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Die Welt im Spiegel historischer Ereignisse

Das Jahr ist noch jung. Behutsam testet man den einen oder anderen guten Vorsatz an der Realität. Manche zerbrechen, manche verformen sich ein wenig. Aber noch bin ich hoffnungsfroh, auch wenn die Welt heute nicht in jedem Aspekt dazu Anlass bietet.

Ja, wie steht es um die Welt? In fünf historischen Ereignissen des 11. Januar spiegelt sich einiges der aktuellen Situation. Gelegenheit für eine Top-Five-Liste:

  • 347 wird Flavius Theodosius im spanischen Coca geboren. Als Theodosius der Große ist er der letzte Alleinherrscher über das gesamte Römische Reich (sowohl Ost- als auch Westreich).
  • 1753 stirbt der Botaniker, Mediziner und Sammler Hans Sloane. Er vermacht seine Sammlung dem englischen Staat. Diese bildet den Grundstock des British Museums.
  • 1911 veröffentlicht die Berliner Zeitschrift Der Demokrat  das Gedicht Weltende von Jakob van Hoddis. Es gilt als der Beginn des literarischen Expressionismus.
  • 1922 wird Toronto General Hospital der 13-jährige Leonard Thompson als erster Diabetiker mit Insulin behandelt. Er lebt weitere 14 Jahre, bis er an einer Lungenentzündung stirbt.
  • 2017 wird die Elbphilharmonie in Hamburg eröffnet. Die Bauzeit hatte sich um sieben Jahre verlängert, die Kosten mehr als verzehnfacht.

 

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Erster Todestag von F. W. Bernstein

Vor einem Jahr starb F. W. Bernstein, der seinem Künstlernamen die Initialen seines bürgerlichen Namens Fritz Weigle vorangestellt hatte. Der 1938 geborene Lyriker und Karikaturist war einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Frankfurter Schule, aus der das Satiremagazin Titanic hevorging. Seine zwei wichtigsten Wegbegleiter hatte er um zwölf bzw. 13 Jahre überlebt: Robert Gernhard (1937–2006) und F. K. Waechter (1937–2005). Sein Grab befindet sich auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin, also ganz in der Nähe der Gebrüder Grimm.

Neben seinen herrlichen Zeichnungen sind vor allem seine kurzen Gedichte und Zweizeiler bekannt und geschätzt, z.B.:

Die schärfsten Kritiker der Elche
waren früher selber welche.

Ihm zu Ehren und eingedenk erwähnten Ausspruchs dichtete ihm Felix Görmann (der Flix) zum Abschied:

Dem größten Kritiker der Elche/
legen wir nun Blumenkelche/
auf sein großes, buntes Grab.
Danke, schön war’s. Wirklich. (Ab.)

Auch ich möchte mich da gerne einreihen:

Indiana Jones kennt einen Schatz
auf ’nem Berliner Grabesplatz.
Auf die Erkenntnis ist er stolz:
Das Bernsteinzimmer ist aus Holz.

Links
http://www.fw-bernstein.de/
http://www.goettinger-elch.de/
http://derflix.de/

Der Zustand der Welt gespiegelt in 10 historischen Ereignissen

Heute vor 53 Jahren wurde Jimmy Wales geboren, der Vater von Wikipedia. Ich spreche gern von Wikipedia als dem größten friedlichen Menschheitsprojekt, das es je gab. Und bitte: such ein anderes Projekt von dieser Größe und diesem globalen, den Menschen dienenden Ansatz. Ihr werdet nichts Vergleichbares finden.

Ohne Wikipedia fiele es mir auch viel schwerer, meine geliebten Top-Five-Listen zu verfassen, für die ich meist Geburts- oder Todestage berühmter Persönlichkeiten aufstelle.  Nun also, zum Geburtstag des Wikipedia-Begründers eine doppelte Top-Five-Liste von geschichtlichen Ereignissen an einem 7. August (inkl. zweier weiterer Geburtstage), in der sich auch der gegenwärtige Zustand unserer Welt spiegelt:

  • 936 wird Otto I. der Große (912–973) im Aachener Münster zum König des Ostfränkischen Reiches gekrönt. 26 Jahre später ist er dann der erste römisch-deutsche Kaiser.
  • 1485 bricht zum ersten Mal eine bis heute nicht eindeutig zugeordnete Krankheit in England aus – die Schweißsucht oder der Englische Schweiß. In fünf Seuchenwellen rafft sie Tausende dahin, bis sie 1551 wieder verschwindet.
  • 1495 wird auf dem Reichstag zu Worms vom König und späteren Kaiser Maximilian I. der Ewige Landfriede verkündet. Damit waren Fehden und Kleinkriege zwischen den Häusern innerhalb des Reiches – zumindest offiziell – untersagt.
  • 1867 wurde Emil Nolde geboren. Der außerordentlich begabte Expressionist zählte nach dem Krieg als Opfer des Nationalsozialismus. Tatsächlich war er selbst glühender Anhänger dieser verbrecherischen Ideologie. Heute müssen wir nun darum ringen, ob man Werk und Künstler trennen kann oder nicht.
  • 1869 wird in Eisenach der Gründungskongress der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Vorläufer der SPD) eröffnet. Am zweiten Tag erfolgte dan der tatsächliche Gründungsakt. Mit dabei: August Bebel und Wilhelm Liebknecht, der wiederum am 7. August 1900 verstarb.
  • 1883 wurde Joachim Ringelnatz in Wurzen geboren. Bei diesem expressionistischen Dichter muss nichts von etwas anderem getrennt werden. Man sollte ihn viel häufiger lesen. Und deshalb folgt der Liste ein schönes Gedicht von ihm.
  • 1908 wird bei Arbeiten zur Donauuferbahn in Willendorf eine steinzeitliche Figurine entdeckt. Heute kann man die Venus von Willendorf im Naturhistorischen Museum in Wien bewundern. Auf Facebook kann man Bilder dieser 25.000 Jahre alten Darstellung praller Weiblichkeit nicht in jedem Fall veröffentichten. Es kam 2017 vor, dass sie als Pornografie eingeschätzt und zensiert wurde.
  • 1947 landete der norwegische experimentelle Archäologe Thor Heyerdahl mit seinem Floß Kon-Tiki auf dem Atoll Raroia. Er bewies damit praktisch, dass eine Besiedlung Polynesiens von Südamerika aus möglich war.
  • 1964 verabschiedete der US-amerikanische Kongress die Tonkin-Resolution. Diese ermächtigte den Präsidenten Lyndon B. Johnson zum Eintritt in den Krieg gegen Nord-Vietnam. 2005 veröffentlichte der NSA Dokumente, die bestätigen, dass der vorher an Johnson gemeldete Angriff gezielt vorgetäuscht worden war.
  • 2008 beginnt in der Nacht zum 8. August der Kaukasuskrieg zwischen Russland und Georgien. Seitdem sind die Regionen Südossetien und Abchasien Autonome Republiken auf georgischem Gebiet.

Nun Schluss damit! Und ein Liebesgedicht von Ringelnatz; wie versprochen.

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

Todestag bedeutender Frauen

Der 5. August ist der Todestag einer Reihe bedeutender Frauen. Das fordert eine meiner geliebten Top-Five-Listen (in zeitlicher Reihenfolge):

  • Fanny Lewald (1811–1889) – Im Vormärz schrieb nicht nur Heinrich Heine. Aus einem protestantisch getauften jüdischen Elternhause stammend, widmete Lewald ihre Bücher Frauen, die gegen die Zwangsverheiratung und für ein gleiches Recht auf Bildung fochten. Zu ihren Freunden zählt u.a. Hedwig Dohm, die Großmutter Katia Manns, geb. Pringsheim.
  • Victoria von Großbritannien und Irland (1840–1901) – Die älteste Tochter von Königin Victoria und Prinzgemahl Albert wurde mit royaler Bildung und liberalen Idealen nach Preußen verheiratet. Doch ihr Ehemann war lediglich 99 Tage Kaiser des Deutschen Reiches – zu kurz, um dieses in eine konstitutionelle Monarchie umzuwandeln. Stattdessen bekam ihr Sohn Wilhelm II. genug Zeit, in den Ersten Weltkrieg hinein zu taumeln.
  • Hilde Coppi (1909–1943) – Gemeinsam mit ihrem Mann Hans gehörte sie zur Roten Kapelle, einem losen Netzwerk von Gruppen, die dem Nazi-Regime Widerstand leisteten. Den Namen erfand allerdings die Gestapo, den die DDR gern als Ehrentitel für den kommunistischen Widerstand übernahm.
  • Marilyn Monroe (1926–1962) – Die begnadete Schauspielerin und Sängerin ist zum Inbegriff der schönen Blonden geworden, die schon allein wegen ihres Aussehens in Sachen Intelligenz heillos unterschätzt wird. Wahrscheinlich ist sie genau daran auch zerbrochen.
  • Joan Robinson (1903–1983) – Die britische Wirtschaftswissenschaftlerin erweiterte die Theorien von John Maynard Keynes und läutete so die postkeynesianische Rekonstruktion ein. Sie beschrieb fast anekdotisch das Kapital als putty, jelly, steel, leets or ectoplasm (Kitt, Gelee, Stahl, Listen, Ektoplasma) und somit als formbar.

Vom Personen- zum Markennamen

Heute ist der Geburts- bzw. Todestag von Menschen, die ihren Namen im herkömmlichen Sinne unsterblich gemacht haben. Das schreit nach einer Top-Five-Liste (in zeitlicher Reihenfolge):

  • Carl Joseph Meyer (09.05.1796–27.06.1856) – Er gründete das Bibliographische Institut, zu dem heute auch der Duden-Verlag gehört. Meyers Konversations-Lexikon war jahrzehntelang die größte Konkurrenz zur Brockhaus Enzyklopädie.
  • August Friedrich Pauly (09.05.1796–02.05.1845) – Für Altphilologen und Historiker ist Der Kleine Pauly, die Kurzfassung der Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, immer noch ein Standardwerk.
  • Adam Opel (09.05.1837–08.09.1895) – Das heute etwas glücklose Auto trägt den Namen des Rüsselsheimers, der sich so schöne auf Popel reimt.
  • Apollonia Margarete Steiff (24.07.1847–09.05.1909) – Durch Kinderlähmung an den Rollstuhl gefesselt, beschäftigte sie sich mit der Nähmaschine und gründete schließlich das Unternehmen, dem die Erfindung des Teddybären zugesprochen wird.
  • Vidal Sassoon (17.01.1928–09.05.2012) – Ich wusste bis dato nicht, dass dies der Name eines Menschen ist. Aber mit Friseuren und Haarpflegeprodukten kenne ich mich eben auch nicht so aus. Sein Leben lässt sich als Traum vom armen Haarwäscher zum Millionär beschreiben.

Top-Five-Liste am heutigen Tag verstorbener Regisseure

Heute vor 63 Jahren starb Emil Nolde in Seebüll. Ich habe seine expressionistischen Bilder immer geliebt. Ich bin aufgewachsen mit der Vorstellung, dass Nolde als entarteter Künstler selbstverständlich zu Guten gehören musste. Erst viel später lernte ich, dass Nolde nicht nur der NSDAP angehört hatte, sondern dass er sich auch immer wieder deutlich antisemitisch geäußert hatte. Seinen Malstil lehnten die Nazis allerdings trotzdem ab.

Emil Nolde ist also neben Michael Jackson ein weiteres bzw. älteres Beispiel für die Frage, ob man Werk und Autor trennen könne. In gewisser Weise gibt es bei Nolde bereits eine Antwort: Seine Freunde trennten Werk und Autor. Sie hielten Nolde in den Reihen der Partei, ließen ihn aber nicht mehr seine Bilder ausstellen. Können, sollten, dürfen wir entsprechend umgedreht mit ihm verfahren? Oder sind seine Werke ebenso abzulehnen wie das Verhalten der Person?

Das werden wir mit einem kurzen Blogeintrag nicht lösen können. Dazu sind bereits dicke Bücher geschrieben worden und der Feuilleton versucht sich immer wieder dazu. Wir wenden uns daher einem anderen Thema zu, meinem Steckenpferd, den Top-Five-Listen.

Heute präsentiere ich eine Top-Five-Liste von Regisseuren, die an einem 13. April verstarben (in zeitlicher Reihenfolge):

  • Veit Harlan (1899–1964) – Mit Harlan sind wir noch nicht weit von Nolde weggekommen. Harlan ließ sich von seiner ersten Frau scheiden, weil sie Jüdin war. Sie wurde im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet. Heute kennt man Harlan vor allem durch den Propaganda-Film Jud Süß, der bis heute nur mit fachlicher Begleitung gezeigt werden darf. Interessant ist aber auch die Geschichte um sein Spätwerk Anders als du und ich (§ 175) / Das dritte Geschlecht. Harlan ist über seine Nichte Christiane verschwägert mit Stanley Kubrick.
  • Lee Man-hee (1931–1975) – Bevor der Südkoreaner mit nicht mal 44 Jahren an Leberzirrhose starb, drehte er 51 Filme ganz unterschiedlicher Genres; darunter Horror, Thriller, Mystery, aber auch Kriegs-/Nachkriegsfilme. Late Autumn von 1966 erlebte in den Jahren 1972, 1975, 1982 und 2010 bereits vier Remakes.
  • Francisc Munteanu (1924–1993) – Der Rumäne kam vom Roman zum Drehbuch und schließlich selbst zum Regiestuhl. Der sonst Regimegetreue soll 1972 in Die Heilige Therese und die Teufel die erste komplette Nacktszene in einem sozialistischen Film gedreht haben.
  • József Gémes (1939–2013) – Hier wechseln wir deutlich das Genre. Er gilt als der bedeutendste Trickfilmzeichner/-regisseure Ungarns. Bekannt ist wohl besonders der Animationsfilm The Princess and the Goblin aus dem Jahre 1991 als internationale Koproduktion.
  • Miloš Forman (1932–2018) – Der gebürtige Tscheche ist uns heute als ein großer Mann aus Hollywood bekannt: Einer flog über das Kuckucksnest (1975), Hair (1979), Amadeus (1984), Mondmann (1999). Die werden bleiben!

Gedenktag der Maler

Heute ist für die meisten US-amerikanischen Protestanten der Gedenktag vieler wichtiger Maler: Albrecht Dürer, Lucas Cranach der Ältere, Matthias Grünewald und  Michelangelo. Warum das so ist, konnte ich nicht in jedem Fall ermitteln. Meist ist der Gedenktag der Todestag einer Person. Doch das gilt nicht für alle hier Genannten, während es weitere berühmte bildende Künstler gibt, deren Todestag heute ist ohne ein lutherischer Gedenktag zu sein.

Also muss eine Top-Drei-Liste her der heute gestorbenen bildenden Künstler (in zeitlicher Reihenfolge):

  • Raffael (1483–1520) – Er hat heute sowohl Geburts- als auch Todestag. Im Leben war er vor allem der Schönheit verpflichtet. Das lässt Kritiker heute von Kitsch reden.
  • Albrecht Dürer (1471–1528) – Er ist wohl der wichtigste Kupferstecher und Holzschneider Deutschlands. Aber vor allem bleibt sein Hase.
  • Erich Ohser (1903–1944) – Man kennt ihn vor allem unter seinem Pseudonym e. o. plauen, mit dem er seine Vater-und-Sohn-Comicstrips unterzeichnete. Er karrikierte für den Vorwärts Hitler und Goebbels. Letztendlich wurde er ein Opfer der Faschisten.

Flagge zeigen!

Heute hat die deutsche Flagge Geburtstag, bzw. einen ihrer vielen Geburtstage. Denn die Farben Schwarz-Rot-Gold sind nicht nur älter als die Bundesrepublik und die Weimarer Republik, sondern sogar ein wenig älter als der Deutsche Bund von 1815. Denn davor kommen noch die Burschenschaft und das Lützowsche Freikorps der Befreiungskriege. Aber heute ist ein besonders rundes Jubiläum. Vor 100 Jahren beschloss der Staatenausschuss die Farben der deutschen Nationalflagge. Der Staatenausschuss war die Ländervertretung zur Zeit der Weimarer Nationalversammlung, quasi der Bundesrat der Übergangsphase.

Heute wissen wir, wie tragisch und brutal die Weimarer Republik endete. Doch das besudelt nicht die Farben Schwarz-Rot-Gold, die – nebenbei bemerkt – die Regeln der klassischen, aristokratischen Heraldik brechen. Bezeichnend ist nämlich, dass die Nationalsozialisten die Farben wieder abschafften. Statt der selbstbewussten bürgerlich-freiheitlichen Flagge wehte überall das heraldikkonforme Hakenkreuzbanner.


Für eine andere Entwicklung in Richtung Freiheit ist dieser Tag auch besonders wichtig. Die LGBT-Bewegung, deren Fortschritt ebenfalls am Wehen einer bestimmten Flagge abgelesen werden kann, kann heute bedeutender Ereignisse und Geburtstag gedenken. Ich liste sie in zeitlicher Reihenfolge auf:

  • 1895 – John Sholto Douglas, 9. Marquess of Queensberry lässt in seinem Club einen Brief übergeben für Oscar Wilde, den posierenden Sodomiten. Douglas ist der Vater von Alfred Douglas, dem Geliebten Oscar Wildes. Die quasi-öffentliche Betitelung als Sodomiten zwingt Wilde zu Verleumdungsklage. Diese wiederum führt zu Wildes strafrechtlicher Verurteilung wegen Homosexualität.
  • 1932 – Andreas Meyer-Hanno wird geboren. Der u. a. mit einem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Opernregisseur ist einer der wichtigsten Schwulenaktivisten der Bundesrepublik. Er setzte sich ein für das Mahnmal Homosexuellenverfolgung in Frankfurt a.M. auf dem dafür umbenannten Klaus-Mann-Platz. Es war das erste bundesdeutsche Denkmal für schwulen und lesbischen Opfer des NS-Regimes.
  • 1933 – Yoko Ono wird geboren. Sie ist nicht nur eine fantastische Künstlerin und die große Liebe von John Lennon; sie ist eine Menschenrechtsaktivistin, eine Kämpferin für den Frieden und die Gleichstellung von Homosexuellen. In der Komödie Jeffrey (1995) wird der schwule Innenarchitekt Sterling (Patrick Stewart) nach seiner größten erotischen Phantasie gefragt. Seine Antwort: einen Tee trinken mit Yoko Ono, um ihre Inneneinrichtung zu sehen.
  • 1937 – Der Reichsführer SS Heinrich Himmler hält in Bad Tölz eine Geheimrede vor den SS-Gruppenführern. In dieser Rede bezeichnet er Homosexualität als ein anormales Leben. Nach der relativen Zurückhaltung während der Olympischen Sommerspiele 1936 bedeutet dieses Rede die Rückkehr bzw. Ausweitung der Verfolgung von Homosexuellen.
  • 2006 – Die lesbische Polizistin Laurel Hester stirbt. Sie setzte sich erfolgreich dafür ein, dass ihre Partnerin nach ihrem krankheitsbedingt frühen Tod Anspruch auf Pensionszahlungen erhält, wie es bei heterosexuellen Paaren üblich ist. Julianne Moore spielt Hester im Film Freeheld (2015).

Todestag von Amadeu Antonio Kiowa

Heute vor 28 Jahren starb Amadeu Antonio Kiowa mit 28 Jahren. Das heißt er ist nun schon so lange tot, wie er überhaupt leben durfte. Und am 9. Januar wird sein Sohn, der seinen Vater nie hat sehen können, so alt wie sein Vater war, als er von Rechten in Eberswalde erschlagen wurde.

Konstantin Wecker hat sein Lied Willy, das er 1977 für einen ebenfalls von rechten Schlägern getöteten Freund geschrieben hatte, an den neuen tragischen Vorfall angepasst.

Selbstverständlich ist jeder Mord schrecklich, tragisch und unerträglich. Dass aber Unschuldige nur aufgrund ihres Aussehens, ihrer offensichtlich anderen Herkunft getötet werden, erfüllt mich als Deutscher, der sich der deutschen Geschichte bewusst ist, mit besonderer Scham.

1998 wurde die Amadeu Antonio Stiftung gegründet. Ihr erklärtes Ziel ist die Stärkung einer demokratischen Zivilgesellschaft, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet. Und diese Stiftung ist aktiv! Gerade jetzt wird eine Publikation zu Kindern Rechtsextremer in Kindergärten diskutiert.

Link
https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/

Liste literarischer Todestage und ein Arzt mit Geschichte

Ich habe schon lange keine meiner Top-Five-Listen veröffentlicht, obwohl das eigentlich meine Lieblings-Artikel-Art ist. Es böte sich auch an, etwas über Asperger zu schreiben. Schließlich ist Johann Friedrich Karl Asperger, der Namensgeber einer speziellen Form des Autismus, heute vor 38 in Wien gestorben. Aber das lässt mich emotional gerade völlig kalt. Dies könnte ein politisch nicht ganz korrekter Witz sein, der sich auf das Asperger-Syndrom bezieht, wenn ich die erklärenden Zeilen nicht auch nutzte darauf hinzuweisen, dass Asperger selbst in der Zeit des Nationalsozialismus nicht selbst menschenverachtende, kriminelle Herzenskälte bewies, als er in der sogenannten Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund Kinder und Jugendliche für die Tötung aussortierte. 1939 sagte Asperger in einem Vortrag:

Im neuen Deutschland haben wir Ärzte zu unseren alten eine Fülle neuer Pflichten übernommen. So wie der Arzt bei der Behandlung des Einzelnen oft schmerzhafte Einschnitte machen muss, so müssen wir aus hoher Verantwortung Einschnitte am Volkskörper machen. Wir müssen dafür sorgen, dass das, was krank ist und diese Krankheit in fernere Generationen weitergeben würde, zu des Einzelnen und des Volkes Unheil, an der Weitergabe des kranken Erbguts gehindert wird.

Ja, jetzt habe ich doch etwas zu Asperger geschrieben, eben weil es mich doch nicht kalt lässt. Nun aber – mit Blick auf meine Lesung am nächsten Samstag – doch schnell meine Top-Five-Liste von Todestagen bedeutender Schriftsteller:

  • Nikolos Barataschwili (1817–1844) – Ich habe nichts von Barataschwili gelesen. Aber er gehört wegen eines frühes Malaria-Todes zum Club der 27 und ist ein bedeutender Schriftsteller der Romantik aus Georgien. Georgisch wird auch bei meiner Lesung am Sonnabend zu hören sein.
  • Arthur Schnitzler (1862–1931) – Von diesem Arzt und berühmten modernen Erzähler und Dramatiker habe ich ebenfalls zu meiner Schande noch nichts gelesen oder gesehen. Sigmund Freud war begeistert vom Werk Schnitzlers. Das soll uns reichen.
  • Jack Kerouac (1922–1969) – Diesen großen Vertreter der Beat-Generation kenne ich nun endlich wirklich selbst. On the Road auf der Route 66 pflanzte weiteren Generationen das Fernweh in die Herzen.
  • Walter Schmiele (1909–1998) – Schmiele teilt das Schicksal vieler Übersetzer; weil ihre Namen nicht direkt auf dem Buchcover abgedruckt werden, kennt sie keine Sau. Und als Essayist schreibt man für ein Fachpublikum. Ich habe ihn als Autor einer Henry-Miller-Monographie kennengelernt.
  • Manfred Krug (1937–2016) – Krug war nicht nur ein hervorragender Schauspieler und arsch-cooler Sänger. Unter dem Pseudonym Clemens Kerber hatte er auch viele seiner Liedtexte selbst verfasst.