Richard von Weizsäcker

75 Jahre Kriegsende

Heute vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Einige Rückwärtsgewandte versuchen sich darin, den heutigen Tag erneut nationalistisch auszudeuten. Das lehne ich entschieden ab. Ich werde keinen langen Text zu der Bedeutung des Kriegsende verfassen. Das haben berufenere Geister bereits so viel besser getan. Ich zitiere hier den ersten Teil der historischen Rede vom 8. Mai 1985 durch unseren damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker:

Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen – der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa.

Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. Wir müssen die Maßstäbe allein finden. Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter. Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit.

Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mußten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.

Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewußt erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, daß Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche vor dem geschenkten neuen Anfang.

Es war schwer, sich alsbald klar zu orientieren. Ungewißheit erfüllte das Land. Die militärische Kapitulation war bedingungslos. Unser Schicksal lag in der Hand der Feinde. Die Vergangenheit war furchtbar gewesen, zumal auch für viele dieser Feinde. Würden sie uns nun nicht vielfach entgelten lassen, was wir ihnen angetan hatten?

Die meisten Deutschen hatten geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden. Und nun sollte sich herausstellen: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient. Erschöpfung, Ratlosigkeit und neue Sorgen kennzeichneten die Gefühle der meisten. Würde man noch eigene Angehörige finden? Hatte ein Neuaufbau in diesen Ruinen überhaupt Sinn?

Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft.

Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.

Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.

Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.

Die vollständige Rede kann hier nachgelesen werden: https://www.bundespraesident.de/

Wer nicht selber lesen möchte, sondern stattdessen den historischen O-Ton genießen, kann die Aufzeichnung der Rede auch – von tagesschau.de bereitgestellt – sehen:

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Ramadan, Corona und die Werbung

Der Ramadan und der Advent haben – bei allen offensichtlichen Unterschieden – wichtige Gemeinsamkeiten. Beide sind die Vorbereitungszeit für die Offenbarung des Wort Gottes, ob es nun für Moslems der Koran ist oder für Christen Jesus, das fleischgewordene Wort. Beide sind auch Fastenzeiten. Ok, der Advent war es mal. Und beide sind gleichzeitig die Gelegenheit für Festessen und soziale Interaktion in Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft.

Deshalb hat auch die Fernsehwerbung sowohl den Advent als auch den Ramadan entdeckt für besonders aufwendige Werbefilmproduktionen. Bereits im letzten Jahr habe ich eine kleine Auswahl von Videos präsentiert, die mir besonders gefallen haben. In diesem Jahr möchte ich das wiederholen. In allen Werbungen (mit Ausnahme von McDonald’s) sind die Folgen der Corona-Krise bereits zu erkennen.

Wir beginnen mit McDonald’s in Singapur. Ein junger Mann arbeitet bei McDelivery. Wir erleben ihn als einen sehr sympathischen Menschen. Er ist im Ramadan ständig von Essen umgeben. Gegen Abend wird er von seinem letzten Kunden zum Essen eingeladen.

Der pakistanische Getränkehersteller Jam-e-Shirin zeigt uns Mutter und Tochter im Konflikt, weil kein Essen für ein Iftar-Mahl im Haus ist. Die Arbeitgeberin würde Geld schicken, mein die Mutter. Du hast doch schon lange nicht mehr für sie gearbeitet, die Tochter. Als ein Bote eine Kiste mit Lebensmitteln, einen Umschlag mit Geld und ein Handy übergibt, an dem die Arbeitgeberin spricht, dass sie niemals ihre beste Mitarbeiterin im Ramadan vergessen könnte, ist alles wieder gut.

Das Waschmittel Surf excel ist auch aus Pakistan. Ein Junge lernt von seinem Vater, dass es im Ramadan auch um gute Taten geht. Der Junge strengt sich den ganz Tag an, anderen zu helfen und eine Freude zu bereiten, und wird dabei sehr schmutzig. Am Abend kommt der Vater nachhause. Dort erst sehen wir, dass er ein Arzt ist.

Die ägyptische Banque Misr ruft jedem Menschen zu: du bist außergewöhnlich! Gezeigt werden unsere Helden der Corona-Krise sowie Menschen mit Handicap und – wie man es wohl sagen würde – ganz normale Menschen. Jeder einzelne ist etwas Besonderes.

Der Telekommunikationsanbierter Zain aus Kuwait macht ja jedes Jahr von sich reden durch seine besonders zu Herzen gehende Ramadan-Werbung. Hier geht es um Lebensfreude und Liebe trotz Corona und vor allem um Gottvertrauen angesichts der globalen Krise. Selbstverständlich bekommen die Helden der Krise einen Applaus gespendet.


Damit ist meine Top-Five-Liste der Werbung im Ramadan eigentlich abgeschlossen. Aber das Indus Hospital hat als Fundraiser einen Werbespot zu Corona im Ramadan produziert. Mit diesem Video möchte ich abschließen. Ramadan Kareem!

Politikerinnengeburtstag

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau, die ihm den Rücken freihält. So heißt es allgemein. Doch immer wieder – und heute glücklicherweise immer öfter – treten Frauen aus dem Hintergrund und werden selbst erfolgreich. Bevor ich meine Top-Five-Liste von Politikerinnen, die heute Geburtstag haben, beginne, möchte ich zwei weiteren Frauen gratulieren.

Cäcilie Bertha Benz, geb. Ringer (1849–1944) übergab ihrem Verlobten Carl Benz bereits vor der Hochzeit ihre Mitgift, damit dieser sein Unternehmen weiterführen konnte. Schließlich begründete erst ihre legendäre Fahrt mit dem Benz Patent-Motorwagen Nr. 3 von Pforzheim nach Mannheim und zurück den wirtschaftlichen Erfolg dieser Erfindung.

Dorothy Gladys „Dodie“ Smith (1896–1990) ist eine englische Schriftstellerin. Von ihr stammt das Buch The Hundred and One Dalmatians, or the Great Dog Robbery, das 1961 von Walt Disney in einen märchenhaften Zeichentrickfilm verwandelt wurde.

Nun aber zu den Politikerinnen, die an einem 3. Mai geboren wurden:

  • Hedwig Heyl (1850–1934) – Parteipolitisch nicht so bedeutend und später leider auch ins rassische abgerutscht, schuf sie 1884 die erste Hauswirtschaftsschule. 1904 organisierte sie den Internationalen Frauenkongress in Berlin. 1920 bekam sie einen Ehrendoktor für Ernährungswissenschaften.
  • Golda Meir (1898–1978) – Nachdem sie 1949–1956 Arbeitsministerin und danach bis 1965 die Außenministerin Israels war, wurde sie am 17. März 1969 Israels erste und bisher eizige Ministerpräsidentin.
  • Traute Lafrenz (*1919) – Sie ist keine Politkerin im eigentlichen Sinne, sondern Ärztin. Sie gehört aber zum engeren Unterstützerkreis der Weißen Rose, erlbete das Ende des Zweiten Weltkriegs im Gefängnis und soll somit auch ein Teil meiner politischen Geburtstagsliste sein.
  • Katrin Dagmar Göring-Eckardt (*1966) – Sechs Jahre vor mir brach sie ihr Theologiestudium in Leipzig ab. Seit 1998 ist sie für Bündnis90/Die Grünen Mitglied des Bundestages. Und auch in der evangelisch-lutherischen Kirche übernimmt sie immer wieder wichtige Ämter.
  • Franziska Giffey (*1978) – Von 2015 an Bezirksbürgermeisterin in Berlin-Neukölln, wurde die SPD-Politikerin 2018 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Yves Klein

Die Kirche und das ewige Blaue

Heute vor genau 800 Jahren wurde in Salisbury der Grundstein für The Cathedral Church of St Mary gelegt. Die Kathedrale ist ein frühes Beispiel für den Early English Style, der typisch englischen Ausprägung der Frühgotik. Der 100 Jahre später vollendete Vierungsturm ist heute mit 123 Metern der höchste Kirchturm Englands. Um ihn tragen zu können, wurden die Eckpfeiler der Vierung mit den charakteristischen Scherenbögen versehen, welche die Lasten noch einmal verteilen bzw. ableiten.

Die Kathedrale von Salisbury ist die Vorlage für den Roman Die Säulen der Erde (1989) von Ken Follett, der 2010 in einer deutsch-kanadischen Koproduktion verfilmt wurde. Das nehme ich zum Anlass für eine Top-Five-List von Schriftstellern, die heute Geburtstag haben:

  • Karl Kraus (1874–1936) – Der Dichter und Publizist bemühte sich um einen aufklärenden Journalismus. Für die Hetzblätter prägte er den Begriff Journaille. Heute wissen wir, dass der Kampf um guten Journalismus niemals aufhört.
  • Bruno Apitz (1900–1979) – Der Leipziger war früh Teil der Arbeiterbewegung, erst SPD, dann KPD. Im Nationalsozialismus kam er ins KZ. Sein Roman Nackt unter Wölfen ist bis heute Schulliteratur.
  • Kurt Friedrich Gödel (1906–1978) – Eigentlich ist Gödel Mathematiker und Logiker. Doch sein Nachweis, dass es in hinreichend starken Systemen Aussagen geben muss, die sich weder beweisen noch widerlegen lassen, kann auch in der Literatur und in der Lebenswelt so herrlich angewendet werden. Schließlich beschäftigte sich Gödel auch mit dem Gottesbeweis.
  • Harper Lee (1926–2016) – Sie schrieb nur ein Buch: To Kill a Mockingbird. Aber der wurde verfilmt mit Gregory Peck in der Hauptrolle als aufrechter Amerikaner.
  • Terence David John Pratchett (1948–2015) – Terry Pratchett gehört zu den großen der Fantasy-Literatur, genauer des Teils der Fantasy-Literatur, der man ein gewisses literarisches Niveau zugestehen muss. Und ich schwöre, dass ich wirklich einmal ein Buch von ihm lesen werde!

Die Liste prominenter Geburtstage reisst nicht ab. Heute vor 112 Jahren wurde der Unternehmer Oskar Schindler (1908–1974) geboren. Seine durch Steven Spielberg weltbreühmte Liste von kriegsnotwendigen Zwangsarbeitern rettete vielen Juden in Nazideutschland das Leben. Der Staat Israel erklärte ihn 1993 zu einem Gerechten unter den Völkern. Die von ihm Geretteten übergaben Schindler zum Dank einen Ring, der aus Zahngold gefertig war und einen Satz aus dem Talmud enthielt:

Wer nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.

Man kann sagen, dass ein weiteres Gebrutstagskind des 28. April den passenden künstlerischen Ausdruck für das 20. Jahrhundert gefunden hat: Yves Klein (1928–1962) und seine Monochromen Vorschläge (siehe Beitragsbild).

Blau war in der Malerei des Mittelalters eine heilige Farbe. Und die Romantiker verzehrten sich in Sehnsucht nach der blauen Blume. Heute ist uns das Blau des Himmels oft noch Sinnbild des Göttlichen oder zumindes des Ewigen. Vor diesem Ewigen werden sich auch die letzten drei Jubilare des heutigen Tages rechtfertigen müssen:

  • António de Oliveira Salazar (1889–1970) – Er war von 1932 an als Ministerpräsident und später auch als Präsident Portugals der Staatsführer einer faschistoiden Diktatur, die erst vier Jahre nach seinem Tode mit der Nelkenrevolution beendet wurde.
  • Karl-Eduard Richard Arthur von Schnitzler (1918–2001) – Der schwarze Kanal war eine Sendung im DDR-Fernsehen. Dort schüttete der hinter vorgehaltener Hand als Sudel-Ede bezeichnete Moderator seine Propaganda über den Kapitalismus aus.
  • Saddam Hussein (1937–2006) – Der Diktator des Irak unterdrückte und mordete Kurden und Schiiten. Er war lange Zeit das Ziehkind des Westens gegen die kommunistischen Einflüsse im Iran und Afghanistan. Als er zu viel wollte und Kuwait besetzte, ließen ihn die USA fallen.

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Aus der Ursuppe

Es gibt so Tage, da kann ich meinen Geist nicht auf ein Thema fokussieren. Ich meine damit keine klassische Konzentrationsschwäche, sondern die Vielschichtigkeit der Welt, die mit  unzählbar vielen Ereignissen auf das Individuum herniederdonnert. Jedes dieser Ereignisse wäre meiner Aufmerksamkeit würdig. Heute kann ich keine einfache Top-Five-Liste erstellen. Aber eine bestimmte Reihenfolge sowie thematische Gewichtung werde ich auch hier einhalten.

Heute vor 111 Jahren wurde Bernhard Klemens Maria Hofbauer Pius Grzimek (1909–1987) geboren. Ich habe zur Schnapszahl mal alle Vornamen spendiert. Man kennt ihn vor allem als Tierfilmer und mit seinem Nachnamen. 1960 war er der erste Deutsche, der nach dem Zweiten Weltkrieg einen Oscar gewann. Sein Werk: Serengeti darf nicht sterben. Von 1945 bis 1974 war er der Direktor des Frankfurter Zoos.

http://www.zoo-frankfurt.de/
http://www.bernhardgrzimek.de/

Auf den Tag genau zwei Jahre später wurde Karl August Fritz Schiller (1911–1994) geboren. Er war in der ersten Großen Koalition unter Kanzler Kiesinger (und darüber hinaus) der erste sozialdemokratische Wirtschaftsminister. Er ist der Vater des Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft von 1967, das ich in meinem Unterricht als Magisches Viereck behandle. Mittlerweile sind jedoch noch zwei Ecken hinzugekommen.

https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/
https://www.gesetze-im-internet.de/stabg/

Auch Elisabeth Veronika Mann Borgese (1918–2002) erblickte am 24. April das Licht der Welt. Das fünfte Kind Thomas Manns bemühte sich gemeinsam mit ihrem Gatten Giuseppe Antonio Borgese (1882–1952) um eine Weltverfassung. 1970 war sie Gründungsmitglied des Club of Rome. Weiterhin war sie eine treibende Kraft hinter dem Seerechtsübereinkommen der UN 1982 und der Gründung eines Internationalen Seegerichtshofs 1996. Ihr ist mein Beitragsbild, der Strand von Baltrum, gewidmet.

https://www.literaturportal-bayern.de/
https://www.literaturhaus-muenchen.de/

Heute haben wir vom Tod Norbert Blüms (1935–2020) erfahren. Er war in jedem Kabinett Helmut Kohls als Minister vertreten. Er führte die Pflegeversicherung ein und reformierte das Rentensystem. In diesem Zusammenhang fiel auch sein berühmtester Satz: Die Rente ist sicher. Mich hat Blüm meine gesamt Entwicklung über, vom unmündigen Kind zum politisch Interessierten Erwachsenen, begleitet. Ich möchte hier die Video-Aufzeichnung der Debatte zur Rentenreform wiedergeben. Wer nicht die ganzen 50 Minuten schauen will, ab Minute 26 wird es interessant.

https://dbtg.tv/cvid/1937201

Fridays for Future ist noch immer aktuell und stark. Die Maßnahmen zur Corona-Krise haben gezeigt, dass auch in westlichen Demokratien die Fähigkeit zu schnellem und beherztem Handeln vorhanden ist. Warum nun, fragt man sich, hören Politiker bei Corona auf die Wissenschaftler, beim Klima aber nicht. Heute ist ein virtueller Streiktag.

https://fridaysforfuture.de/
https://fridaysforfuture.org/

Gestern hat Donald Trump den Ärzten empfohlen, darüber nachzudenken, den Corona-Patienten Desinfektionsmittel zu spritzen. Es vergeht eigentlich  kein Tag, wo ich nicht denke, da kann Trump eigentlich keinen mehr draufsetzen. Hier hat er den Gipfel erreicht. Und jeder weitere Tag belehrt mich eines Besseren. Der Songwriter und Satiriker Roy Zimmerman (*1957) hat vor wenigen Tagen ein schönes Video gepostet, das sich zurzeit viraler verbreitet als Corona.

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Am Vorabend des Ramadan 2020

Heute Abend wird die Sichel des Neumondes zu sehen sein und der Ramadan beginnen, die Fastenzeit der Muslime. Die muslimische Art des Fastens (kein Essen und Trinken zwischen Sonnenauf- und -untergang) stellt schon eine körperliche Herausforderung dar, doch stärker als das Christliche Fasten, was normalerweise heute ein Verzicht auf Fleisch, Alkohol, Süßigkeiten bedeutet. Natürlich ist sie außerdem eine Zeit der inneren Einkehr. Aber – und da unterscheiden sich christliches und muslimischen Fasten – kennt der Ramadan das allabendliche Fastenbrechen. Und das ist ein soziales Ereignis.

Das Fastenbrechen wird in großen Gruppen begangen oder in der Nachbarschaft. Manche Familien laden sich zum Fastenbrechen einen Fremden ein, den sie wie einen teuren Gast bewirten. Ich kenne das auch als eine Weihnachtstradition. Oft ist es nur noch ein leerer Stuhl, den man für einen weiteren Gast aufstellt – für die einen ist es der Weihnachtsmann (der bekommt dann Milk and Cookies), die anderen warten auf Jesus selbst.

Im Ramadan der letzten Jahre habe ich diese konkrete Gastfreundschaft einige Male (und hier stimmt nun auch Mahle) erleben dürfen. Doch in diesem Jahr wird es wohl nichts geschehen. Denn die Corona-Krise zwingt uns alle zur Vorsicht.

Ich wünsche all meinen muslimischen Freunden dennoch eine glückliche Zeit der Einkehr, des Fastens und des Fastenbrechens, wenn auch in kleinerem Kreis. Ramadan Mubarak!

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Schauspieler-Geburtstage

Der 21. April ist von mir schon zwei Mal bearbeitet worden: 2016 und 2017. In diesem Jahr möchte ich den Geburtstag von Schauspielern feiern – in einer Top-Five-Liste:

  • Anthony Quinn (1915–2001) – In fast allen größeren Hollywood-Produktionen der 40er- bis 60er-Jahre is Quinn vertreten. Man kennt ihn bis heute als bedauernswerten Glöckner von Notre-Dame und als den Griechen Alexis Sorbas.
  • Tony Danza (*1951) – Aus der Serie Wer ist hier der Boss bekannt. Hier teilt er sich den Synchronsprecher mit ALF: Tommi Piper.
  • Roy Dupuis (*1963) – Diesen Regisseur und Schauspieler kenne ich vor allem aus dem beklemmenden Film Jesus von Montreal. Absolute Empfehlung!
  • Toby Stephens (*1969) – Er stammt aus einer echten Schauspielfamilie. Seine Mutter ist Maggi Smith. Viel Theater, aber auch ein James Bond: Stirb an einem anderen Tag!
  • James McAvoy (*1979) – Ich liebe die Serie Shameless. Und wenn ich das schreibe, meine ich natürlich das britische Original und nicht das amerikanische Remake.

Todestage großer Anfänger

Bevor ich mich meinem eigentlichen Thema widme, möchte ich Tim Curry zum Geburtstag gratulieren. 74 Jahre wird der Darsteller des Doktor Frank N. Furter in The Rocky Horror Picture Show. Und gerade wird mir bewusst, wie nah an der Kinopremiere 1975 mein Erstkontakt im NDR 1985 war. Ich war 12 und habe bei weitem nicht alles verstanden. Aber mich faszinierte dieses schillernde sexuelle Mischwesen. Seitdem bin ich ein Fan.

Heute ist auch – in einer Häufung der Ereignisse, die mir die Nahrung für meine Blog-Einträge bietet – der Todestag von Daphne du Maurier, der Grande Dame des edlen Schreckens. Drei ihrer Erzählungen wurden von Alfred Hitchcock zu filmischen Meisterwerken veredelt: Rebecca (1938), Riff-Piraten (1939) und – last but not least – Die Vögel (1963). Noch beeindruckender finde ich aber den Film Wenn die Gondeln Trauer tragen (1973), der ebenfalls auf einer Erzählung du Mauriers beruht. Wahrscheinlich würde sie heute als selbstbewusste Lesbierin leben. Damals nannte sie sich verschämt einen the boy in the box.


Doch nun zu einer Top-Five-Liste von Todestagen berühmter Männer des Beginnens. Spätestens seit Ostern wissen wir ja, dass der Tod nicht immer ein Ende sein muss, sondern vielmehr einen Anfang darstellt.

  • Ulrich Fugger der Ältere (1441–1510) – Hier mache ich schon den ersten Kompromiss. Er ist nicht der Begründer großen Familie der Fugger von der Lilie, aber er ist der älteste Sohn. Sein um 18 Jahre jüngerer Bruder, der auch den Namen des Vater erbte, wurde später von Albrecht Dürer porträtiert und wurde Jakob der Reiche genannt. Beider Großneffe, der Kunstmäzen Hans Fugger starb übrigens auch an einem 19. April. Wenn hier etwas angefangen hat, dann der Kapitalismus und kaufmännische Familiendynastien.
  • Philipp Melanchthon (1497–1560) – Er war nicht einfach Wegbegleiter Martin Luthers. Man kann ihn gut und gerne den zweiten Wittenberger Reformator nennen. Auch er wurde von Albrecht Dürer porträtiert; bekannter aber ist sein Abbild aus der Werkstatt Lucas Cranachs. Seine Allgemeinen Grundbegriffe der Theologie sind 1521 die erste Dogmatik der entstehenden evangelischen Kirche.
  • Charles Robert Darwin (1809–1882) – Über den Begründer der Evolutionstheorie muss ich wohl nicht viel schreiben. Aber es ließe sich anmerken, dass Darwin in Cambridge Theologie studierte, dass er Gott als höchste regelgebende Instanz ansah. Sein Zweifeln an Gott hatte übrigens weniger mit der Evolutionstheorie als mit dem frühen Tod seiner Tochter Annie 1851. Für die vor allem in den USA verbreiteten Grabenkämpfe zwischen Creationisten und Darwinisten hätte er wohl nur ein Kopfschütteln übrig.
  • Pierre Curie (1859–1906) – Er bekam gemeinsam mit seiner Frau Marie eine Hälfte des Physiknobelpreises 1903 zugesprochen, währen die andere Hälfte an Henri Becquerel ging. Dass seine Frau 1911 noch einen zweiten Nobelpreis (für Chemie) bekommen sollte, erlebte er nicht mehr, da er mit 46 Jahren bei einem Unfall mit einem Pferdefuhrwerk starb. Seine Tochter Irène Joliot-Curie bekam 1935 den Nobelpreis für Chemie zugesprochen. Pierre Curie ist somit Nobelpreisträger, Ehemann einer doppelten und Vater einer weiteren Nobelpreisträgerin. Dass seine Forschung den Anfang zu einer neuen Massenvernichtungswaffe und einer langfristig problematischen Energienutzung wurde, wollen wir ihm nicht anlasten.
  • Konrad Hermann Joseph Adenauer (1876–1967) – Mit ihm beginnt die Bundesrepublik Deutschland ihren erfolgreichen Weg aus der Nazizeit zu einem wachsend selbstbewussten Staat innerhalb westlicher Bündnisse. Ich wäre als Zeitgenosse wohl nicht auf seienr Seite gewesen. Rückblickend muss man seine historische Leistung doch anerkennen.

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Ganz der Vater oder die Mutter?

Heute ist der 202. Todestag von Ernst Christian Trapp (1745–1818), dem ersten deutschen Inhaber eines Lehrstuhls für Pädagogik. Seine Antrittvorlesung an der Universität in Halle (Saale) hatte den Titel Von der Notwendigkeit, Erziehung und unterrichten als eine eigene Kunst zu studieren. Darin heißt es auch:

Es kann keine pädagogischen und didaktischen Regeln und Grundsätze geben, keine Maximen der Schulreform, die nicht von Fall zu Fall geändert, an die jeweiligen Umstände angepasst und korrigiert werden müssten.

Das passt sowohl zu den ständigen Reform- und Gegenreformvorschlägen in den Ländern, als auch zu der ganz akuten Herrausforderung, vor die Eltern, Lehrer und Schüler in Zeiten des Corona-Lockdowns gestellt sind. Und dann haben wir noch gar nicht von den Inhalten gesprochen, etwas die Bedeutung von Goethes Faust für 16-Jährige des 21. Jahrunderts.

Was aber aktuell wieder allen Verantwortlichen auf den Nägeln brennt, ist der große Unterschied zwischen Kindern gebildeter Eltern und denen aus bildungsfernen Schichten. Für die einen sind die vergangenen Wochen eine mal interessante, mal anstrengende Abwechslung zum klassischen Schulalltag, die trotzdem einen Lernerfolg brachten, während für die anderen entweder seit Mitte März kein Schulbuch mehr gesehen haben oder mit ihren Fragen zum Stoff alleingelassen bleiben. Das ist eine Ungerechtigkeit des Bildungssystems, die sich wohl leider niemals vollständig wird eliminieren lassen.

Ganz in der Nähe dieses Problems umwabert uns die ewige Frage, ob des Menschen Natur oder dessen bzw. die von seinen Vorfahren geschaffene Kultur den jungen Menschen stärker prägt. Im Englischen heißt dies pointiert nature versus nurture. Solche Kurzformen greifen natürlich nicht weit genug. Ist das Verhalten der Mutter während der Schwangerschaft bereits Kultur? Ist die frühkindliche Erziehung noch ein Rest eines natürlichen Verhaltens?

In früheren Zeiten hat man diesen Dualismus über die Geschlechter dargestellt. Die Mutter bringt das Kind zur Welt. Das ist die Natur. Der Vater führt die Heranwachsenden in die Gesellschaft ein. Das ist die Kultur.

Im Parzival [siehe Beitragsbild] nach Wolfram von Eschenbach (1160–1220) heißt es im Kapitel 738 auf Mittelhochdeutsch:

den lewen sîn muoter tôt gebirt:
von sînes vater galme er lebendec wirt.
(Die Löwin ihr Junges tot gebiert,
das durch Vaters Gebrüll lebendig wird.)

Der Übersetzer Kurt Heinrich Hansen (1913–1987) rettete eine arabische Redewendung unbekannter Herkunft ins Deutsche, die man fast als Antwort auf den Parzival verstehen kann:

Zweimal wird der Mensch geboren:
Hat die Mutter dich verloren,
dann sieh zu, dass du vom Geist
deines Vaters dich befreist!

Andere sehe nicht so sehr die Rollen der Eltern im Mittelpunkt, als viel mehr das Geschlecht des Nachwuchses. Das wird heute mit der Aufteilung in Sex und Gender kritisch betrachtet. Dem englischen Romantiker Robert Southey (1774–1843) wird folgender Nursery Rhyme mit der Nummer 821 im Roud Folk Song Index zugeschrieben:

What are little boys made of?
What are little boys made of?
Snakes and snails
And puppy-dogs’ tails
That’s what little boys are made of.

What are little girls made of?
What are little girls made of?
Sugar and spice
And everything nice
That’s what little girls are made of.

Als Funfact am Rande: Southey gilt auch als der Autor, der das Wort Zombie aus dem Haitianisch-Französisch für das Englische entlehnte.

Schließen wir diesen Artikel mit einem gemischgeschlechtlichen Geschwisterpaar aus Neuseeland. Die Broods sangen auf ihrem zweiten Album Evergreen, dessen Cover die beiden als Menschen mit Hunde- und Katzengesicht darstellt ein Lied aus der Perspektive eines jungen Erwachsenen, der nun Mutter und Vater verlassen hat. Es wird sich finden.

Und wenn ich schon dabei bin; es gibt auch eine schöne Akustikversion: