Kämpfen am 1. Mai

Als Freiberufler über die Rechte der Arbeitnehmer zu schwadronieren, ist wohl doch eher unpassend. Nun soll aber der 1. Mai ein Kampftag sein. Wäre heute nicht Sonntag, hätten wir ja trotzdem frei. Wofür kann man kämpfen? Da fallen mir sofort die LGBT-Rechte ein. Der US-amerikanische Singer/Songwriter Tom Goss kämpft ganz charmant für die Gleichstellung Homosexueller. Und seine Lieder kann man sich auch noch gut anhören.

Das Lied Son of a preacher man hat ja schon seit der Aufnahme von Dusty Springfield etwas Schlüpfriges. Nun wird es – meines Wissens erstmalig – in einem schwulen Kontext verwendet. War eigentlich schon länger fällig. Toll! Vielen Dank, Tom Goss!

60. Todestag von James Dean

Heute vor 60 Jahren starb James Dean bei einem Autounfall. Er war gerade 24 Jahre alt. Häufig folgt an dieser Stelle der Satz, dass er in nur drei Filmen gespielt hat und doch Weltruhm errang. Das stimmt nicht ganz so. James Dean hat in drei Hollywoodproduktionen für das Kino eine Hauptrolle gespielt. Nur einer davon, nämlich East of Eden, kam zu seinen Lebzeiten heraus. Ein Monat nach seinem tragischen Tod erschien Rebel Without a Cause. Bei dem letzten der drei Filme Giant musste der Dean-Intimus Nick Adams einige Szenen nachsynchronisieren.

Vor diesen drei Filmen hat James Dean in anderen Kinoproduktionen kleine Nebenrollen gespielt, ohne allerdings im Abspann erwähnt worden zu sein. Außerdem sind mir zwei Werbespots mit ihm bekannt. Einer dieser Spots wurde zwei Wochen vor seinem Tod aufgenommen und ist ein Aufruf des National Safety Council zu Vorsicht im Straßenverkehr. Des Weiteren ist James Dean in einigen TV-Produktionen mit dabei gewesen. Einige davon habe ich auch schon sehen können.

Ich trat mit 11, 12 Jahren in meine persönliche James-Dean-Phase. Ich habe ihn verehrt. Er war für mich die vollendete Kombination aus Rebellion, Coolness und Anmut. Die Phase habe ich dann gemeinsam mit meiner Pubertät überwunden. Aber ein James-Dean-Fan bin ich trotzdem noch. 1954 war James Dean am Broadway in einer Theateradaption des Immoralisten von André Gide auf der Bühne. Da hätte ich sehr gern im Publikum gesessen.

The Last Time I Saw Richard

Nachdem ich während meines Urlaubs nichts gepostet habe, muss ich ja einiges nachholen. Daher heute gleich der nächste Eintrag. In London habe ich mir einige DVDs gekauft. Eine davon ist eine Sammlung von Kurzfilmen verschiedener Autoren. Ein Film ist mir gleich aufgefallen, weil er den Titel eines Joni-Mitchell-Liedes nutzt: The Last Time I Saw Richard. Mit dem Lied hat der Film nur bedingt und mit viel Fantasie etwas zu tun. Aber er ist gut! Er ist beklemmend aber gut.

Ich kannte den australischen Filmemacher Nicholas Verso vorher nicht. Toby Wallace, der jüngere der beiden Schauspieler, hatte ich mal in einem schlechten Kinderfilm gesehen. Aber hier gefällt mir deutlich besser. Im Laufe des Jahres wird der Spielfilm Boys in the Trees von Nicholas Verso erscheinen. Die Hauptrolle hat auch wieder Toby Wallace übernommen. Ich bin gespannt. Nun aber erstmal The Last Time I Saw Richard.

Auch ein Besuch seiner Website lohnt sich: nicholasverso.com

Nach dem CSD in Leipzig

Der Christopher Street Day in Leipzig und die gesamte vorangegangene Aktionswoche ist mit der gestrigen Parade, dem Straßenfest auf dem Marktplatz und dem Pride Ball im Täubchental glamourös zu Ende gegangen. Ich persönlich habe nur das Straßenfest besucht mit Ständen von Vertretern verschiedener queerer Interessensgruppen und Showprogramm auf einer Bühne, unterbrochen von einigen Grußworten. Es war wohl ein erfolgreicher CSD.

Ich selbst sehe die CSD-Feiern mit gemischten Gefühlen. Einerseits haben wir in Deutschland heute nicht die Probleme, welche die Homosexuellen und anderen Minderheiten der New Yorker Christopher Street der späten 60er hatten, was aus einer heutigen Feier immer mehr ausgelassenen Klamauk werden lässt. Andererseits habe ich das Gefühl, dass wir selbst eine solche scheinbar unpolitische Party den sexuellen Minderheiten schuldig sind, die in anderen Ländern – selbst noch auf dem europäischen Kontinent – verfolgt werden.

Wir haben ja auch noch nicht alles erreicht. Von einer allgemein akzeptierten und gesetzlich garantierten Gleichstellung trennt uns noch der eine oder andere Paragraph. Solches wird aber nicht auf dem Marktpatz ausgehandelt. Dafür muss man durch die Institutionen marschieren. Die Stimmung am nach der Mitte lechzenden rechten Rand in Deutschland und anderen Ländern lässt mich allerdings fürchten, dass selbst bereits Erreichtes immer wieder auf dem Spiel stehen kann.

In meinen dunkelsten Augenblicken frage ich mich, ob die Ehe-für-alle nicht schon fast ein Pyrrhussieg wäre. Dieser Tage diskutieren wir über eine Karte bei Google Maps, auf der geplante und errichtete Asylantenheime in ganz Deutschland verzeichnet sind. Und andere lassen sich im Standesamt freiwillig als verpartnert aber damit auch als offiziell homosexuell registrieren. Da müssen die Faschisten ja keine eigenen Schwarzen Listen mehr führen. Aber wie gesagt, das sind die düsteren Momente.

Besonders betroffen von den Schikanen der New Yorker Polizei war übrigens die afro- und lateinamerikanische Bevölkerung. Denn die Sexarbeiter und GoGo-Tänzer in den Schwulenclubs wie dem berühmt-berüchtigten Stonewall waren überwiegend Schwarze oder Latinos. Wie viel (oder eben wenig) sich für sie seit den Stonewall Riots geändert hat, sehen wir ja fast täglich in den Nachrichten, wenn weiße Polizisten mal wieder einen schwarzen Jugendlichen töten.

Um in einer solchen Gemütsverfassung dennoch Mut zu schöpfen, höre ich gern Scott Matthew, der für den absolut genialen Kinofilm Shortbus von John Cameron Mitchell 2006 einige Lieder schrieb. Matthew tritt auch im Film selbst auf. Das letzte Lied des Film heißt – wie originell – In the End. Ich poste es an dieser gleich zwei Mal:

Internationaler Tag gegen Homophobie

Seit 2005 wird am 17. Mai der International Day Against Homophobia oder kurz IDAHO begangen. Als Datum wurde der Tag gewählt, an dem 1990 die Weltgesundheitsorganistion WHO Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel gestrichen hat und somit nicht mehr als eine Krankheit ansieht. Zum Namen dieses mittlerweile in über 120 Ländern begangenen Tages kamen 2009 die Transphobie und in diesem Jahr Biphobie dazu, sodass wir heute erstmalig den International Day Against Homophobia, Transphobia and Biphobia feiern können.

Während sich in den meisten Staaten der EU das Leben für homosexuelle Menschen immer mehr normalisiert, gibt es immer noch über 70 Länder, in denen Homosexualität strafbar ist. Und die Akzeptanz, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt als den männlichen Mann und die weibliche Frau mit allen klischeehaften Zuschreibungen, muss sich auch in unseren aufgeklärten Regionen verbreiten.

In Deutschland hat das heutige Datum noch einen besonderen Reiz: die Schreibweise 17.5. gleicht dem Paragraphen 175 im Strafgesetzbuch, der von 1871 bis 1994 in unterschiedlicher Härte homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte. Einen Homosexuellen nannte man umgangssprachlich auch einen 175er und der 17.5. den Feiertag der Schwulen.

Den 17.5.2002 nutzte der Deutsche Bundestag für eine wichtige Geste. Mit einer Ergänzung zum Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege wurden Verurteilungen auf Grundlage des § 175 StGB aus der Zeit des Nationalsozialismus für nichtig erklärt. Kritiker sehen das als nicht ausreichend an; schließlich blieb in der Bundesrepublik Deutschland der nationalsozialistische Wortlaut des Paragraphen bis 1969 [sic!] bestehen. Es gebe also noch deutlich mehr Unrechtsurteile für nichtig zu erklären.

Link
dayagainsthomophobia.org

Das Ende von Eddy

Heute habe ich nach nur drei Lesetagen (und das ist für mich als extremer Langsamleser ein Rekord) Das Ende von Eddy endgültig aus den Händen gelegt. Und um es gleich vorab kurz zu sagen: Ich bin begeistert!

Buchcover

Im Dezember 2008 wurde der Generalversammlung der Vereinten Nationen auf Initiative Frankreichs und der Niederlande die Erklärung über die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität verlesen. 67 der 192 Mitgliedsstaaten unterzeichneten sie, darunter auch die gesamte EU. Die erforderliche Mehrheit wurde jedoch verfehlt. Von Syrien gab es noch am gleichen Tag eine Gegenerklärung, welche von 57 vorwiegend islamischen Staaten unterstützt wurde.

Wir, die westliche Welt, wähnen uns schon die moralischen Sieger in Fragen der Menschenrechte. Wir verachten die in Russland Regierenden für ihre in neue Gesetze geronnene Homophobie. Doch oft erinnert mich die Aufregung an das Jesuswort in der Bergpredigt von Splittern und Balken.

Sind wir eine Tolerante Gesellschaft, weil wir im Fernsehen Abendkleid und Vollbart auch gemeinsam ertragen? Wie steht es mit dem Wechsel von Haute Couture zu Prêt-à-porter? Trägt das dünne Eis der Toleranz hier noch?

Seit 2006 gilt in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Doch Pegida und Co. zeigen uns, was auch in unserer Gesellschaft noch alles wimmelt und wuchert. Das Feuilleton darf weiter überrascht sein. In den Unterschichten wird der Diskurs nicht ganz so feingliedrig geführt, die Sprache nicht ganz so gewählt verwendet. Und ganz gleich, wie viele Zwischenformen dem Anmeldeformular von Facebook abgerungen werden, wer sich nicht wie ein ganzer Kerl benimmt, ist eben eine Tussi.

Der 1992 als Eddy Bellegueule geborene Autor schildert uns auf knappen 200 Seiten das noch junge Leben eines Menschen, der den Weg aus dieser Schicht geschafft hat. Doch wie gefährdet ist sein Weg! – Auch in unserer westlichen Welt. Was kommt alles nicht in diesem Roman vor? Welche Hilfs- und Förderprogramme haben ihn nicht erreicht? Und wie viele Menschen gibt es, deren Geschichte wir nicht kennen, weil sie nie die Möglichkeit erhielten, sie zu erzählen?

Eddy Bellegueule trennt sich von seiner Herkunft ab. 2013 ändert er seinen Namen zu Édouard Louis. Nun gehört er zu den Kreisen, die man mit der Weltstadt Paris verbindet. Doch bleibt ihm die Erinnerung, die ihn auch hier nun nicht vollständig dazugehören lässt. Er selbst sagt in einem Interview, die Pariser Verleger hätten keine Vorstellung von den Verhältnissen in der nordfranzösischen Provinz. Ein Verleger habe sein Manuskript mit Verweis auf die Unglaubwürdigkeit der Geschichte abgelehnt.

Der Spiegel hält zu den Etablierten, wenn man in einer Rezension von Franziska Wolffheim lesen kann, dass man als Leser „tatsächlich mitunter Schwierigkeiten [habe], sich auf diesen etwas holzschnittartig wirkenden Kosmos einzulassen – mag er auch authentisch sein.“

Der franko-kanadische Regisseur und Schauspieler Xavier Dolan hingegen lobt sogar dezidiert die Authentizität der Dialoge. Le Figaro schreibt schließlich: „Es erscheint so selten wie der Halley’sche Komet an unserem Himmel, ein so ungewöhnliches Buch, dass seine schiere Existenz schon einem Wunder gleicht, welches zu beschreiben die Worte fehlen.“

Ein Fachbuch hatte er bereits 2013 im Rahmen seines Soziologiestudiums herausgebracht, über Pierre Bourdieu, und eines 2014 über Michel Foucault. Man könnte ein wenig spotten über den damals noch 21-jährigen Studenten, dessen erstes Belletristisches Werk eine Autobiografie ist. Doch es geht hier nicht um die Aufzählung seiner vermeintlichen Meriten. Es ist ein bedeutendes Überlebenszeugnis. Der Roman wäre schon als reine Schilderung wichtig. Hinzu kommt die Sprache, die viel gelobt, auch in der deutschen Übersetzung überzeugt.

Bereits im Januar 2014 wurde En finir avec Eddy Bellegueule von Édouard Louis in Frankreich veröffentlich. Ins Deutsche übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel ist Das Ende von Eddy bei S. Fischer am 19. Februar 2015 erschienen.

 

Links
edouardlouis.com (auf Französisch)
fischerverlage.de/buch/das_ende_von_eddy
spiegel.de/kultur/literatur/das-ende-von-eddy