Todestage großer Autoren

Morgen ist der 100. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll. Bevor wir diesen feierlich begehen können, müssen wir uns heute symbolisch von fünf Autoren verabschieden, deren Todestag heute ist:

  • Max Brod (1884–1968) – Ja, er hat selbst geschrieben! Auch wenn die Welt ihn als den Freund Franz Kafkas kennt, welcher der literarischen Welt zuliebe sein Versprechen am Sterbebett brach und Kafkas Werke veröffentlichte. Danke!
  • John Ernst Steinbeck (1902–1968) – Grapes of Wrath, Of Mice and Men, East of Eden – alle hervorragend verfilmt. Man kann den Literaturnobelpreisträger aber auch immer noch lesen.
  • Moss Hart (1904–1961) – Ich kenne Hart nicht als Autor. Aber er war als Dramaturg für die Uraufführung von My Fair Lady am Broadway verantwortlich. Vorlage: Pygmalion des Literaturnobelpreisträgers George Bernhard Shaw.
  • Günther Eich (1907–1972) – Ich kenne Eich vor allem als Lyriker der ersten Nachkriegszeit. Sein Gedicht Inventur gab dieser Zeit ihren Namen.
  • Carl Edward Sagan (1934–1996) –Er schrieb den Roman Contact, der mit Jodie Foster in der Hauptrolle verfilmt wurde. Aber er beschäftigte sich auch durchaus ernsthaft mit der Möglichkeit von Leben außerhalb unseres Sonnensystems. Die Artikel Leben und Extraterrestrisches Leben der Encyclopaedia Britannica stammen aus Sagans Feder. Und die Golden Record der Voyager-Mission, diese Nachricht an mögliches Leben, war auch eine Idee Sagans.

Deutsche Digitale Bibliothek

Heute vor fünf Jahren ging die Betaversion der Deutschen Digitalen Bibliothek online. Die Idee war, bei der Digitalisierung von Bibliotheksbeständen ein Gegengewicht zur Arbeit von Google zu schaffen, da Google als international agierendes Wirtschaftsunternehmen nicht zwingend und verlässlich dem deutschen Gemeinwohl dient. Apropos Gemeinwohl: Heute ist auch der Geburtstag von Friedrich Engels.

Link:
https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/

 

Ewigkeitssonntag

Heute ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr und trennt uns von der Adventszeit. Die Weihnachtsmärkte sind ja bereits aufgebaut. Wir warten ungeduldig, in den glühweinseligen Vorweihnachtstrubel zu gleiten. Aber zuvor kommt dieser etwas unbequeme Tag, der auch noch so einen düsteren Namen trägt: Totensonntag – oder etwas weniger düster aber schwerer: Ewigkeitssonntag.

Er symbolisiert für mich einen Kern der monotheistischen Religionen. An diesem Tag gedenken wir der Tatsache – für Agnostiker: der Möglichkeit –, dass es ein Regelsystem außerhalb unserer weltlichen Regeln gibt. Wir kennen uns in unserer Welt ganz gut aus. Wir wissen, was wir zu erwarten haben und was uns zusteht. Wir haben ein Gefühl für Gerechtigkeit. Nach diesem Leben wird aber ein anderer Maßstab an uns gelegt.

Im Evangelium nach Matthäus ist eine Weltgerichtsszene beschrieben, wo Jesus als König und Richter der Welt die Menschen einteilen wird, wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Dann wird er zu denen zu seiner Rechten sagen (Matthäus 25, 34–40):

Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Auf dem Totenbett interessiert nicht mehr, ob wir in unserem Leben ein hochrangiger Politiker waren, ein Wirtschaftsboss oder ein Hochschulprofessor. Auf dem Totenbett werden wir wieder gleich; Sterbliche. Und nach dem Tod werden wir gerichtet.

Wenn in der Kapuzinergruft in Wien ein Habsburger Kaiser beigesetzt wurde, gab es eine interessante Zeremonie. Ein Herold geht dem Trauerzug voran. Er klopft an die Tür zur Gruft. Ein Kapuzinermönch fragt von innen, wer Einlass begehre. Der Herold antwortet mit der Aufzählung aller weltlichen Titel und Ränge des Verstorbenen. Von drinnen heißt es: „Wir kennen ihn nicht!“ Dann klopft der Herold ein zweites Mal und beantwortet die Frage mit der Kurzform der Titel. Auch hier lautet die Erwiderung: „Wir kennen ihn nicht!“ Nach dem dritten Klopfen antwortet der Herold auf die Frage: „Ein sterblicher und sündiger Mensch.“ Nun erhält der Verstorbene Einlass in die Gruft.

Volkstrauertag und Gettysburg Address

Heute ist Volkstrauertag. Seit 1952 ist der vorletzte Sonntag des Kirchenjahres dem Gedenken von Kriegstoten und Opfern von Gewaltherrschaft. Wichtig ist hier, dass es nicht um eine Verherrlichung vermeintlicher deutscher Heldentaten geht. Alle Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft stehen gemeinsam im Zentrum.

Genau heute jährt sich die Einweihung des Soldatenfriedhofs auf dem Schlachtfeld von Gettysburg in Pennsylvania. Dort hielt Präsident Abraham Lincoln eine Rede, die heute zu den berühmtesten von US-Präsidenten gehaltenen Reden zählt. Martin Luther King wählte bspw. als Einstieg in seine I-have-a-dream-Rede eine ganz ähnliche Satzkonstruktion. Hier die Rede in ganzer Länge:

Four score and seven years ago our fathers brought forth on this continent, a new nation, conceived in Liberty, and dedicated to the proposition that all men are created equal.

Now we are engaged in a great civil war, testing whether that nation, or any nation so conceived and so dedicated, can long endure. We are met on a great battle-field of that war. We have come to dedicate a portion of that field, as a final resting place for those who here gave their lives that that nation might live. It is altogether fitting and proper that we should do this.

But, in a larger sense, we can not dedicate – we can not consecrate – we can not hallow – this ground. The brave men, living and dead, who struggled here, have consecrated it, far above our poor power to add or detract. The world will little note, nor long remember what we say here, but it can never forget what they did here. It is for us the living, rather, to be dedicated here to the unfinished work which they who fought here have thus far so nobly advanced. It is rather for us to be here dedicated to the great task remaining before us – that from these honored dead we take increased devotion to that cause for which they gave the last full measure of devotion – that we here highly resolve that these dead shall not have died in vain – that this nation, under God, shall have a new birth of freedom – and that government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth.

Abraham Lincoln
November 19, 1863

Der Begriff „score“ meint eine Einheit von zwanzig, also vor 87 Jahren (4 × 20 + 7 = 87). Die Bewertung von Lincolns Rede war durchaus unterschiedlich. Er selbst hielt sie für schwach. Sein mit zwei Stunden Redezeit ausführlicherer Vorredner Edward Everett schrieb in einem Brief an Lincoln:

I should be glad if I could flatter myself that I came as near to the central idea of the occasion, in two hours, as you did in two minutes.

Die Chicago Times kannte 1863 Präsident Trump noch nicht. Daher goss sie ihre Häme über Abraham Lincoln aus:

The cheek of every American must tingle with shame as he reads the silly, flat and dishwatery utterances of the man who has to be pointed out to intelligent foreigners as the President of the United States

Links
http://www.volkstrauertag.de/
http://www.abrahamlincolnonline.org/
http://www.loc.gov/exhibits/gettysburg-address/
https://en.wikipedia.org/wiki/File:Gettysburg_Address_Bliss_copy.jpg

Literarische Geburtstage

Heute ist ein wahrlich besonderer Tag. Gleich zwei meiner absoluten Top-Favoriten aus dem Kreise der Autoren haben heute Geburtstag. Grund genug für eine schnelle Top-Five-Liste; denn die beiden stehen mit ihrem Geburtstag am 18.11. nicht alleine da:

  • Margaret Eleanor Atwood (* 1939) – Ihr dystopischer Roman A Handmaid’s Tale kam nach Trumps Wahl wieder in die Bestsellerlisten. Aber sie hat natürlich mehr geschrieben – und meiner Meinung nach auch besseres: The Robber Bride oder die Sammlung kurzer Erzählungen Wilderness Tips.
  • Klaus Heinrich Thomas Mann (1906–1946) – Seine zwei weiteren Vornamen sind auch schon die größte Hypothek, die Klaus Mann mit sich herumschleppte. Mephisto und Der Fromme Tanz sind Bücher, die ich neben seinen Essays über den aufkommenden und raumgreifenden Nationalsozialismus empfehlen kann.
  • Hans Reimann (1889–1969) – Er schrieb einen alternativen Reiseführer über Leipzig in der Reihe Was nicht im „Baedeker“ steht des Piper-Verlags. In der gleichen Reihe veröffentlichten Klaus und Erika Mann übrigens ihr Buch von der Riviera. Er arbeitete zusammen mit Heinrich Spoerl. Man sagt, Reimann sei der Co-Autor von Spoerls Feuerzangenbowle. Zumindest teilten sie sich die Tantiemen.
  • Richard Fedor Leopold Dehmel (1863–1920) – Ich mag vor allem Zwei Menschen. Roman in Romanzen und einige seiner Gedichte. Aber der ganze Mensch Dehmel ist sehr interessant und schillernd. Die deutschen Expressionisten verehrten ihn. Er übte sich in der Freien Liebe. Und in einem verschriftlichten Gespräch mit Max Liebermann sagt er, nur in „Mischvölkern“ gedeihe genialische Kreativität, befinde sich das geistig-kulturelle Niveau auf seinem Höhepunkt. Von auswärtigen Einflüssen abgeschlossene Ethnien seien langfristig dem allmählichen zivilisatorischen Niedergang geweiht. (Richard Dehmel, Kultur und Rasse. Ein Gespräch zwischen Künstlern, 1913)
  • Friedrich Ludwig Zacharias Werner (1768–1823) – Hier muss ich gestehen, Werner ist vor allem dabei, um auf die Fünf zu kommen. Aber er scheint in Mensch zu sein, mit dem man sich einmal beschäftigen sollte. Bei Kant hat er studiert und in Weimar wurden seine Stücke vor Goethe aufgeführt. Nach drei gescheiterten Ehen konvertierte der romantische Dichter zum Katholizismus und wurde noch Priester. Sein bekanntestes Stück ist das Schicksalsdrama Der vierundzwanzigste Februar. Und das ist mein Geburtstag.

Link
http://gutenberg.spiegel.de/buch/zwei-menschen-1728/1Zwei Menschen. Roman in Romanzen von Richard Dehmel beim Projekt Gutenberg

Komponisten-Geburtstage

Der 25. Oktober ist der Geburtstag eines der größten Genies der Bildenden Kunst: Pablo Picasso. Vor 136 Jahren wurde er im spanischen Málaga geboren. Ich sollte vielleicht einen besonders langen Blog-Eintrag verfassen zu seinen verschiedenen Perioden oder zu ausgesuchten Werken. Er kann mich immer wieder begeistern. Doch irgendwie scheint mir das Projekt zu groß.

Ich bleibe lieber bei meinen Top-Five-Listen, heute: fünf Komponisten-Geburtstage des 25. Oktober.

  • Georg Gebel der Jüngere (1709–1753) – Der Bach-Zeitgenosse wurde in Schlesien geboren, wure dann in Dresden Mitglied der Brühl’schen Privatkapelle unter der Leitung des späteren Thomaskantors und unmittelbaren Bachnachfolgers Gottlob Harrer. Schließlich komponierte Gebel am Hof in Rudolstadt als Kapellmeister Kantatenzyklen, Oratorien, Passionen und Opern. Auch wenn noch nicht die Zeit dafür ist, möchte ich am Ende dieser Liste einen Link zu einer Aufnahme des Weihnachtsoratoriums setzen.
  • Johann Baptist Strauss, Sohn (1825–1899) – Man nennt dieses Wiener Urgestein auch gern den Walzerkönig. Wiener Blut und An der schönen blauen Donau sind weltbekannt. Operetten wie Die Fledermaus oder Der Zigeunerbaron werden bis heute immer wieder aufgeführt – und besucht.
  • Georges Bizet (1838–1875) – Paris und Romantik in der Musik; da kann ja nur Carmen herauskommen. Seine letzte Oper wurde zu Uraufführung in seinem Todesjahr verrissen. Heute ist sie eine der beliebtesten Opern überhaupt. Außerhalb der Musiker- und Musikwissenschaftler-Szene kennt man aber dafür auch nichts anderes von ihm.
  • Wolfgang Jacobi (1894–1972) – Ich muss gestehen, ich kenne nicht ein einziges seiner Werke. Aber als Professor für Komposition hob er in seinen eigenen Kompositionen das Akkordeon in den Stand eines ernsthaften Musikinstruments. Das brachte ihm eine Ehrenmitgliedschaft des Deutschen Akkordeonlehrer-Verbandes ein. Der Bayerische Verdienstorden und das Bundesverdienstkreuz erweitern die Reihe seiner Auszeichnungen.
  • Thomas Natschinski (*1947) – Gitarrist und Sänger in der DDR. Ich kenne ihn mit seiner Gruppe und der Aufforderung Sag mir, wo du stehst! In über 150 Filmen und Fernsehspielen ist seine Musik zu hören, u.a. in der Spuk-Reihe (z.B. Spuk im Hochhaus). Auch die Musik des DEFA-Kultfilm Heißer Sommer stammt von Natschinski und seinem Vater Gerd.

Der noble Frieden und Matthew Shepard

Gestern bekam die Initiative ICAN – International Campaign to Abolish Nuclear Weapons den Friedensnobelpreis für 2017 zuerkannt, für „ihre Arbeit, Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen von Atomwaffen zu lenken“. Vor zehn Jahren wurde sie in Wien gegründet, bei der Konferenz des Atomwaffensperrvertrags. Noch zwei Jahre früher aber dafür genau am heutigen Tag, also am 7. Oktober 2005, erhielt die 1957 gegründete IAEOInternationale Atomenergie-Organisation in Wien gemeinsam mit ihrem damaligen Generaldirektor Mohammed el-Baradei den Friedensnobelpreis „für ihren Einsatz gegen den militärischen Missbrauch von Atomenergie sowie für die sichere Nutzung der Atomenergie für zivile Zwecke“. Die USA und Nordkorea zeigen uns in den letzten Wochen, dass die Gefahr noch lange nicht gebannt ist, dass nach der ersten in einem Konflikt abgeworfenen Atombombe über Hiroshima, die über Nagasaki nicht die letzte ihrer Art sein könnte.

Morgen ist der 25. Todestag von Willy Brandt. Auch er ist Träger des Friedensnobelpreises. Sein Verdienst ist die Versöhnung nach den Naziverbrechen und die langsame Wiederannäherung zwischen Ost und West. Dazu nutzte er die Politik der kleinen Schritte – und die große Geste des Warschauer Kniefalls.

Das ist wohl Grund genug für eine Top-Five-Liste von Nobelpreisträgern, die am 7. Oktober geboren oder gestorben sind. So allgemein muss ich es formulieren, um auf fünf Personen zu kommen.

  1. Niels Henrik David Bohr (07.10.1885–18.11.1962) erhielt 1922 den Nobelpreis für Physik für seine Verdienste um die Erforschung der Struktur der Atome und der von ihnen ausgehenden Strahlung.
  2. George Emil Palade (19.11.1912–07.10.2008) bekam 1974 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin zuerkannt für die Entdeckungen zur strukturellen und funktionellen Organisation der Zelle.
  3. Niels Kaj Jerne (23.12.1911–07.10.1994) wurde 1984 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin verliehen; für Theorien über den spezifischen Aufbau und die Steuerung des Immunsystems.
  4. Desmond Mpilo Tutu (07.10.1931) bekam 1984 den Friedensnobelpreis zuerkannt für sein Engagement im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika.
  5. Harold Walter Kroto (07.10.1939–30.04.2016) erhielt 1996 als einer von dreien den Nobelpreis für Chemie für die Entdeckung der Fullerene, auch Buckyballs genannt, einer neuen Form des Kohlenstoffs mit kugelförmigen Molekülen.

Der 7. Oktober ist aber nicht nur ein guter, ein nobler, ein friedlicher Tag. Der 7. Oktober ist auch in die Geschichte der LGBT-Bewegung eingebrannt. Am frühen Morgen des 7. Oktober 1998 wurde der damals 21-jährige Matthew Wayne Shepard von zwei Männern in der kleinen Universitätsstadt Laramie im Bundesstaat Wyoming ausgeraubt, geschlagen, misshandelt und an einen Zaun gefesselt. Der Radfahrer, der ihn entdeckte, hielt Shepard zuerst für eine Vogelscheuche. Am 12. Oktober 1998 verstarb Shepard im Krankenhaus. Er war nicht mehr aus dem Koma erwacht.

Die beiden Täter wurden nach Intervention von Shepards Eltern nicht zum Tode verurteilt. Sie sitzen je zweimal lebenslänglich ab. Nach diesem Mord wurden die Gesetze in den USA für hate crimes (Hassverbrechen) verschärft. Matthew Shepard wurde postum zu einer Galionsfigur der LGBT-Bewegung. Shepards Eltern gründeten die Matthew Shepard Foundation.

Die Westboro Baptist Church nahm die Gerichtsverhandlung und die Beerdigung zum Anlass, gegen die Rechte Homosexueller zu demonstrieren. Auf ihren Schildern standen Sätze wie „God hates Fags“ und „Matt in Hell“. Sie Beziehen sich auf ein krudes Verständnis alt-testamentarischer Textstellen.

Bereits im November 1998 ging das New York City Tectonic Theater Project nach Laramie. Aus den Ortsbesichtigungen und Interviews ging das Laramie Project hervor. 2001 wurde es verfilmt mit Schauspieler wie  Peter Fonda, Joshua Jackson, Christina Ricci, Laura Linney, Clea DuVall, Ben Foster und Steve Buscemi.

Auch im Bereich der Rock- und Pop-Musik fand der Mord an Matthew Shepard seinen Niederschlag. Hier muss ich die Regel der Top-Five-Liste gleich erweitern zu einer Top-Twelve-Liste der Songs, die von Matthew Shepard handeln oder ihm gewidmet sind. Auch diese Liste bleibt immer noch sehr unvollständig.

    • Scarecrow – von Melissa Etheridge auf Breakdown (1999)
    • Trouble the Waters – von Big Country auf Driving to Damascus (1999)
    • American Triangle – von Elton John und Bernie Taupin auf Songs from the West Coast (2001)
    • Laramie – von Amy Ray auf Stag (2001)
    • Scarecrow – Kristian Hoffman mit Rufus Wainwright auf & (2002)
    • Fear and Loathing in Laramie – von Protest the Hero auf A Calculated Use of Sound (2003)
    • Jesus Is On The Wire – von Peter, Paul and Mary (Original von Thea Hopkins) auf In These Times (2004)
    • Matthew – von Janis Ian auf Billie’s Bones (2004)
    • Above the Clouds – von Cyndi Lauper und Jeff Beck auf The Body Acoustic (2005)
    • Did You Just Say ‚Faggot‘? – von den Dangers auf Dangers (2005)
    • Poster Child – von A Balladeer auf Where Are You, Bambi Woods? (2008)
    • The Fence (Matthew Shepard’s Song) – von Peter Katz auf First of the Last to Know (2010)

Aber das schönste Lied (und deshalb außerhalb der Top-Twelve-Liste) stammt vom kanadischen Singer-Songwriter Ron Sexsmith. Es heißt God Loves Everyone und findet sich auf seinem Album Cobblestone Runway aus dem Jahr 2002. Hier ein Video von YouTube:

Und noch eine Version:

Links
http://www.tectonictheaterproject.org/
http://www.matthewshepard.org/

Namenstag der Hll. Maria und Martha

Heute ist der Namenstag der Schwestern Maria und Martha von Bethanien. Im Evangelium nach Johannes wird von ihnen erzählt und im Evangelium nach Lukas. Dort ist über die beiden Schwestern folgende Passage zu lesen (Lukas 10, 38–42):

Sie zogen zusammen weiter und er kam in ein Dorf. Eine Frau namens Martha nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Martha aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: „Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!“ Der Herr antwortete: „Martha, Martha, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“

Es geht hier nicht darum, dass müßig rumzusitzen besser sei als einen Gast zu bewirten. Wir kennen das von manchen Menschen, die sich mit Haushaltsarbeiten beschäftigen, ablenken, um nur nicht über etwas Wichtiges nachdenken zu müssen oder sich einem bestimmten Menschen zuzuwenden. Zu vergleichen ist das vielleicht mit den ersten beiden Vorübergehenden im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Pünktlicher Tempeldienst ist bestimmt nichts Schlechtes. Aber einem anderen Menschen in einer empfindlichen Notsituation zu helfen, ist dann doch dringlicher und vor allem wichtiger.

Übrig blieb von dieser Passage eine jahrhundertelange Gleichsetzung von Maria mit der namenlosen Sünderin der Fußsalbung und Maria Magdalena einerseits und die Einsetzung der Hl. Martha als Schutzpatronin der Kellner. DA ist mal wieder am Kern vorbei gehandelt worden; aber genau darum geht es ja in der Geschichte.

Das Evangelium nach Lukas ist übrigens das weiblichste der vier Evangelien. Manche meinen sogar, es sei dem Evangelisten von Maria Magdalena diktiert worden. Viele weibliche Personen kommen in diesem Evangelium vor, an prominenten Stellen. So sind es beispielsweise Frauen, die als erste den Auferstandenen am Ostermorgen sehen.

Über die Rollen von Männern und Frauen wird heute wieder viel gestritten. Mittlerweile unterscheiden wir biologisches und soziales Geschlecht, untersuchen die angestrebte Gleichbehandlung im Arbeitsleben und diskutieren die Einrichtung von Unisex-Toiletten. Manchem dröhnt davon der Schädel. Mit Begriffen wie Genderwahn und Gendergaga werden solche Fragen von konservativen und weniger flexiblen Kreisen abgetan.

Dies ist auch der marketingwirksame Titel, unter dem Professor Thorsten Dietz einen Video-Vortrag hält, der von der evangelischen Organisation Worthaus auf YouTube bereitgestellt wurde. Das Bob-Dylan-T-Shirt soll uns nicht in die Irre führen; Prof. Dietz ist ein seriöser Wissenschaftler, der seinen Forschungsgegenstand fundiert bearbeitet hat. Aber er kann, wie auch andere Redner bei Worthaus, seine Erkenntnisse locker und verständlich rüberbringen. Die Worthaus-Beiträge sind zwischen einer und anderthalb Stunden lang. Die Zeit lohnt sich.

Link
http://worthaus.org/

Quasi Top-Five-Listen von Schriftstellern mit heutigem Geburts- oder Todestag

Heute ist mal wieder ein besonders wichtiger Tag für die Welt der Dichter und Denker und für die der Leser. Wenn ich mir meine letzten (und die heute aufgestellten) Top-Five-Listen so anschaue, drängt sich mir das GEfühl auf, dass ich mich stärker disziplinieren muss. Warum heißen diese Listen wohl Top Five? Nichtsdestotrotz hier eine auf sieben aufgestockte Top-Five-Liste der Schriftsteller, die heute, am 02. Juli, Geburtstag haben:

  • Abraham a Sancta Clara (1644–1709) – Über 600 Schriften hinterließ uns dieser Ordensmann und ist damit einer der bedeutendsten Dichter des deutschsprachigen katholischen Barock. Ich lernte ihn durch Judas Der Ertz-Schelm kennen, ein Werk, das den Verräter Christi in eine Ecke mit dem Vatermörder Oidipus stellt.
  • Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803) – Aufklärung, Empfindsamkeit – mit diesen Worten verbindet man Klopstock. Er träumte von einer deutschen Gelehrtenrepublik und einem deutschen Nationalepos, das von ihm zu schaffen sei, der Messias. Ich kann beim Lesen seiner Texte heute keine große Freude empfinden. Seiner Bedeutung in der Literaturgeschichte tut dies keinen Abbruch.
  • Lily Braun (1865–1916) – Die stolze Frauenrechtlerin und Sozialdemokratin ist bestimmt einen langen Eintrag wert. Tatsächlich habe ich mich noch nicht lang und intensiv genug mit ihr beschäftigt. Ich kam zu ihr über ihren Sohn, den Hochbegabten 1918 mit 20 Jahren gefallenen Otto Braun. Auf meiner ewig langen Leseliste stehen die Memoiren einer Sozialistin.
  • Hermann Karl Hesse (1877–1962) – Er überstrahlt heute alle anderen Jubilare; denn dies ist mit 130 Jahren ein runder Geburtstag. Außerdem gelingt es seinen Texten bis heute, sowohl bei Deutschlehrern als auch pubertierenden Schülern beliebt zu sein. Allein dafür hätte er in meinen Augen seinen Literaturnobelpreis (1946) bereits verdient.
  • Hans Günther Adler (1910–1988) – Er promoviert über Klopstock und arbeitete bei der Urania für die Volksbildung. Er geriet in die Fänge der Nationalsozialisten und überlebte das Grauen. Er schrieb sowohl Belletristik als auch Sachbücher zu den sein Leben prägenden Ereignissen. Als Standardwerk gilt bis heute: Theresienstadt 1941–1945, Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft.
  • Josef Guggenmos (1922–2003) – Guggenmos ist ein wichtiger Vertreter der Literatur für Kinder. Ich bin mit Texten von ihm aufgewachsen. Mittlerweile tragen einige Grundschulen seinen Namen, der irgendwie zu Kinderlyrik besonders gut zu passen scheint.
  • Wisława Szymborska (1923–2012) – Die polnische Literaturnobelpreisträgerin (1996) habe ich in diesem Jahr schon einmal erwähnt. Am 1. Februar war ihr fünfter Todestag. Zum Eintrag inklusive einem Gedicht von ihr.

Der 2. Juli ist aber auch der Todestag bedeutender Autoren. Daher gleich noch eine sieben Namen umfassende Top-Five-Liste (sortiert nach Todesjahr):

  • Nostradamus (1503–1566) – Ich gestehe, seine Schriften nicht tatsächlich gelesen zu haben. Immer wieder hört man, er habe das eine oder andere vorhergesagt. In dieser Liste steht er vor allem, um zu zeigen, dass sein Werk zur Dichtung gezählt werden muss.
  • Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) – Sein Leben könnte eher aus einem Schundroman stammen. Seine Werke haben die europäische Geisteswelt nachhaltig verändert. Sie sind das Fundament der Aufklärung. Bis heute kann man zumindest Anregungen aus seinen Schriften zu wirtschaftlichen, sozialen und pädagogischen Fragen ziehen. Heute mag ich einen Satz aus seinem Buch Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (1755) besonders gern, den ich am Ende dieses Eintrags wiedergebe.
  • Ernest Miller Hemingway (1899–1961) – Über Literaturnobelpreisträger (1954) muss ich wohl nicht so viel schreiben. Die sind meist bekannt. Hemingway ist übrigens mehr als Der alte Mann und das Meer.
  • Vladimir Nabokov (1899–1977) – Nabokov gehört noch stärker als Hemingway zu den Künstlern, deren Gesamtwerk hinter dem Ruhm eines einzelnen Werkes zurücktritt; zumal es in seinem Falle auch noch ein pikantes ist. Lolita ist sogar genrebildend geworden. Wer kennt einen weiteren Text von Nabokov?
  • Josef Mühlberger (1903–1985) – Der Sudetendeutsche schrieb 1934 den Roman Die Knaben und der Fluss. Unser heutiges Geburtstagskind Hesse schrieb darüber, es sei wie eine Vogelmelodie, die schönste und einfachste junge Dichtung, die [er] seit langer Zeit gelesen habe.
  • Mario Gianluigi Puzo (1920–1999) – Wahrscheinlich kennt man eher die Verfilmungen seiner Bücher. Für Der Pate und Der Pate, Teil II erhielt er je einen Oscar; denn die Drehbücher hatter Puzo ebenfalls erarbeitet. Ich glaube aber, dass der Ruhm doch eher dem Regisseur Francis Ford Coppola und natürlich den unvergleichlichen Marlon BRando und Al Pacino zu verdanken ist.
  • Elie Wiesel (1928–2016) – Wiesel ist ein Holocaust-Überlebender und wichtiger Zeitzeuge, der in Romanen und Sachbüchern den Faschismus damals thematisiert und der Fratze der Unmenschlichkeit auch in unseren Tagen die Maske herunterriss. 1986 erhielt er den Friedensnobelpreis für seine Vorbildfunktion im Kampf gegen Gewalt, Unterdrückung und Rassismus.

Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: dies ist mein und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Not und Elend und wie viele Schrecken hätte derjenige dem Menschengeschlecht erspart, der die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: „Hütet euch, auf diesen Betrüger zu hören; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, das die Früchte allen gehören und die Erde niemandem.“
aus: „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“
von: Jean-Jacques Rousseau

Todestage von Weltveränderern

Die Welt verändern! Einen Anstoß geben, der die Kugel in eine andere – und hoffentlich zukunftsträchtigere – Richtung weiterrollen lässt. Das ist der Traum vieler Menschen. Ich muss gestehen, dass ich wohl auch in diese Gruppe gehöre; in die der Träumer. Nun ist nicht jede Veränderung gleich eine Verbesserung. Im Wandel der Zeit kann sich die Bewertung ändern. Und oft sind sich unterschiedliche Interessengruppen gar nicht einig über die Bewertung einer Veränderung. So oder so, die fünf Personen auf meiner Top-Five-Liste heutiger Todestage haben diese Welt verändert zurückgelassen.

  • Johann Baptist Strauss (1825–1899) – Der Walzerkönig von Wien. Sein gleichnamiger Vater zeichnet verantwortlich für den Radetzky-Marsch, er schrieb die großen Walzer wie An der schönen blauen Donau, Wiener Blut und den Kaiser-Walzer sowie Operetten: Die Fledermaus und Der Zigeunerbaron, um nur zwei zu nennen. Langezeit waren romantische Szenen in Filmen ohne seinen musikalischen Beitrag schier unmöglich.
  • Franz Kafka (1883–1924) – Seitdem Max Brod die Texte Kafkas veröffentlichte, ist der Deutschunterricht wieder spannend. Das stimmt so natürlich nicht; denn erstmal waren Kafkas Texte in Nazi-Deutschland verboten. Auch ohne Nobelpreis steht dieses Werk monolithisch in der Landschaft der Weltliteratur.
  • Johannes XXIII. (1881–1963) – Noch unter dem bürgerlichen Namen Angelo Giuseppe Roncalli setzte er sich für Christen in der neu gegründeten Türkei und Juden aus Nazideutschland ein. Als Papst berief er das Zweite Vatikanische Konzil ein, das unter seinem Nachfolger Paul VI. zum Abschluss kam. In seiner letzten Enzyklika Pacem in terris (Friede auf Erden) weist Johannes XXIII. die Akteure des Kalten Krieges daraufhin, dass Streitigkeiten nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verträge und Verhandlungen beizulegen sind.

  • Nâzım Hikmet (1902–1963) – Der Dramatiker und Lyriker gilt als Begründer der modernen türkischen Lyrik. Das heißt nicht, dass er zu Lebzeiten in seiner Heimat wohlgelitten gewesen wäre. Er starb im russischen Exzil. 2009 bekam er postum die türkische Staatsbürgerschaft zurück. Die letzte Strophe aus seinem Gedicht Davet (Einladung) kennt man in Deutschland vor allem als Refrain des Liedes Leben einzeln und frei von Hannes Wader.

  • Ruhollah Musawi Chomeini (1902–1989) – Er ist die zentrale Figur der Islamischen Revolution, die 1979 zur Absetzung des Schahs Pahlavi in Persien und zur Gründung der Islamischen Republik Iran führte. Seitdem hieß er Ajatollah und ersetzte das alte Unrechtsregime durch ein neues. Ich persönlich bin ein religiöser Mensch; doch bin ich auch ein Verfechter der Gewaltenteilung. Chomeini sieht das anders. Bereits 1943 schrieb er: Die islamische Regierung ist die Regierung des göttlichen Rechts, und ihre Gesetze können weder gewechselt, noch geändert, noch angefochten werden.

Davet

Dörtnala gelip Uzak Asya’dan
Akdeniz’e bir kısrak başı gibi uzanan
bu memleket, bizim.

Bilekler kan içinde, dişler kenetli, ayaklar çıplak
ve ipek bir halıya benziyen toprak,
bu cehennem, bu cennet bizim.

Kapansın el kapıları, bir daha açılmasın,
yok edin insanın insana kulluğunu,
bu dâvet bizim.

Yaşamak bir ağaç gibi tek ve hür
ve bir orman gibi kardeşçesine,
bu hasret bizim!

Einladung

Dieses Land, das im Galopp aus dem fernen Asien kam
und sich wie ein Stutenkopf ins Mittelmeer streckt,
dieses Land ist unser.

Blutige Handgelenke, zusammengepresste Zähne, nackte Füße,
und die einem seidenen Teppich gleichende Erde,
diese Hölle, dieses Paradies sind unser.

Sich einem andern zu verdingen, damit soll Schluss, endlich Schluss sein,
schafft ab die Knechtschaft des Menschen durch den Menschen!
Diese Einladung ist unser.

Leben! Wie ein Baum, einzeln und frei
und brüderlich wie ein Wald,
diese Sehnsucht ist unser!

(Übersetzung von Helga Dagyeli-Bohne und Yildirim Dagyeli. In: Hikmet, Nazim; Die Luft ist schwer wie Blei. Hava Kursun Gibi Agir. Gedichte. Übersetzt und herausgegeben von Dagyeli-Bohne und Yildirim Dagyeli. Berlin 2000)

Drei weitere Todestage möchte ich nicht unerwähnt lassen, weil auch sie mir wie beim Tod Chomeinis zeigten, dass ich gerade das Ende einer Ära erlebe:

  • Anthony Quinn (1915–2001)
  • David Carradine (1936–2009)
  • Muhammad Ali (1942–2016)