umbenannten Klaus-Mann-Platz. Es war das erste bundesdeutsche Denkmal für schwulen und lesbischen Opfer des NS-Regimes.
  • 1933 – Yoko Ono wird geboren. Sie ist nicht nur eine fantastische Künstlerin und die große Liebe von John Lennon; sie ist eine Menschenrechtsaktivistin, eine Kämpferin für den Frieden und die Gleichstellung von Homosexuellen. In der Komödie Jeffrey (1995) wird der schwule Innenarchitekt Sterling (Patrick Stewart) nach seiner größten erotischen Phantasie gefragt. Seine Antwort: einen Tee trinken mit Yoko Ono, um ihre Inneneinrichtung zu sehen.
  • 1937 – Der Reichsführer SS Heinrich Himmler hält in Bad Tölz eine Geheimrede vor den SS-Gruppenführern. In dieser Rede bezeichnet er Homosexualität als ein anormales Leben. Nach der relativen Zurückhaltung während der Olympischen Sommerspiele 1936 bedeutet dieses Rede die Rückkehr bzw. Ausweitung der Verfolgung von Homosexuellen.
  • 2006 – Die lesbische Polizistin Laurel Hester stirbt. Sie setzte sich erfolgreich dafür ein, dass ihre Partnerin nach ihrem krankheitsbedingt frühen Tod Anspruch auf Pensionszahlungen erhält, wie es bei heterosexuellen Paaren üblich ist. Julianne Moore spielt Hester im Film Freeheld (2015).

Top-Five-Liste von Musiker-Geburtstagen

Ach, wenn man einmal wieder mit Top-Five-Listen anfängt, ist es schwer wieder damit aufzuhören. Ob mir wohl fünf gute Gründe einfallen würden, warum ich Top-Five-Listen so gern mag?

Fünf Musiker feiern heute Geburtstag, die man ruhig kennen kann:

  • Robert Long (1943–2006) – Niederländischer Liedermacher, der auch auf Deutsch gesungen hat. Er lebte offen schwul und sang darüber; zu einer Zeit, da es noch nicht hipp war. Hörtipp: Homo Sapiens
  • Hans Hartz (1943–2002) – Wer kennt es nicht, das Sail Away! aus der Becks-Werbung? Achtung! Nicht zu verwechseln mit dem Remake, bei dem Joe Cocker versucht, in die Fußstapfen des Deutschen zu steigen.
  • Leslie West (*1945) – Der Name wird einigen nichts sagen. Aber mit seiner Band Mountain spielte 1969 in Woodstock. Eddie van Halen nennt den Gitarristen sein Vorbild. Ihr größter Hit: Mississippi Queen
  • Shaggy (*1968) – Wer wurde heute vor runden 50 Jahren geboren? It wasn’t me
  • Helmut Lotti (*1969) – Der Beginn seiner Karriere liegt in Belgien. Mit Helmut Lotti Goes Classic wurde er europaweit bekannt. Als Botschafter des Kinderhilfswerks UNICEF tut er bis heute Gutes. Im Herbst und später zur Advents- und Weihnachtszeit darf man auch seine Lieder wieder hören.

Der noble Frieden und Matthew Shepard

Gestern bekam die Initiative ICAN – International Campaign to Abolish Nuclear Weapons den Friedensnobelpreis für 2017 zuerkannt, für „ihre Arbeit, Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen von Atomwaffen zu lenken“. Vor zehn Jahren wurde sie in Wien gegründet, bei der Konferenz des Atomwaffensperrvertrags. Noch zwei Jahre früher aber dafür genau am heutigen Tag, also am 7. Oktober 2005, erhielt die 1957 gegründete IAEOInternationale Atomenergie-Organisation in Wien gemeinsam mit ihrem damaligen Generaldirektor Mohammed el-Baradei den Friedensnobelpreis „für ihren Einsatz gegen den militärischen Missbrauch von Atomenergie sowie für die sichere Nutzung der Atomenergie für zivile Zwecke“. Die USA und Nordkorea zeigen uns in den letzten Wochen, dass die Gefahr noch lange nicht gebannt ist, dass nach der ersten in einem Konflikt abgeworfenen Atombombe über Hiroshima, die über Nagasaki nicht die letzte ihrer Art sein könnte.

Morgen ist der 25. Todestag von Willy Brandt. Auch er ist Träger des Friedensnobelpreises. Sein Verdienst ist die Versöhnung nach den Naziverbrechen und die langsame Wiederannäherung zwischen Ost und West. Dazu nutzte er die Politik der kleinen Schritte – und die große Geste des Warschauer Kniefalls.

Das ist wohl Grund genug für eine Top-Five-Liste von Nobelpreisträgern, die am 7. Oktober geboren oder gestorben sind. So allgemein muss ich es formulieren, um auf fünf Personen zu kommen.

  1. Niels Henrik David Bohr (07.10.1885–18.11.1962) erhielt 1922 den Nobelpreis für Physik für seine Verdienste um die Erforschung der Struktur der Atome und der von ihnen ausgehenden Strahlung.
  2. George Emil Palade (19.11.1912–07.10.2008) bekam 1974 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin zuerkannt für die Entdeckungen zur strukturellen und funktionellen Organisation der Zelle.
  3. Niels Kaj Jerne (23.12.1911–07.10.1994) wurde 1984 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin verliehen; für Theorien über den spezifischen Aufbau und die Steuerung des Immunsystems.
  4. Desmond Mpilo Tutu (07.10.1931) bekam 1984 den Friedensnobelpreis zuerkannt für sein Engagement im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika.
  5. Harold Walter Kroto (07.10.1939–30.04.2016) erhielt 1996 als einer von dreien den Nobelpreis für Chemie für die Entdeckung der Fullerene, auch Buckyballs genannt, einer neuen Form des Kohlenstoffs mit kugelförmigen Molekülen.

Der 7. Oktober ist aber nicht nur ein guter, ein nobler, ein friedlicher Tag. Der 7. Oktober ist auch in die Geschichte der LGBT-Bewegung eingebrannt. Am frühen Morgen des 7. Oktober 1998 wurde der damals 21-jährige Matthew Wayne Shepard von zwei Männern in der kleinen Universitätsstadt Laramie im Bundesstaat Wyoming ausgeraubt, geschlagen, misshandelt und an einen Zaun gefesselt. Der Radfahrer, der ihn entdeckte, hielt Shepard zuerst für eine Vogelscheuche. Am 12. Oktober 1998 verstarb Shepard im Krankenhaus. Er war nicht mehr aus dem Koma erwacht.

Die beiden Täter wurden nach Intervention von Shepards Eltern nicht zum Tode verurteilt. Sie sitzen je zweimal lebenslänglich ab. Nach diesem Mord wurden die Gesetze in den USA für hate crimes (Hassverbrechen) verschärft. Matthew Shepard wurde postum zu einer Galionsfigur der LGBT-Bewegung. Shepards Eltern gründeten die Matthew Shepard Foundation.

Die Westboro Baptist Church nahm die Gerichtsverhandlung und die Beerdigung zum Anlass, gegen die Rechte Homosexueller zu demonstrieren. Auf ihren Schildern standen Sätze wie „God hates Fags“ und „Matt in Hell“. Sie Beziehen sich auf ein krudes Verständnis alt-testamentarischer Textstellen.

Bereits im November 1998 ging das New York City Tectonic Theater Project nach Laramie. Aus den Ortsbesichtigungen und Interviews ging das Laramie Project hervor. 2001 wurde es verfilmt mit Schauspieler wie  Peter Fonda, Joshua Jackson, Christina Ricci, Laura Linney, Clea DuVall, Ben Foster und Steve Buscemi.

Auch im Bereich der Rock- und Pop-Musik fand der Mord an Matthew Shepard seinen Niederschlag. Hier muss ich die Regel der Top-Five-Liste gleich erweitern zu einer Top-Twelve-Liste der Songs, die von Matthew Shepard handeln oder ihm gewidmet sind. Auch diese Liste bleibt immer noch sehr unvollständig.

    • Scarecrow – von Melissa Etheridge auf Breakdown (1999)
    • Trouble the Waters – von Big Country auf Driving to Damascus (1999)
    • American Triangle – von Elton John und Bernie Taupin auf Songs from the West Coast (2001)
    • Laramie – von Amy Ray auf Stag (2001)
    • Scarecrow – Kristian Hoffman mit Rufus Wainwright auf & (2002)
    • Fear and Loathing in Laramie – von Protest the Hero auf A Calculated Use of Sound (2003)
    • Jesus Is On The Wire – von Peter, Paul and Mary (Original von Thea Hopkins) auf In These Times (2004)
    • Matthew – von Janis Ian auf Billie’s Bones (2004)
    • Above the Clouds – von Cyndi Lauper und Jeff Beck auf The Body Acoustic (2005)
    • Did You Just Say ‚Faggot‘? – von den Dangers auf Dangers (2005)
    • Poster Child – von A Balladeer auf Where Are You, Bambi Woods? (2008)
    • The Fence (Matthew Shepard’s Song) – von Peter Katz auf First of the Last to Know (2010)

Aber das schönste Lied (und deshalb außerhalb der Top-Twelve-Liste) stammt vom kanadischen Singer-Songwriter Ron Sexsmith. Es heißt God Loves Everyone und findet sich auf seinem Album Cobblestone Runway aus dem Jahr 2002. Hier ein Video von YouTube:

Und noch eine Version:

Links
http://www.tectonictheaterproject.org/
http://www.matthewshepard.org/

Todestag von sieben Schriftstellern

Der 5. April ist manchem pop-kulturell Gebildeten bekannt als der Todestag von Kurt Cobain. 50 Jahre wäre er am 20. Februar 2017 geworden, hätte er sich 1994 nicht das Leben genommen. Manche seiner Texte haben bis heute überdauert. Zur Open Stage in der Villa höre ich immer wieder auch Lieder aus seiner Feder bzw. Songs, die auch er interpretiert hat.

Ich möchte mich aber heute den Schriftstellern und Dichtern widmen, da ich mit diesem Blog-Eintrag die wichtige Arbeit an meinem nächsten Buch herauszögere. Und da ich mich gerade nicht entscheiden kann, wird meine traditionelle Top-Five-Liste der an einem 5. April verstorbenen Autoren um zwei weitere Namen ergänzt:

  • Asukai Masatsune (1170–1221) – Höfling des japanischen Tenno Go-Toba, der selbst auch dichtete. Er arbeitete mit an der Shin Kokinshū, einer Anthologie von Waka-Gedichten. Eine Unterart der Waka sind die bis heute beliebten Haiku.
  • Edward Young (1683–1765) – Auch Young stand in der Gunst seines Herrschers. Er war Hofkaplan am britischen Hofe King Georges II. Doch das schien ihm wohl zu anstrengend zu sein. Denn bereits zwei Jahre später entschied er sich für eine kleine Pfarrei in Hertfordshire. Seine Energie steckte er in die Dichtkunst. Den Tod seiner Frau verarbeitete bis 1745 er in seinen The Complaint or Night-Thoughts, die Novalis als Vorlage für seine Hymnen an die Nacht dienten.
  • Fabre d’Églantine (1750–1794) – Er ist einer der Väter des französischen Revolutionskalenders. Standesgemäß verlor er auf der Guillotine Kopf und somit auch Leben gemeinsam mit seinem Weggefährten George Danton. Französische Kinder singen auch heute noch sein Lied: Il pleut, il pleut Bergère.
  • Friedrich Wilhelm Weber (1813–1894) – Seine Initialen machen mir persönlich Weber sofort sympathisch. Außerdem wurde er Weihnachten geboren. Vom Berufsstand Arzt, engagierte er sich in der Politik, war für die Zentrumspartei im preußischen Landtag. Seinem dichterischen Bemühen seit der Schulzeit maß er selbst wenig Bedeutung bei. Mit 65 Jahren veröffentlichte er das Versepos Dreizehnlinden, welches seinerzeit eine immense Verbreitung erfuhr: 2 Millionen verkaufte Exemplare! Weiter unten gebe ich zwei kurze Gedichte wieder, die zeigen, dass auch in katholischem Umfeld eine protestantische Arbeitsethik gedeihen kann.
  • Elsa Asenijeff (1867–1941) – Ich muss gestehen, ich kenne diese Dame überhaupt nicht, bzw. ich habe nichts von ihr gelesen. Denn ihr Gesicht ist jedem bekannt, der mit dem Schaffen Max Klingers vertraut ist. Als seine Muse und Geliebte stand sie auch häufig für ihn Modell. Mit ihren Schriften sollte man sich wohl einmal beschäftigen. Die Titel klingen vielversprechend: Aufruhr der Weiber und das Dritte Geschlecht, Unschuld – Ein modernes Märchenbuch, Tagebuchblätter einer Emancipierten, Die neue Scheherazade – Ein Roman in Gefühlen, Aufschrei – Freie Rhythmen, Bilanz der Moderne – Gedichte aus der Anstalt.
  • Saul Bellow (1915–2005) – Auch hier betrete ich – Schande über mein Haupt! – mir unbekanntes Terrain. Ich weiß lediglich, dass Bellow ein Nobelpreisträger für Literatur ist. Philip Roth nannte ihn das Rückgrat der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Und ich habe nichts von ihm gelesen.
  • Allen Ginsberg (1926–1997) – Ginsberg ist mir wieder vertrauter. Howl schrieb 1956 Beat-Literatur- und zugleich amerikanische Rechtsgeschichte. Dazu gibt es seit 2010 übrigens einen schönen Kinofilm. Ginsberg ging mit Bob Dylan auf Tour und lebte 43 Jahre in einer schwulen Beziehung.

Mit diesem Schluss müsste ich jetzt eigentlich Allen Ginsberg zitieren. Aber ich habe mich für F.W.W. entschieden:

Der beste Orden

Gar manches Knopfloch ist geschmückt,
weil machem Dies und Das geglückt
mit Klingen und mit Kielen.
Jedweder Leistung Ehr und Preis:
DER BESTE ORDEN, den ich weiß,
ist eine HAND voll SCHWIELEN.

Im Kreuz ist Heil

Was gift’ge Zungen dir auch zischelnd künden,
was eitle Blätter dir auch rauschen mögen,
eins mußt du treu und tief im Herzen hegen,
dass nirgend Heil als nur im Kreuz zu finden.
Trau du den Weisen nicht, die Torheit lehren,
nicht falschen Worten, die das Wort verkehren.
Und schlaf ich längst schon unter Friedhofslinden,
das sollst du stets bewahren im Gedächtnis
als meiner Liebe treuestes Vermächtnis:
„Es ist kein Heil als nur im Kreuz zu finden.“

Das Geburtstagsparadoxon

Heute haben vier Menschen aus meinem Freundeskreis Geburtstag. Das ist eine ganze Menge. Zwei davon waren sogar einige Zeit miteinander verheiratet. Tatsächlich findet man in Gruppen über 23 Personen mit einer Chance von über 50 % zwei, die am gleichen Tag Geburtstag haben. Das lässt sich mathematisch herleiten, ist aber doch so überraschend, dass man diesen Umstand Geburtstagsparadoxon getauft hat.

Da nun aber – bei aller Häufung – vier Personen nicht für eine Top-Five-Liste reichen, und ich schon allein zur Wahrung der Privatsphäre der Vier nicht ins Detail gehen würde, weiche ich auf berühmte Personen aus, die am 17. März geboren wurden (in zeitlicher Reihenfolge):

  • John B. Sebastian (*1944) – Singer/Songwriter und Woodstockveteran; mit seiner Band Lovin‘ Spoonfull nahm er Welthits wie Summer in the City und Daydream auf.
  • John Wayne Gacy (1942–1994) – US-amerikanischer Serienmörder, der 33 junge Männer vergewaltigte und ermordete. Für seine Strafe (21-mal lebenslänglich und 12-mal Tod) erhielt er sogar einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde. Er war als Pogo der Clown bekannt und ist wohl an der heutigen Angst vor Horrorclowns nicht ganz unschuldig.
  • Rudolf Chametowitsch Nurejew (1938–1993) – Ballett-Legende und frühes AIDS-Opfer. Seit Nurejew sind männliche Tänzer nicht nur dazu da, die Ballerina aufzufangen. Ballett wurde durch ihn Popkultur.
  • James Benson Irwin (1930–1991) – Astronaut der Apollo-15-Mission war der achte Mann auf dem Mond. Um ihm einen ersten Platz einzuräumen: er war der erste, der von einem Kollegen mit einem Mondfahrzeug herumgefahren wurde. Später wurde Irwin ein Prediger und forschte nach Überresten der Arche in der Nähe des türkischen BErges Ararat.
  • Siegfried Lenz (1926–2014) – Wichtiger Erzähler der Nachkriegszeit; Deutschstunde und die Sammlung von Erzählungen So zärtlich war Suleyken kommen mir in den Sinn. Später wurden seine Texte seichter.

Apollo_15_Lunar_Rover_and_Irwin

Link
http://www.im-chaos-daheim.de/geburtstag.php – Zum Berechnen der Wahrscheinlichkeit von gemeinsamen Geburtstagen in einer Gruppe

Geburtstag von W. H. Auden

Am 21. Februar 1907, heute vor 110 Jahren, wurde Wystan Hugh Auden im englischen York geboren. Auch wenn Auden heute dem durchschnittlich gymnasial Gebildeten kaum bis gar nichts sagt, sind sein Leben und Schaffen auch mit Deutschland verbunden. 1929 lebte er mit seinem Partner Christopher Isherwood in Berlin. Isherwood schrieb mit Goodbye to Berlin die Vorlage für Cabaret und später das traurige Alterswerk A Single Man, 2009 von Tom Ford mit Colin Firth in der Hauptrolle kongenial umgesetzt. W. H. Auden schrieb viele Libretti, u.a. für Benjamin Britten. Auch Leonard Bernstein ließ sich von Texten Audens inspirieren. 1948 erhielt er den Pulitzer-Preis für seinen Dialog in Versen: The Age of Anxiety.

1935 heiratete er Erika Mann, die älteste Tochter Thomas Manns, um ihr zur britischen Staatsbürgerschaft zu verhelfen. Die Mann-Familie war von den Nazis ausgebürgert worden. 1939 zog er nach New York; sieben Jahre später wurde er amerikanischer Staatsbürger. Seinen Lebensabend verbrachte Auden in Österreich. Er starb in Wien in meinem Geburtsjahr 1973.

Aus dem Jahre 1939 stammt der Refugee Blues, der noch vor Kriegsbeginn die Situation der aus Deutschland Geflüchteten beschreibt. Ob mit der Stadt der zehn Millionen Seelen noch London oder bereits New York gemeint ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Greater London hatte in den 30er Jahren bereits 8 Millionen Einwohner, New York City erst 7 Millionen. Einige Stellen beziehen sich sehr konkret auf die Situation Ende der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Erschreckend für mich ist jedoch, dass dieser Refugee Blues auch heute wieder gesungen werden kann. If we let them in, they will steal our daily bread … Lasst uns doch endlich menschlicher miteinander umgehen!

Refugee Blues

Say this city has ten million souls,
Some are living in mansions, some are living in holes:
Yet there’s no place for us, my dear, yet there’s no place for us.

Once we had a country and we thought it fair,
Look in the atlas and you’ll find it there:
We cannot go there now, my dear, we cannot go there now.

In the village churchyard there grows an old yew,
Every spring it blossoms anew;
Old passports can’t do that, my dear, old passports can’t do that.

The consul banged the table and said:
‚If you’ve got no passport, you’re officially dead‘;
But we are still alive, my dear, but we are still alive.

Went to a committee; they offered me a chair;
Asked me politely to return next year:
But where shall we go today, my dear, but where shall we go today?

Came to a public meeting; the speaker got up and said:
‚If we let them in, they will steal our daily bread‘;
He was talking of you and me, my dear, he was talking of you and me.

Thought I heard the thunder rumbling in the sky;
It was Hitler over Europe, saying: ‚They must die‘;
We were in his mind, my dear, we were in his mind.

Saw a poodle in a jacket fastened with a pin,
Saw a door opened and a cat let in:
But they weren’t German Jews, my dear, but they weren’t German Jews.

Went down the harbour and stood upon the quay,
Saw the fish swimming as if they were free:
Only ten feet away, my dear, only ten feet away.

Walked through a wood, saw the birds in the trees;
They had no politicians and sang at their ease:
They weren’t the human race, my dear, they weren’t the human race.

Dreamed I saw a building with a thousand floors,
A thousand windows and a thousand doors;
Not one of them was ours, my dear, not one of them was ours.

Stood on a great plain in the falling snow;
Ten thousand soldiers marched to and fro:
Looking for you and me, my dear, looking for you and me.

Der Text ist im Stil eines klassischen Blues geschrieben. Da liegt es natürlich nahe, den Text auch zur Gitarre zu singen. Ich habe es selbst gerade probiert, erspare euch aber eine Aufnahme davon. Auf YouTube findet man einige Versionen. Teilen möchte ich eine Dub-Version, die sich direkt auf die heutige Situation von Geflüchteten bezieht.

Aus aktuellem Anlass noch einmal der Link zu einem anderen Blog-Eintrag mit der Bitte um Beteiligung:
http://zweitgeborener.de/2016/12/keine-abschiebungen-nach-afghanistan/

GOD and the Gay Christian

Bis heute ist das Verhältnis von Sexualität und Religion ein sehr angespanntes. Homosexualität und Christentum scheinen oft unvereinbar zu sein. Der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens sagte eine Woche vor seiner Amtseinführung im Sommer 2015, Homosexualität sei nicht der Wille Gottes. In Deutschland lässt man so einen Menschen reden; man muss ja nicht zuhören. In den USA werden solche Diskussionen – wie auch Wahlkämpfe – gemeinhin schriller geführt.

Wenn man sich im Jugendalter seiner sexuellen Orientierung bewusst wird, stehen viele vor der Entscheidung Kirche oder Sex. Die einen ziehen nach San Francisco, die anderen gehen in ein Umerziehungslager. Eine dritte Gruppe führt ein stilles Doppelleben. Daraus entstehende Probleme besprechen sie mit ihrem Psychiater.

Dem Harvard-Studenten Matthew Vines gefielen diese Optionen nicht. Er machte sich als Sohn in einer evangelikalen Familie daran, die entsprechenden Bibelstellen nach ihrem eigentlichen Gehalt abzuklopfen. Ein Text in einer antiken Sprache verfasst, der vor 3000 Jahren seinen Ursprung hat, meint vielleicht etwas anderes, als wir heute beim Lesen einer bereits interpretierenden Übersetzung ins Deutsche oder Englische verstehen mögen.

Auch das ist nicht neu. Wir nennen dies die historisch-kritische Auslegung der Bibel. Theologen an deutschen Universitäten machen das jeden Tag. Matthew Vines aber ging mit 21 Jahren über YouTube an die Öffentlichkeit. Mit 24 Jahren veröffentlichte er sein Buch GOD and the Gay Christian (ISBN 978-1-60142-516-4). Heute ist er 26 Jahre alt und ein wichtiger LGBT-Aktivist innerhalb der christlichen Rechten in den USA.

https://youtu.be/HiEf2UOYIAE

Ich bin sehr beeindruckt von seiner Arbeit. Einige Argumente sind mir lange bekannt. Schließlich beschäftige ich mich auch schon einige Zeit mit diesem Thema. Anderes habe ich durch sein Buch neu sehen gelernt. Vor allem aber ist seine Ernsthaftigkeit und sein Eifer inspirierend.

Links
http://www.matthewvines.com/ – Der Autor Matthew Vines
http://www.reformationproject.org/ – A Bible-Based, Gospel-Centered Approach to LGBT Inclusion
http://www.ekd.de/familie/44736.html – Stellungnahme zur Homosexualität von der Evangelischen Kirche in Deutschland aus dem Jahre 1996

Gemeinsam in eine friedliche Zukunft

Letztes Jahr am 1. August habe ich mit einem Blog-Eintrag auf den 44. Jahrestag des ersten Benefizkonzerts der Rockgeschichte hingewiesen. Mit der 45 könnte ich das wieder machen. Heute wird der Sender MTV 35 Jahre alt. Auch darüber könnte man philosophieren. Mir steht der Sinn aber nach etwas anderem. Der 1. August ist nämlich auch ein Tag für friedliche und überaus dauerhafte Bündnisse, die ich hier mit einer Top-Five-Liste ehren und den EU-Mitgliedstaaten ins Stammbuch schreiben möchte.

  1. Der Schweizer Gründungslegende nach trafen sich am 1. August 1291 Vertreter der drei Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden auf dem Rütli am Vierwaldstättersee, um einen heiligen Eid zu schwören. Der lateinische Bundesbrief beginnt mit den Worten: In Gottes Namen. Amen. Das öffentliche Ansehen und Wohl erfordert, dass Friedensordnungen dauernde Geltung gegeben werde. Ein Austrittsszenario wird nicht gestaltet. Es heißt vielmehr: „Entsteht Krieg oder Zwietracht zwischen Eidgenossen und will ein Teil sich dem Rechtsspruch oder der Gutmachung entziehen, so sind die Eidgenossen gehalten, den andern zu schützen. – Diese Ordnungen sollen, so Gott will, dauernden Bestand haben.“ Seit 1891 – zur 600-Jahr-Feier dieses Bundes – wurde der Schweizer Nationalfeiertag auf den 1. August gelegt.
    Vorher galt ein anderer Schwur als Gründungsdatum der Schweiz, der Bundesbrief von Brunnen vom 9. Dezember 1315, der im Gegensatz zum Bundesbrief von 1291 sehr wahrscheinlich historisch ist. Er ist auf deutsch verfasst und beginnt sehr kenntnisreich: In gottes namen Amen. Wande menschlicher sin blöde und zerganglich, daz man der sachen und der dinge diu langwirig und stete solden beliben, so lichte und so balde vergizzet, dur daz so ist ez nutze und notdurftig, daz man die sachen, die dien lüten ze fride und ze gemache (und) ze nutze und zu eren uf gesetzet werdent, mit schrift und mit briefen wizzentlich und kuntlich gemachet werden.
  2. Am 1. August 1523 bildeten die Landstände Mecklenburgs eine Union, um der Teilung des Landes nach Erbstreitigkeiten zu entgehen – mit Erfolg und über den 30-jährigen Krieg hinaus. Die Landständische Union wurde erst im Zuge der Novemberrevolution am 3. Dezember 1918 aufgelöst.
  3. Am Vorabend des 1. August 1907 begann das erste Pfadfinderlager auf Brownsea Island mit einem Lagefeuer, um das General Robert Baden-Powell 22 Jungen aus unterschiedlichen sozialen Milieus versammelte. Am Morgen wurde die Pfadfinderbewegung offiziell gegründet. Ein Jahr später brachte Baden-Powell das Buch Scouting for Boys heraus. Aus diesem Buch stammt der seitdem oft kopierte pädagogische Grundsatz des Learning by Doing. Er schuf damit ein ideales Angebot für Kinder und Jugendliche, das auch heute noch die 1980 vom Pädagogen Peter Friedrich beschriebenen Lückekinder auffangen kann. Lückekinder sind zwischen 9 und 14 Jahren, für den Schulhort zu alt und für den Jugendklub zu jung.
  4. Zu Beginn habe ich von friedlichen Bündnissen gesprochen. Doch an dieser Stelle nehme ich den Beginn des Warschauer Aufstandes durch die Polnische Heimatarmee am 1. August 1944 mit in die Reihe. Es kommt doch darauf, gegen wen man Kämpft. Und ein Aufstand gegen das unmenschliche Naziregime gilt mir als ein Akt des Friedens. Die Rote Armee war bereits am rechten Weichselufer, als die Polnische Heimatarmee den Aufstand begann. Leider unterstützte die Rote Armee nicht die Aufständischen. Der Aufstand wurde letztendlich von den Nazis niedergeschlagen, die Heimatarmee aufgerieben und Warschau fast vollständig zerstört. Polnische Pfadfinder beteiligten sich als Boten und Sanitäter am Aufstand. Ihnen ist in Warschau das Denkmal des Kleines Aufständischen des Bildhauers Jerzy Jarnuszkiewicz gewidmet.
  5. Seit dem 1. August 2001 dürfen Schwule und Lesben mit der Eingetragenen Lebenspartnerschaft auch einen Bund fürs Leben schließen, der in vielen Punkten der Ehe gleichgestellt ist. Doch ist es keine Ehe für alle, wie sie mittlerweile in anderen, fortschrittlicheren Ländern geschaffen wurde.