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Zurück aus dem Urlaub

Gestern Abend bin ich aus heil aus dem Urlaub zurückgekommen. Eine Woche bei meiner englischen Tante in London und eine Woche beim diesjährigen EMAG in Rotterdam. Ich nenne es Urlaub, weil ich in der Zeit nicht meiner regelmäßigen Arbeit nachgehe; aber an sich ist es doch eher eine Studienreise mit vielen Besuchen von Museen, Galerien, Vorträgen und Diskussionen. Eine schöne und auch fordernde Zeit.

Ich gehe heute nicht ins Detail über die einzelnen Programmpunkte. Mein erster Tag in der Heimat hat noch wichtigere Aufgaben für mich. Ein paar Bilder möchte ich aber doch zeigen. Wer will, kann mir nach dem Testprinzip Odd-one-out schreiben oder kommentieren, welches Bild sich von den übrigen stärker unterscheidet, bzw. was sie denn wohl alle einen könnte.

Sinéad O’Connor ist tot

Gestern habe ich erfahren, dass Sinéad O’Connor verstorben ist. Die irische Sängerin und Songwriterin wurde 56 Jahre alt. In den letzten Jahren war sie von den großen Bühnen verschwunden. Sie war aber die gesamte Zeit künstlerisch aktiv. 1990 durfte ich sie in Berlin bei Roger Waters’ The Wall live erleben.

Ihre Stimme wird nicht nur musikalisch fehlen. Sinéad O’Connor war auch politisch eine wichtige Akteurin. Sie gehörte zu den ersten Großen, die auf den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche hinwies. Als sie ein 1992 im US-amerikanischen Fernsehen ein Bild von Papst Johannes Paul II. zerriss, wollte kaum einer die Botschaft hören. Man echauffierte sich lieber über ihre brutale Geste. Ein Bild zu zerreißen, sei ja quasi ein symbolischer Mord. Nun, heute blicken wir auf die Missbrauchsskandale der Kirchen mit anderen Augen und O’Connor war wohl eher eine Pionieren, ihrer Zeit weit voraus.

Auch zum Nordirland-Konflikt und zu Israel-Palästina, zu Frauenrechten und religiösen Fragen äußerte sich Sinéad O’Connor immer wieder offen und kontrovers. Außerdem machte sie aus ihren eigenen psychischen Problemen keinen Hehl, die wohl in ihrer problematischen Kindheit begründet sind.

Im Guardian wurde sie in einem etwas verunglückten Nachruf ein One-Hit-Wonder genannt. Dem möchte ich entschieden widersprechen. Selbstverständlich ist ihr großer Nummer-1-Hit Nothing Compares 2 U ein singulärer Erfolg; aber nicht jeder, der in der Rolling-Stone-Liste der 500 besten Songs aller Zeiten (2021) nur einmal genannt wird, ist ein One-Hit-Wonder.

Wiederholt konnte man Singles und Alben der Musikerin in den Top-100 finden. Größerer kommerzieller Erfolg, den sie auch nicht unbedingt erstrebte, wurde von manchen Unternehmen auch zu verhindern versucht, weil ihnen O’Connors politische Ansichten nicht passten.

Ich möchte die Verstorbene während meines England-Urlaubs ehren, indem ich eine Top-Five-Liste erstelle mit Songs, die mir viel bedeuten. Auf Nothing Compares 2 U habe ich in dieser Liste bewusst verzichtet. Auch ihr drittes Album Am I Not Your Girl? von 1992 habe ich nicht in der Liste, weil ich mich schlicht nicht entscheiden konnte, welches Lied ich hätte wählen wollen.

  • This IS a Rebel Song – Auf der EP Gospel Oak von 1997 sind sechs wirklich gute Lieder, die schön und ergreifend von ihren Baustellen berichten. Hier ist es vor allem der Konflikt zwischen Irland und England.
  • Silent Night – Ihr legendäres zweites Album von 1990 wurde 2009 noch einmal mit einer Bonus-CD veröffentlicht. Auf ihr findet sich das bekannte Weihnachtslied, das durch O’Connors Stimme aus dem Kitsch-Sumpf wieder empor gehoben wird in astrale Sphären.
  • Troy – Von ihrem ersten Album The Lion and the Cobra von 1987 war dies die erste Single-Auskopplung. Inspiriert ist das Lied vom Gedicht No Second Troy von W. B. Yeats und es zeigt gleich, was wir von Sinéad O’Connor in den folgenden Jahren gesanglich würden erwarten können.
  • I Don’t Know How To Love Him – Auf der Doppel-CD Theology, 2007 in Dublin und London aufgenommen, findet sich dieser Song, den Maria Magdalena im Musical Jesus Christ Superstar singt. Mit O’Connors Stimme höre ich ihn noch ein wenig lieber.
  • Red Football – Ihr viertes Album Universal Mother von 1994 ist für mich wieder eines, gefüllt mit wunderbarem Hit-Material. Zu dieser Zeit hatten sich schon viele von dieser schwierigen Frau abgewendet. Hier singt sie: Mein Herz ist kein roter Fußball, den man durch den Garten kickt.

Rest in Peace, Sinéad O’Connor!

Ostersonntag

Heute ist Ostern, der Tag der Auferstehung Jesu Christi. Die Auferstehung bedeutet für mich zweierlei; das leere Grab und die Aufforderung zur Nachfolge Christi. Beim Evangelium nach Lukas folgt auf die Entdeckung des leeren Grabes die Erzählung von den zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus.

Während die beiden Jünger über die vergangene Kreuzigung und die Zukunft der Lehren Jesu diskutieren, gesellt sich ein weiterer Wanderer hinzu. Es ist Jesus selbst, den sie zu diesem Zeitpunkt aber nicht erkennen. Erst nachdem sie ihn in Emmaus zum Bleiben genötigt haben und Jesus das Brot mit ihnen bricht, erkennen sie ihn und machen sich auf den Weg zurück nach Jerusalem, um den anderen Jüngern davon zu erzählen.

Caravaggio: Abendmahl in Emmaus (um 1601), National Gallery London

Caravaggio hat 1601 diese Situation aus dem Lukasevangelium in seinem berühmten Gemälde Abendmahl in Emmaus ausgestaltet, das heute in der National Gallery in London zu sehen ist. Neben den zwei Jüngern und dem segnenden Jesus ist noch eine vierte Person dargestellt, stehend, und einen Schatten auf den Auferstandenen werfend.

Der Schatten über Jesus wirkt trotz seiner Schwärze wie ein Heiligenschein, er lässt ihn im Kontrast strahlender und jünger erscheinen. Die stehende Person wird of als Herbergswirt bezeichnet. Das gefällt mir. Denn so beginnt Jesu Leben mit einem Herbergswirt, der keinen anderen Raum in seiner Herberge hat als einen Stall, und es – „endet“ ist hier wohl nicht das richtige Wort – beginnt als Auferstandener mit einem Herbergswirt, der diesem – nicht letzten, sondern vielmehr erstem – Abendmahl der neuen Zeit skeptisch beiwohnt.

In diesem Wirt kann sich der zeitgenössische Betrachter wiederfinden. So gehe hin und tu auch du! Gott hat keine anderen Hände als unsere. Zur Nachfolge Christi werden wir durch diesen skeptischen Wirt vielleicht wirksamer aufgefordert als durch die beiden begeisterten Jünger.

Nun hat das Bild mit 400 Jahren Geschichte auch schon etwas Patina angesetzt. Der Wirt mag uns als Identifikationsfigur nicht mehr dienen. Doch dafür kann mein Foto eine neue Ebene hinzufügen. Die beiden Bildbetrachter mögen eher Kunstpilger sein, statt fromme Träger der Jakobsmuschel. Aber welch ein Glück, dass ich einen jungen und einen alten Kunstliebhaber bei der Kontemplation einfing!

Jetzt müssen wir die Nachricht in unseren Freundeskreisen verbreiten: Das Grab ist leer. Und wir befinden uns in der Nachfolge Christi, beim Abendmahl und an jedem Tag unseres weiteren Lebens.

Jahresrückblick 2022

Silvester ist die richtige Zeit zum Innehalten und Zurückschauen – nicht zu lange! Man will ja nicht wehmütig werden. Aber man kann ja mal kurz die Koffer abstellen und durchatmen, bevor man sie wieder ergreift und weiterzieht in ein neues Jahr.

Wie zu den Weihnachtsfeiertagen habe ich hier nur Bilder ausgewählt, die ich in diesem Jahr im September bei meinem Urlaub in London geschossen habe. Dort lebt meine Tante, die ich sehr mag und mit der ich einmal im Jahr eine Uralubsreise unternehme. Eigentlich! Denn nach meinem letzten Besuch im September 2019 kam erstmal Corona mit den unterschiedlichsten Reiseregelungen und schon hatten wir uns drei Jahre lang nicht gesehen.

Jedes Bild zeigt Maria und Jesus, aber die Aussage ist jeweils eine ganz andere. Die möchte ich symbolhaft für die vier Quartale 2022 nehmen. Das passt vielleicht nicht immer ganz genau; aber als ein erste Anhaltspunkt soll es mir genügen.

Jungfrau mit Kind, Engeln und Johannes dem Täufer, Goa (17. Jh.)

Diese Madonna stammt aus Goa, Indien. Dort gab es bereits vor dem Eintreffen der Europäer (im konkreten Fall Portugiesen) eine christliche Gemeinde, die sogeannten Thomaschristen, die sich auf den Apostel Thomas berufen. Sie stehen der orthodoxen Kirche in vielem näher als der katholischen oder gar protestantischen Kirche. Bemerkenswert finde ich, wie Maria von Engeln getragen wird und wie Johannes der Täufer so klein und hilflos als Randfigur vergeblich um die Aufmerksamkeit Mariens buhlt.

Der Jahresanfang war für mich ein ganz freudiger, gespannter. Unser Bistro BolBolani wurde am 30. Januar ein Jahr alt. Und einen knappen Monat später hatte ich selbst Geburtstag. Doch dieser Freudentag wurde überschattet vom Einfall Putins in die Ukraine. Seitdem ist ein Schatten auf diesem Jahr. Und uns geht es bei allen Problemen um Gas, Speiseöl, Inflation und Klimawandel noch verhältnismäßig gut.

Maria und Kind, Türkei (um 1650)

Der Teller zeigt Maria und Jesus in einem Blumenmeer. Ich entdeckte die Keramik in der muslimischen Abteilung des British Museums. Jesus ist ein wichtiger Prophet im Koran und nach Maria ist sogar eine Sure benannt. Nur als Sohn Gottes wird Jesus eben nicht gesehen.

Im zweiten Quartal entwickelte ich die Idee für den Kalender 2023 Orientalische Märchen Gestalten. Diese Idee stand natürlich plötzlich monolithisch im Raum. Sie ist gereift, bis sie schließlich zum Jahresende verwirklicht vor mir lag in Form von einem Kalender mit zwölf Porträts von Spielern des FC Moahjer Leipzig e.V., einem Plakat mit allen 30 Mitgliedern des Vereins zum Saisonstart und einem Buch mit den orientalischen Märchen, auf die ich mich im Kalender beziehe.

Außerdem habe ich mich in dieser Zeit mit der guten Freundin Anna Baldauf beim Korrekturlesen ihrer Staatsexamensarbeit mit Ruth beschäftigen dürfen, einer Vorfahrin König Davids und somit auch Jesu Christi. Die Arbeit war meiner nach hervorragend. Die Prüfer haben es auch so gesehen. Herzlichen Glückwunsch!

Parmigianino (1503–1540), Jungfrau und Kind (1528)

Wenn auch dieses Bild, das unten rechts deutlich Fragment geblieben ist, vom Anfang des 16. Jahrhunderts stammt, ist es für mich das modernste. Vielleicht liegt es gerade auch am Fragmentarischen.

Mein drittes Quartal 2022 war geprägt von den Geburtstagen zweier älterer Damen. Im Juli feierte meine Familie in meienr Geburtsstadt Hildesheim den 80-jährigen Geburtstag meiner Mutter und im September feierten meine Tante und ich in London ihren 82-jährigen.

Das Bistro habe ich an meinen Geschäftspartner Mohammad Mirzaiy verkauft. Ich bin doch wohl eher Künstler und Dozent. Auch wenn mir im Unterricht das Kaufmännische alles andere als fremd ist, war das tägliche Mühen im Bistro zusätzlich doch wohl zuviel für mich.

Gentile da Fabriano (1385–1427), Madonna mit Kind und Engeln (1425)

Das Jesuskind schaut in diesem prachtvollen Altarbild nicht zum Betrachter bzw. Betenden. Es wendet sich dem vordersten Engel zu und überreicht diesem ein Gänseblümchen. Gibt es eine unscheinbarere, alltäglichere und doch unschuldigere Blume als das Gänseblümchen?

Das vierte Quartal begann mit dem 80-jährigen Geburtstag meines Vaters, den wir als Familie in Hannover, einer der Wirkungsstätten meines Vaters, feierlich begangen haben. Den Rest des Jahres habe ich wie im Fieber am Kalender-Projekt und auch ganz konkret am Vorankommen des FC Mohajer Leipzig e.V. gearbeitet. Mit sehr viel Freude und letztendlich auch mit Erfolg, würde ich sagen. Die Weihnachtsfeiertage im täglich wechselnden Kreise meiner Familie und Patenkindfamilien waren ein wundervoller Abschluss dieses Jahres.

Ich wünsche uns allen, meiner Familie, meinen Freunden und Wegbegleitern und allen Lesern dieser Zeilen ein gesundes und frohes neues Jahr 2023 unter Gottes segnender Hand!

Links
https://courtauld.ac.uk/
https://www.nationalgallery.org.uk/

https://www.britishmuseum.org/

Tag des Königs David

Heute ist der Namestag des Königs David. Es ist kein historischer Tag wie Geburtsdatum, Datum der Thronbesteigung oder Sterbedatum. Der Gedenktag ist bewusst gesetzt. David gehört damit zu den Krippenheiligen. Das sind Heilige, deren Gedenktage in die Nähe des Weihnachtsfestes gelefgt wurden, um ihre Bedeutung zu betonen. Der Thomastag am 21. Dezember gehört ebnso dazu wie der Stephanstag am 26. Dezember.

Es soll aber in meiner Folge von weihnachtlichen Posts nicht um das Leben König Davids gehen. Er ist von Bedeutung als Vorfahr Jesu; denn er wird gern als Sohn Davids bezeichnet. Sowohl im Evangelium nach Lukas als auch nach Matthäus wird eine Genealogie Jesu nachgezeichnet, die bezeichnender Weise die Abstammung über Joseph nennt.

In der katholischen Kirche wurde es dann wichtig, eine Verwandtschaft mit König David über Maria zu betonen. In diesem Zusammenhang wurde die Darstellungen der Anna selbdritt populär. Anna ist die Mutter Mariens. Die hier wiedergegebene Anna selbdritt haben ich in der National Gallery in London gefunden.

Anna selbdritt, Gerolamo dai Libri, Verona, 1510–18

Ursprünglich war das Bild das Hauptstück eines Triptychons in der Kirche Santa Maria sella Scala in Verona. Geschaffen hat es Gerolamo dai Libri (1474–1555), den man der Frührenaissance zurechnet. Seinen merkwürdigen Beinamen hat er seinem Vater zu verdanken, der bereits als Buchillustrator gearbeitet hatte. Gerolamo folgte ihm in diesem Beruf nach, scheute aber auch die größeren Formate nicht.

Mir gefallen besonders die musikalischen Engel zu Füßen der Mütter mit dem Jesuskind. Man beachte auch denbezwungenen Drachen im Hintergrund.

Fest der Unschuldigen Kinder

Dieser Tag ist die dunkle Seite des Weihnachtsfestes. König Herodes lässt in Bethlehem alle Jungen unter zwei Jahren ermorden, um auch Jesus zu treffen. Jesus ist aber bereits auf dem Weg nach Ägypten, weil Joseph durch ein Traumgesicht gewarnt wurde.

Parmigianino, Rast auf der Flucht nach Ägypten, 1523/24 (Ausschnitt)

Gerade einmal 20 Jahre war Girolamo Francesco Maria Mazzola (1503–1540) alt, als er das Bild der heiligen Familie auf der Flucht malte. Man nannte ihn den Kleinen aus Parma. So ging er auch in die Kunstgeschichte ein. Nicht nur ein Schutzengel ist mitgekommen; auch Ochs und Esel sind mit dabei.

Link
https://courtauld.ac.uk/gallery/

Zweiter Weihnachtstag

Die Anbetung der Weisen oder Könige ist das zweite große Thema der Weihnachtsbilder. Der italienische Künstler Giovanni Baronzio hat dieses Bild irgendwann zwischen 1326 und 1340 gemalt. Sein Geburtsdatum ist unbekannt, gestorben ist er 1362. Er ghört zur zweiten Generation der Schule von Rimini. Im Hintergrund des Bildes sieht man auch die Verkündigung der Engel gegenüber den Hirten.

Giovanni Baronzio, Die Anbetung der Weisen, 1326–1350 (Ausschnitt)

Link
https://courtauld.ac.uk/gallery/