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Afghan Lives Matter

Über die Vorgänge im Iran habe ich bereits geschrieben. Nach der großen Demonstration unter dem Hashtag #BlackLivesMatter am vergangenen Wochenende gab es heute Abend eine Demonstration zu #AfghanLivesMatter mit leider deutlich weniger deutscher Beteiligung. Das Anliegen ist aber wichtig. Und Afghanistan ist auf dem internationalen Spielfeld leider immer wieder im Abseits.

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Ich habe viele Freunde und Bekannte wiedergetroffen. Von den Reden habe ich nicht alle verstanden, weil viele auf Persisch gehalten wurden. Aber ich ahne, was sie gesagt haben.

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Und noch ein paar Panoramen:

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Aktuelle Euphemismen

Um es kurz zu machen: Mich widert die ganze rechte Scheiße in Sachsen dermaßen an, dass ich auch sprachlich die Contenance verliere, wenn ich auch nur einen Augenblick über die Lage in Orten wie Freital nachdenke. Wenn es nur ein paar kahlgeschorene und fehlgeleitete Dorftrottel wären, die mal ein wenig rumbrüllen wollen, um sich Brüllen zu hören, könnte ich das einfach ignorieren. Aber dass in den Asylantenheimen Flüchtlinge auf einen rechten Mob schauen müssen, von dem sie nicht sagen können, ob er sie letztendlich am Leben ließe, erschreckt mich so sehr, dass ich mich schnell auf einen Nebenschauplatz flüchten muss, um nicht vollständig handlungsunfähig zu werden.

Der damalige Gouverneur von Kalifornien Hiram Warren Johnson sprach 1914 den seitdem oft zitierten Satz: das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Und die Wahrheit hat ein so zartes Wesen, dass es nicht einmal Stiefel braucht, um sie zu zertreten. Es reichen allein schon Worte, falsche Worte. Das wussten auch die Nazis, die mit Goebbels an der Spitze einen Propaganda-Apparat schufen, welcher die Kunst des Euphemismus auf seine bisherige Spitze trieb. Victor Klemperer hat die Sprache der Nationalsozialisten einer äußerst luziden Studie unterzogen, die bereits 1947 unter dem Titel LTI – Notizbuch eines Philologen erschien. Die Abkürzung LTI steht dabei für den Terminus Lingua Tertii Imperii und karikiert damit bereits einen Aspekt der Nazisprache – den AF (=Abkürzungsfimmel), der einen ersten Schritt der Verschleierung darstellt.

Dem Geist Klemperers folgend möchte ich meine Top-Five-Liste den aus meiner Sicht schlimmsten Euphemismen der neuen deutschen Rechten widmen:

  1. PEGIDA und LEGIDA etc. pp.
    Als ich das erste Mal von PEGIDA hörte, musste ich des Klanges wegen an Paddington Bear denken, der mit seinem „Things are always happening to me. I’m that sort of bear.“ zumindest auch in die Kategorie Problembär fällt. Doch das war bestimmt nicht beabsichtigt. Dennoch haftet all diesen Abkürzungen der Demonstrationsinitiativen etwas gewollt Harmloses, ja, fast Albernes an. NPD klingt ja so historisch nah nach NSDAP, aber LEGIDA scheint eher ein neuer Hit von Ricky Martin zu sein, gleich nach Living la Vida Loca. Vielleicht wurden sie deshalb auch so lange (bis heute) in ihrer Gefährlichkeit unterschätzt.
  2. besorgte Bürger und Patrioten
    Man muss sich nur einige der geifernden Kläffer vor dem Asylbewerberheim in Freital in den Nachrichten anschauen, und man weiß, dass dies keine besorgten Bürger sind, die ihrer Sorgen wegen ein paar Fragen stellen möchten, um Klärung und Erleichterung zu erfahren. Mich erinnern diese leider eher an das gesunde Volksempfinden, welches 1938 in der Reichskristallnacht in einen spontanen Volkszorn ausbrach.
    Ich weiß, dass der Begriff des Patrioten in weiten Kreisen Deutschlands einen sehr schlechten Ruf genießt. Pegida und Konsorten helfen da bestimmt nicht. Ich möchte das Wort einmal probehalber auf mich anwenden: Ich bin froh, in einem wohlhabenden Rechtsstaat hineingeboren worden zu sein. Ich kann mich mit vielen Kulturschaffenden der deutschen Geschichte identifizieren. Ich liebe die deutsche Sprache (gerne auch mal ohne sächsische Einfärbung). Ich schaue die beiden Fußballweltmeisterschaften und wünsche jeweils „meiner“ Nationalmannschaft den Erfolg des Sieges. Ich denke, man kann mich einen Patrioten nennen. Ich habe in meinem Freundeskreis Menschen aus Belgien, England, Frankreich, Indien, Italien, Kanada, Kongo, Niederlande, Polen, Schweden und den USA. Das stößt sich in keiner Weise damit.
  3. Asylgegner
    Das Wort transportiert nebenbei die Ansicht, man könne ein Gegner des Asylrechts sein. Das Asylrecht ist mit dem Artikel 16a aber ein Teil der unantastbaren Grundrechte (siehe Artikel 19, 2). Nach Artikel 17 hat jedermann das Recht, sich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen zu wenden. Vielleicht sollten das die besorgten Bürger eher machen, als den Asylbewerbern zu drohen.
  4. echte Flüchtlinge vs. Wirtschaftsflüchtlinge
    Es seien keine echten Flüchtlinge, weil es nur junge Männer wären, aus Ländern, wo Deutsche Urlaub machen. Nun möchte ich nicht an dieser Stelle über die Urlaubsgewohnheiten mancher Deutscher urteilen. Der Begriff des Flüchtlings ist in der Genfer Flüchtlingskonvention geklärt. In Deutschland entscheidet darüber nicht ein Mob sondern das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bzw. ggf. das zuständige Gericht. Wenn im deutschen Verfahren die Flüchtlingseigenschaft festgestellt wird, ist dies übrigens lediglich ein deklaratorischer Akt; denn Flüchtling war man schon vorher.
    Tatsächlich ist die Flucht nach Naturkatastrophen in der Genfer Flüchtlingskonvention nicht vorgesehen. Das spricht meines Erachtens nicht gegen die Flüchtlinge, sondern gegen die Konvention. Selbstverständlich muss ich aber fair bleiben und die aktuelle Rechtslage bedenken. Interessant ist aber doch, dass gerade in einem Bundesland wie Sachsen, das nach der bankrotten DDR jetzt der prosperierenden Bundesrepublik angehören darf und bei den Elbehochwassern nicht nur die Solidarität dieser gesamten Bundesrepublik, sondern auch die 350 Mio. EUR schwere Hilfe der EU für zukünftigen Hochwasserschutz zu spüren bekam, nun so kleinlich reagieren möchte. 2002 mussten des Hochwassers wegen ganze Ortschaften in der Sächsischen Schweiz evakuiert werden. Wenn sich die Zeitgenossen des Weißeritz-Hochwassers in Freital erinnern mögen, haben sie sich 2002 auch wie Flüchtlinge gefühlt. Wie gefühlskalt müssen die FRIGIDA-Demonstranten sein?
  5. Wir sind das Volk
    Dieser Satz wird wohl noch in Jahrhunderten zitiert und diskutiert werden, ganz wie Soldaten sind Mörder und dann sollen sie Kuchen essen. Und wie diese anderen Sätze auch, entfernt er sich nicht nur von seinem historischen Ursprung, sondern mit gleichem Tempo von seinem Wahrheitsgehalt. Als am 7. Mai 1989 bei den Kommunalwahlen der DDR die Einheitsliste der Nationalen Front mit 98,85 Prozent bestätigt worden sein wollte, konnte mit Unterstützung kirchlicher Gruppen in einigen Wahlkreisen die offensichtlich und dreiste Wahlfälschung nachgewiesen werden. Die Montagsdemonstranten erinnerten die Mächtigen des Landes, das 1949 als Volksdemokratie gestartet ist, dass das Volk nicht auf gefälschten Wahlzetteln, sondern auf der Straße zu finden sei.
    Am 9. Oktober 1989 rief ein Leipziger Flugblatt dann den Einsatzkräften zu: Wir sind ein Volk! Gewalt unter uns hinterläßt ewig blutende Wunden! Für die entstandene ernste Situation müssen vor allem Partei und Regierung verantwortlich gemacht werden. Im November schon markierte dieser leicht veränderte Satz den Willen zur sogenannten Wiedervereinigung.
    Wenn heute die Demonstranten aus dem PEGIDA-Dunstkreis die Parole skandieren, schließen sie nicht andere ein, wie etwa die Sicherheitskräfte am Rande der Züge, sondern sie schließen alle aus, die nicht in ihre Definition von Volk passen. Sie maßen sich damit eine ungeheure und grundgesetzwidrige Deutungshoheit an, verstecken dies aber in einem allgemein positiv konnotierten Satz.

Lügenpresse, das Unwort des Jahres 2014, hat hier keinen Eingang gefunden, weil es eben kein Euphemismus ist. Es gehört aber selbstverständlich in die Reihe von Wortschöpfungen, -entlehnungen und Zitaten, die Victor Klemperer mit Argwohn betrachtete.